# taz.de -- Öffentlichkeit in Russland: Kriegsmüde Frauen
       
       > Im Oktober 2022 ordnete Russland eine Teilmobilisierung an. Weil ihre
       > Männer bis heute nicht zurückgekehrt sind, begehren zunehmend Frauen im
       > Land auf.
       
 (IMG) Bild: „Mein Mann hat der Heimat genug geholfen“: Maria Andrejewa von der Gruppe „Der Weg nach Hause“ am 20. Januar in Moskau
       
       MOSKAU taz | Maria Andrejewa redet sich in Rage: „Die Heimat verteidigen?
       Ich pfeife auf diese Heimat! Ich will meinen Mann zurück, mit Beinen und
       Armen, unversehrt!“ Ihr weißes Kopftuch ist ihr auf die Schultern
       gerutscht, sie dreht sich zu zwei Frauen um, die versuchen, sie zu
       beruhigen: „Männer sind einzigartige Geschöpfe Gottes, als Krieger
       geschaffen. Wenn Sie ihn zurückholen, verliert er seine Männlichkeit. Beten
       Sie für ihn“, sagt eine von ihnen und legt ihre Hand auf Andrejewas Kopf.
       Es sind Sätze, die so viel patriarchale Missachtung ausdrücken, dass es
       Maria Andrejewa noch aufgebrachter macht. Sie entwindet sich und sagt laut:
       „Mein Mann hat der Heimat genug geholfen!“
       
       Die Mittdreißigerin ist in den Moskauer Präsidentenstab gekommen, hier
       können Russinnen und Russen ihre Unterschrift abgeben, damit Wladimir Putin
       als [1][Präsidentschaftskandidat] für die Abstimmung im März registriert
       wird. Seine Wiederwahl ist zwar bereits gesetzt, aber Unterschriften
       müssten eben für jeden Anwärter her, so sei das Gesetz, vermittelt der
       Staat seinem Volk. So wie er einst auch vermittelt hatte, dass sogenannte
       „Teilmobilisierte“ nach spätestens sechs Monaten Dienst an der Front in der
       Ukraine nach Hause kämen.
       
       Die Bevölkerung nahm es hin, kaufte Thermounterwäsche für die Männer, die
       auch Väter und Brüder sind, organisierte schusssichere Westen, schickte
       Wollsocken an die Front, Kerzen für die Schützengräben, Essen. Auch Maria
       Andrejewa empfand es als „Ehre“, dass ihr Mann in den Krieg, den sie mit
       Putins Worten als „militärische Spezialoperation“ bezeichnet, zog. Um die
       „Heimat zu verteidigen“, wie sie sagt.
       
       Vor wem der gelernte Masseur sie verteidigen sollte, weiß Andrejewa
       allerdings bis heute nicht. Es sei nun ohnehin vorbei mit der „Ehre“, sie
       wolle keine Vergünstigungen für sich und ihre kleine Tochter, sie wolle
       ihren Frieden, mit ihrem Mann an ihrer Seite. In den Krieg könnten
       schließlich andere ziehen, Vertragssoldaten, Freiwillige, aber doch nicht
       ihr Liebster.
       
       ## „Also ging er hin, dumm natürlich“
       
       Seit Oktober 2022, zwei Wochen zuvor hatte Putin seine „Teilmobilisierung“
       ausgerufen, war er nicht mehr zu Hause in Moskau. Seit September 2023
       kämpft Maria Andrejewa mit anderen Frauen von Mobilisierten „für
       Gerechtigkeit“, wie sie sagt. [2][Im Telegram-Kanal namens „Der Weg nach
       Hause“] posten sie ihre Geschichten, gehen mit Plakaten, die die Rückkehr
       der Männer einfordern, auf die Straße, legen jeden Samstag Blumen an den
       Denkmälern ihrer Städte nieder und bitten die Politik um Hilfe.
       
       Da ist Antonina, die ihren Panzerfahrer-Ehemann wegen seiner Magengeschwüre
       nach Hause holen will. Da ist Jana, die ihren Mann nicht zurückhalten
       konnte, als der Einberufungsbescheid kam. „Was muss, das muss. Also ging er
       hin, dumm natürlich“, sagt sie heute. Da ist Mascha, die ihren Mann im
       Zinksarg zurückbekam und nun wütend fragt: „Warum gibt es keinen Aufschrei
       derer, die ihre Liebsten für immer verloren haben?“ Kaum eine von ihnen
       stellt – ob aus Vorsicht vor den repressiven Gesetzen oder aus Überzeugung
       – den Krieg grundsätzlich infrage, wie auch kaum eine von ihnen das Regime
       hinterfragt.
       
       Manchmal aber klingen Zweifel an: „Wir irrten uns, indem wir glaubten,
       Politik gehe uns nichts an. Dann aber kam die Politik zu uns“, sagt eine,
       die nicht namentlich genannt werden will. Langsam realisieren sie, dass
       ihre Rechte nichts gelten in Russland. In ihr „Manifest“ haben die Frauen
       Forderungen wie diese aufgenommen: „Wir sind für die volle Demobilisierung
       der Zivilbevölkerung. Für die politische Stabilität und ein würdiges Leben
       eines jeden in Russland, für die Menschenrechte und einen Rechtsstaat. Wir
       sind gegen die legalisierte Knechtschaft. Gegen das Schweigen der Führung.“
       Sie sind nicht das einzige Sprachrohr für die Angehörigen von
       Mobilisierten, auch Telegram-Kanäle wie „Wir holen die Jungs zurück“ oder
       „Wir sind zusammen“ sammeln Aufrufe von Frauen. „Der Weg nach Hause“ aber
       ist mit knapp 40.000 Abonnent*innen der bislang größte und öffentlich
       aktivste.
       
