# taz.de -- taz🐾thema: Eine Brücke über das Valley of Death
       
       > Exzellente Krebsforschung kommt zu oft erst mit Verzögerung bei den
       > Patient:innen an. Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen soll
       > die zeitliche Lücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung schließen.
       > Die Betroffenen sind daran beteiligt
       
 (IMG) Bild: Labor im Neubau des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Dresden
       
       Von Cordula Rode
       
       Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen neu an Krebs –
       Tendenz steigend. Die größte Chance im Kampf gegen Krebs ist exzellente
       Forschung. Im Jahr 2004 gründeten das Deutsche Krebsforschungszentrum
       (DKFZ) und das Universitätsklinikum Heidelberg gemeinsam mit der Deutschen
       Krebshilfe das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg.
       2015 kam Dresden als zweiter Standort dazu. Im Rahmen der Nationalen Dekade
       gegen Krebs, einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und
       Forschung (BMBF) wurden Anfang 2023 vier weitere neue Standorte in das NCT
       aufgenommen: Berlin, SüdWest (Tübingen/Stuttgart-Ulm), WERA (Würzburg mit
       den Partnern Erlangen, Regensburg und Augsburg) und West (Essen/Köln).
       
       Die beteiligten Kliniken mussten umfangreiche Vorerfahrung nachweisen und
       in einer zweijährigen Strategiephase exzellente Konzepte entwickeln. Das
       NCT wird vom BMBF zu 90 Prozent gefördert, die entsprechenden Bundesländer
       beteiligen sich zu 10 Prozent. Ziel des NCT ist es, vielversprechende
       Ergebnisse aus der Krebsforschung schnell und sicher in die klinische
       Anwendung zu bringen, um Patient:innen flächendeckend Zugang zu
       innovativen Behandlungsansätzen ermöglichen. Dies soll durch enge
       Kooperation des DKFZ mit ausgewählten Partnern in der Universitätsmedizin
       und in der Forschung erreicht werden. „Nur Spitzenzentren werden in das NCT
       aufgenommen“, erklärt Lars Zender, der das im vorigen Jahr als neuen
       Standort aufgenommene NCT-SüdWest leitet. „Wir sind bereits seit vielen
       Jahren Comprehensive Cancer Center mit Schwerpunkt auf Präzisionsonkologie,
       Immuntherapie und molekularer Bildgebung.“
       
       Kamen früher neuentwickelte Medikamente fast ausschließlich von
       Pharmaziekonzernen, die die Möglichkeit umfangreicher und zeitnaher Studien
       hatten, so werden heute deutlich mehr innovative und vielversprechende neue
       Therapeutika in der medizinischen Forschung entwickelt. Und genau da
       entsteht eine Lücke, so Zender: „Es dauert oft viel zu lang, bis diese
       neuen Ansätze wirklich bei den Patient:innen ankommen, weil es zu wenig
       Möglichkeiten für die entsprechenden akademischen Studien gibt.“ Diese
       große Lücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung wird von den
       Expert:innen auch als „Valley of Death“ bezeichnet. Eine optimale
       Vernetzung zwischen Forschung und Kliniken sowie hohe finanzielle Förderung
       sollen dafür sorgen, dass die an Krebs erkrankten Menschen deutlich
       schneller von den Forschungsergebnissen profitieren.
       
       Die Idee: Der ständige Austausch der Kliniken und Expert:innen schafft
       eine Art Wissenspipeline, in der alle Ergebnisse allen Beteiligten der
       Kooperation zur Verfügung stehen und die damit die wissenschaftliche
       Forschung potenziert. Einer der Schwerpunkte ist die personalisierte
       Onkologie. Bekamen früher an einem bestimmten Krebs erkrankte Menschen eine
       Art „Einheitstherapie“ in der Kombination von Operation, Chemotherapie und
       Bestrahlung, so ist es inzwischen möglich, für jeden Tumor eine Art eigenen
       Fingerabdruck zu erstellen und die Therapie etwa mit Hemmstoffen und
       Antikörpern individuell zu planen und durchzuführen. Damit lässt sich im
       Idealfall verhindern, dass der Tumor durch ungeeignete Behandlung
       therapieresistent wird.
       
       Doch auch in anderer Hinsicht wird die Behandlung von Krebserkrankungen
       „personalisiert“. Das NCT etabliert eine Form der Patientenbeteiligung, die
       in diesem Umfang ein absolutes Novum darstellt und die Patient:innen zu
       Forschungspartner:innen auf Augenhöhe machen soll. „Es war uns immer
       wichtig, Patient:innen so eng wie möglich in unsere Prozesse und
       Entscheidungen einzubinden“, erläutert Zender. Spielte sich das aber bisher
       eher in Austausch und Kooperationen mit Selbsthilfegruppen ab, so gibt es
       nun feste und umfangreiche Kriterien für diese Beteiligung.
       
       Bereits 2018 etablierte das DKFZ den Patientenbeirat Krebsforschung. Schon
       in der Konzeptphase zur Erweiterung des NCT wurden
       Patientenvertreter:innen eingebunden. In Arbeitsgruppen gestalteten
       sie den Entwicklungsprozess entscheidend mit. Um die Patientenbeteiligung
       fest zu verankern, wurde der NCT-Patientenforschungsrat gegründet, der an
       den standortübergreifenden Gremien aktiv beteiligt ist. Parallel gibt es
       lokale Patientenforschungsräte an jedem Standort. Damit die
       Patientenbeteiligung in der Krebsforschung ihr volles Potenzial entfalten
       kann, arbeiten die NCT-Patientenforschungsräte mit anderen Organisationen
       und Initiativen in Deutschland, wie dem Krebsinformationsdienst (KID) des
       DKFZ, zusammen.
       
       Diese völlig neuartige Form der Beteiligung stelle allerdings hohe
       Ansprüche an die Patient:innen, so Zender: „Wissen zu klinischen Studien
       und wissenschaftlichen Methoden ist da ebenso wichtig wie gute
       Englischkenntnisse, da viele Studien nicht auf Deutsch vorliegen.“ Um
       diesen Hintergrund zu schaffen, hat das NCT die Nationale
       Patienten-Experten-Akademie für Tumorerkrankungen (PEAK) ins Leben gerufen,
       die praxisnahe Kurse für interessierte Patient:innen und deren
       Vertreter:innen anbietet. Ziel ist nicht allein der Gedanke, Betroffene
       besser an Prozessen und Entscheidungsfindungen teilhaben zu lassen, sondern
       auch, umgekehrt von deren Erfahrungen und Bedürfnissen zu profitieren. Sie
       sind Expert:innen in eigener Sache und geben unerlässliche Rückmeldungen
       zum Erleben von Diagnose und Behandlung sowie zur Lebensqualität.
       
       3 Feb 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cordula Rode
       
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