# taz.de -- Nachwahlen in Großbritannien: Erfolg für Labour
       
       > Bei zwei Nachwahlen erleiden die Konservativen in bisherigen Hochburgen
       > Niederlagen. Das hat auch mit ihrer Wirtschaftspolitik zu tun.
       
 (IMG) Bild: Labour-Politiker Alistair Strathern in Mid Bedfordshire küsst seine Partnerin nach dem Wahlsieg
       
       London taz | Stimmenzuwächse von über 20 Prozentpunkten: Bei zwei
       Nachwahlen in den Wahlbezirken Mid Bedfordshire und Tamworth hat [1][die
       britische Labour-Party] den Tories schwere Niederlagen beigebracht. Damit
       hat Labour in den vergangenen sechs Monaten insgesamt vier parlamentarische
       Nachwahlen gewonnen und eine nur knapp verloren.
       
       In der Grafschaft Mid Bedfordshire am nördlichen Rand Londons beendete der
       Labourkandidat Alistair Strathern, ein Mitarbeiter der britischen
       Staatsbank Bank of England, eine 92-jährige Geschichte konservativer
       Herrschaft. In Tamworth in der Grafschaft Staffordshire, nördlich von
       Birmingham, in der Mitte Englands, setzte sich die Abgeordnete Sarah
       Edwards, bisher Gewerkschaftsvertreterin, mit 46 Prozent gegen den
       konservativen Kandidaten (41 Prozent) durch.
       
       2019 hatten die Tories hier noch 66,3 Prozent der Stimmen für sich
       verbuchen können, Labour war auf 23,3 Prozent gekommen. Für Labour bedeuten
       die Ergebnisse zudem, dass die Partei Regionen erobern konnte, die
       mehrheitlich für den Brexit gestimmt hatten. In Tamworth waren das 66
       Prozent der Wähler:innen gewesen.
       
       Es ist ein Triumph für die Reformen und Veränderungen in der Labourpartei
       von Keir Starmer und ein hartes Urteil der Wähler:innen über 13 Jahre
       konservativer Regierung, auch wenn Regierungschef Rishi Sunak sich als
       Kandidat der Veränderungen darzustellen versucht. Die beiden siegreichen
       Kandidat:innen sagten, die Wahlen seien vor allem ein Urteil über die
       Misswirtschaft der Tories gewesen.
       
       ## Sexuelles Fehlverhalten
       
       Zu den Nachwahlen war es aus zwei Gründen gekommen: In Mid Bedfordshire, wo
       die Konservativen 2019 noch 59,9 Prozent der Stimmen erreicht hatten, war
       die bisherige Boris-Johnson-treue Abgeordnete Nadine Dorries aus Protest
       gegen dessen Rückzug ebenfalls zurückgetreten.
       
       In Tamworth zog der dortige Abgeordnete Chris Pincher die Reißleine,
       nachdem ihn ein parlamentarischer Ausschuss sexuellen Fehlverhaltens
       gegenüber anderen Personen schuldig gesprochen und eine achtwöchige
       Suspendierung empfohlen hatte – ein Verfahren, dessen Beginn Pincher gar
       nicht erst abwartete.
       
       Die beiden Wahlkreise stehen symbolisch für das bisherige konservative
       Herzland Englands. Die Ergebnisse der Abstimmungen dürften dem „Politbüro“
       der Konservativen zu denken geben. Die Stadt Tamworth ist durch die
       Produktion von Fahrzeugen bekannt. Im Zentrum steht eine alte Burg, die von
       vielen Dörfern und landwirtschaftlichen Nutzflächen umgeben ist. Einige
       dieser Dörfer sind äußerst wohlhabend, während viele dazwischen liegende
       Gegenden ärmer sind. Knapp 20 Prozent der dortigen Kinder leben in
       relativer Armut.
       
       Mid Bedfordshire ist größtenteils ländlich geprägt, mit relativ gut
       situierten Dörfern, die noch im großstädtischen Einzugsbereich Londons
       liegen. Die Niederlage der Tories in beiden Wahlkreisen konnte auch der
       Umstand nicht verhindern, dass die Konservativen relativ respektable
       Kandidaten aufgeboten hatten.
       
       ## Lokale Themen
       
       In Tamworth trat Andrew Cooper an, ein Ingenieur und ehemaliger
       Obergefreiter der Armee, der im örtlichen Staffordshire-Regiment diente. An
       Mid Bedfordshire versuchte sich Festus Akinbusoye, ein in Nigeria
       geborener, in London in relativer Armut aufgewachsener politischer
       Aufsteiger und ehemaliger Polizeibeamter, der es bis zum Posten des von
       Bürger:innen demokratisch gewählten Polizeikommissars für Bedfordshire
       gebracht hatte. Er kam auf 31,1 Prozent der Stimmen und landete damit um
       drei Prozentpunkte hinter dem Labour-Kandidaten Alistair Strathern.
       
       In Tamworth spielten vor allen lokale Themen bei der Wahl eine Rolle.
       Wähler:innen bemängelten die Zerstörung des Umlands durch den Bau der
       Höchstgeschwindigkeitsbahnstrecke HS2. Die bisher geplante Strecke zwischen
       Birmingham und Manchester sollte mitten durch die Wahlgemeinde verlaufen.
       
       Aufgrund der Absage dieses Vorhabens durch Premierminister Rishi Sunak
       [2][beim konservativen Parteitag] haben sich nun viele Zwangsverkäufe,
       Rodungen und Landeinebnungen als vollkommen unnötig herausgestellt.
       
       Des Weiteren leidet Tamworth unter der Schließung vieler Geschäfte in der
       Haupteinkaufsstraße, wofür jedoch riesige mit dem Auto erreichbare
       Ladenketten und Großmärkte am Rande der Stadt mitverantwortlich sind. Viele
       Wähler:innen bemängelten auch die Schließung der örtlichen Polizeiwache
       aufgrund der konservativen Sparpolitik.
       
       ## Gestiegene Lebenshaltungskosten
       
       Darüber hinaus gab es nationale Themen, die auch in Mid Bedfordshire
       diskutiert wurden – etwa gestiegene Lebenshaltungskosten und Probleme bei
       der ärztlichen Versorgung. Während die Nachwahl Tamworth ein Rennen
       zwischen Tories und Labour war, kämpften in Mid Bedfordshire Labour und die
       Liberaldemokrat:innen gegeneinander, um die Tories abzulösen. Die
       Lib Dems kamen mit 23,1 Prozent der Stimmen auf den dritten Platz.
       
       Die Wahlbeteiligung lag in Mid Bedfordshire bei nur 44,1 Prozent, bei den
       Nationalwahlen 2019 hatten noch 73,7 Prozent der dortigen Wahlberechtigten
       ihre Stimme abgegeben. In Tamworth gingen sogar nur 36 Prozent an die Urnen
       (64,3 Prozent im Jahr 2019). Das wirft Fragen im Hinblick auf die
       bevorstehenden Nationalwahlen 2024 auf. Denn wie sich die Wähler:innen, die
       sich jetzt enthalten haben, dann entscheiden, weiß niemand.
       
       Labourchef Keir Starmer sprach von einem phänomenalen Resultat für seine
       Partei im Dienst arbeitender Menschen, die politische Landkarte werde neu
       gezeichnet werden. „Das zeigt unsere Fähigkeit, diese Tory-Hochburgen zu
       gewinnen. Es zeigt, dass die Menschen eine Veränderung wollen und bereit
       sind, unserer veränderten Labourpartei zu vertrauen.“
       
       20 Oct 2023
       
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