       Doch Russland lässt die Frauen im Regen stehen. Lediglich der – noch nicht
       als Präsidentschaftskandidat registrierte – Systemoppositionelle Boris
       Nadeschdin hatte sich kürzlich in einem Moskauer Loft mit den Frauen
       getroffen. Dabei ging es dem Mann allerdings mehr um seine
       Selbstinszenierung als „Patriot und Kriegsgegner“ statt um die Anliegen der
       wenigen Frauen, die gekommen waren. Doch immerhin: Der Staat ließ sie
       gewähren.
       
       ## Der Druck vom Kreml steigt
       
       Für die Propagandist*innen sind die Frauen „Feindinnen“,
       „Verräterinnen“, „Provokateurinnen“, ihre Bewegung von westlichen
       Geheimdiensten ins Leben gerufen und bezahlt. Es ist die übliche
       Diffamierungskampagne gegen Personen, die das Regime, womit auch immer,
       kritisieren. [3][Bei seiner Pressekonferenz im Dezember] sagte Putin, eine
       „zweite Welle der Mobilisierung“ werde es nicht geben. Eine Perspektive für
       die „erste Welle“ gab er nicht. Dabei erklärte der russische Präsident das
       Jahr 2024 fast im gleichen Atemzug zum „Jahr der Familie“.
       
       Andrei Kartapolow, Abgeordneter im Verteidigungsausschuss der Duma,
       erläuterte gar, die Männer kämen erst heim, wenn die „militärische
       Spezialoperation“ beendet sei. Für die aufständischen Frauen der
       Mobilisierten klingt das wie Hohn. „Wir sind denen egal, wir existieren
       nicht für sie, sie haben uns und unseren Männern das Leben gestohlen“, sagt
       eine von ihnen. Maria Andrejewa schimpft: „Herr Präsident, schämen Sie sich
       nicht? Sie haben Ihre Würde verloren. Wollen Sie sich noch weiter
       blamieren?“ Ihre Vorsicht lässt nach, ihre Radikalität nimmt mit jedem
       ihrer Auftritte zu. „Wir haben Fragen. Und wir wollen, dass diese Fragen
       gehört werden“, sagt Maria Andrejewa beim Treffen mit dem
       Möchtegern-Präsidenten Nadeschdin.
       
       Die Behörden sind längst aufmerksam geworden auf die Aufmüpfigen. Ihre
       Blumenniederlegungen werden von Polizisten des sogenannten „Zentrum E“
       gefilmt, einer Einheit für Extremismusbekämpfung, die oft auf
       Oppositionelle angesetzt wird. Der Inlandsgeheimdienst FSB habe einige von
       ihnen zur Befragung abgeholt, ihre Männer würden von den Kommandierenden an
       der Front unter Druck gesetzt, berichten die Frauen.
       
       Der Unmut der Angehörigen bringt den Staat in Verlegenheit. Sie sind Putins
       Stammwählerschaft, die meisten von ihnen stehen nach wie vor hinter seiner
       Entscheidung zum Krieg. Sie sind das, was der russische Präsident gern als
       „das tiefe russische Volk“ bezeichnet. Menschen, die sich jahrelang, nahezu
       fraglos, der Losung des Kremls unterwarfen: „Wir sorgen für euer Wohl und
       ihr haltet euch aus der Politik heraus.“ Nun hat der Staat diesen Frauen
       nichts anzubieten. Das macht ihren Protest unberechenbar und so kurz vor
       der „Wahl“ zu einem Risiko.
       
       25 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Opposition-gegen-Putin/!5982913
 (DIR) [2] https://t.me/s/PYTY_DOMOY
 (DIR) [3] /Propaganda-Show-in-Russland/!5976361
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Inna Hartwich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Russland
 (DIR) Soldaten
 (DIR) Moskau
 (DIR) Front
 (DIR) GNS
 (DIR) Russland
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Lenin
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Präsidentenwahl in Russland: Nadeschdin kassiert ein „Njet“
       
       Oppositionspolitiker Nadeschdin darf in Russland bei der Präsidentenwahl
       nicht antreten. Die Behörden begründen das mit fehlerhaften Unterschriften.
       
 (DIR) Mobilisierung in der Ukraine: Voll erfasst für den Fronteinsatz
       
       Die Ukraine will mit einer stärkeren Erfassung mehr Soldaten mobilisieren.
       Präsident Selenski und sein Oberbefehlshaber streiten über die Zahl.
       
 (DIR) Militärjet in Russland: Ein Absturz und viele offene Fragen
       
       Russland wirft der Ukraine vor, einen Militärjet auf russischem Gebiet
       abgeschossen zu haben. Angeblich 65 ukrainische Kriegsgefangene seien tot.
       
 (DIR) 100. Todestag Lenins in Russland: Lebendiger als die Lebenden
       
       Vor 100 Jahren ist Lenin gestorben. In der russischen Erinnerungspolitik
       spielt er fast keine Rolle mehr. Warum ist das so?
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Ukraine-Krieg +++: 27 Tote in Donezk
       
       Russland wirft der Ukraine einen „barbarischen“ Angriff auf einen Vorort
       von Donezk vor. In der Ukraine wehren Soldaten russische Drohnenangriffe
       ab.