# taz.de -- momentaufnahmen: Wenn das mit Norden und Süden nicht so einfach ist
       
       Auf dem Weg zur Arbeit sitze ich in der S46 in Richtung Berlin-Westend. Ich
       bin müde. Es ist kurz vor 9 Uhr am Morgen. Neben mir im Fahrradabteil
       sitzen drei Schülerinnen, etwa 14 Jahre alt. Aufgeregt und viel zu
       energiegeladen unterhalten sie sich. So halb höre ich ihnen zu.
       
       Auf Höhe der Station Hermannstraße in Neukölln entbrennt auf einmal eine
       hitzige Debatte über Himmelsrichtungen. „Wir fahren grad Richtung Westen,
       ey“, sagt eine und zeigt nach links in die Fahrtrichtung. „Hä nee,
       Nordwesten“, sagt eine andere, „das ist da!“, und zeigt schräg links durch
       das gegenüberliegende Fenster. „Warte! Warte! Ich hab da so’ne App“, wirft
       die Dritte ein und öffnet den vorinstallierten Kompass ihres iPhones. Die
       anderen beiden wirken erstaunt. „Da ist Norden“, zeigt die mit der App
       richtig.
       
       Von den gegenüberliegenden Sitzen ruft plötzlich eine vierte Schülerin:
       „Ich hab’ne Kompass-App, ich bin was Besseres!“ Die ungefragte
       Zwischenruferin wird von den dreien aber keines Blickes gewürdigt. „Da ist
       Norden“, wiederholt die Dritte ungerührt. „Und da ist dann Westen“, sagt
       die Erste. Und zeigt in die gegenüberliegende Richtung dessen, wo laut
       Kompass-App eben noch Norden war. Nächste Station: Südkreuz. Luise Bartsch
       
       20 Jan 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luise Bartsch
       
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