# taz.de -- Kämpfe in Bergkarabach beunruhigen UN: Aserbaidschan schießt weiter
       
       > Aserbaidschan solle die Offensive sofort beenden, fordern mehrere Länder
       > bei der UN-Generalversammlung. Doch Baku will nur verhandeln, wenn
       > Armenien kapituliert.
       
 (IMG) Bild: Versteckt vor dem Beschuss der Stadt Stepanakert/Chankendi in Bergkarabach am 19. September
       
       Eriwan afp/rtr | Aserbaidschan setzt seinen Militäreinsatz in der
       Konfliktregion Bergkarabach trotz internationaler Appelle zur Einstellung
       der Kampfhandlungen fort. Die am Dienstag begonnenen militärischen
       Maßnahmen gingen erfolgreich weiter, teilte Aserbaidschans
       Verteidigungsministerium am Mittwoch mit. Kampfstellungen,
       Militärfahrzeuge, Artillerie- und Flugabwehrraketenanlagen sowie andere
       militärische Ausrüstung seien „neutralisiert“ worden.
       
       Der groß angelegte Militäreinsatz Aserbaidschans in Bergkarabach mit
       mindestens 27 Toten ist von der internationalen Gemeinschaft mit Besorgnis
       aufgenommen und auch am Rande der UN-Generaldebatte in New York
       thematisiert worden. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) rief am Dienstagabend
       (Ortszeit) erneut zu einem Ende der Gewalt auf. Frankreich forderte
       angesichts des Militäreinsatzes eine „Dringlichkeitssitzung“ des
       UN-Sicherheitsrats. Rom bot Armenien und Aserbaidschan seine Vermittlung
       an. Auch Moskau erklärte, das „Blutvergießen“ müsse aufhören.
       
       Nach monatelanger Eskalation im Konflikt um Bergkarabach hatte
       [1][Aserbaidschan am Dienstag einen groß angelegten Militäreinsatz] in der
       umstrittenen Kaukasusregion gestartet. Die Regionalhauptstadt
       Stepanakert/Chankendi sowie weitere Städte standen nach Angaben der
       Vertretung Bergkarabachs in Armenien unter „intensivem Beschuss“.
       
       Pro-armenische Kräfte meldeten mindestens 27 Todesopfer, darunter zwei
       Zivilisten. Über 7.000 Bewohner wurden demnach aus 16 Ortschaften
       evakuiert. Vertreter westlicher Staaten forderten ein sofortiges Ende der
       Kämpfe.
       
       ## Aserbaidschan fordert Kapitulation
       
       „Die erneuten militärischen Aktivitäten, davon bin ich überzeugt, führen in
       die Sackgasse“, sagte Scholz bei der UN-Generaldebatte in New York. „Sie
       müssen enden.“ Zuvor hatte er bereits erklärt, es gehe darum, „wieder
       zurückzukehren zum Pfad der Diplomatie“.
       
       Frankreich erklärte gegenüber der Nachrichtenangentur AFP, eine
       Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zu der „illegalen“ und „nicht
       zu rechtfertigenden“ Offensive Bakus in Bergkarabach könne „in den nächsten
       Tagen“ stattfinden, möglicherweise am Donnerstag.
       
       Italiens Außenminister Antonio Tajani forderte Aserbaidschan auf, „seine
       Militäraktion“ in [2][Bergkarabach] „sofort zu beenden“, nachdem er sich am
       Dienstag am Rande der UN-Generalversammlung mit seinen armenischen und
       aserbaidschanischen Kollegen getroffen hatte. Er habe dem armenischen
       Außenminister Ararat Mirsojan sowie dem aserbaidschanischen Kollegen Jejun
       Bayramow seine Vermittlung in dem Konflikt angeboten, erklärte sein Büro.
       
       Auch das russische Außenministerium rief am Mittwochmorgen dazu auf, „das
       Blutvergießen sofort zu beenden, die Feindseligkeiten einzustellen und das
       Töten von Zivilisten zu beenden“.
       
       Die armenischen Behörden der umstrittenen Region verlangten einen
       sofortigen Waffenstillstand und Verhandlungen. Die aserbaidschanische
       Regierung erklärte sich grundsätzlich zu Verhandlungen bereit, forderte
       aber als Voraussetzung die Kapitulation der armenischen Separatisten. Sie
       müssten ihre Waffen abgeben, das „illegale Regime“ müsse sich auflösen.
       Sollte dies nicht geschehen, würde die Offensive „[3][bis zum bitteren
       Ende] fortgesetzt“.
       
       Im Fall einer Kapitulation schlug Baku Gespräche „mit Vertretern der
       armenischen Bevölkerung Karabachs“ in der aserbaidschanischen Stadt Jewlach
       vor.
       
       ## Stepanakert/Chankendi weiter unter Beschuss
       
       Die aserbaidschanischen Streitkräfte versuchten am Dienstag, tief in das
       Gebiet von Bergkarabach vorzudringen, erklärten die pro-armenischen Kräfte.
       Demnach setzten die aserbaidschanischen Streitkräfte Artillerie, Raketen
       und Kampfdrohnen ein.
       
       Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert/Chankendi stand nach Angaben eines
       AFP-Reporters am Dienstagabend weiter unter Beschuss. Gleichzeitig gab Baku
       bekannt, 60 armenische Stellungen erobert zu haben.
       
       Die aserbaidschanische Regierung sprach von „örtlich begrenzten
       Anti-Terror-Einsätzen“ in Bergkarabach. Diese zielten auf armenische
       Militärpositionen und von „Separatisten“ genutzte Einrichtungen. Laut dem
       Verteidigungsministerium in Baku wurden humanitäre Korridore zur
       Evakuierung von Zivilisten eingerichtet.
       
       Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan sprach hingegen im Fernsehen
       von einem aserbaidschanischen „Einsatz von Bodentruppen“ mit [4][dem Ziel
       einer „ethnische Säuberung“ der armenischen Bevölkerung in der Enklave]. In
       Armeniens Hauptstadt Eriwan demonstrierten derweil hunderte Menschen gegen
       Paschinjan. Sie warfen ihm Versagen bei der Verteidigung Bergkarabachs vor
       und forderten seinen Rücktritt.
       
       Bergkarabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, in dem Gebiet leben
       aber überwiegend Armenier. Aserbaidschan und Armenien streiten seit dem
       Zerfall der Sowjetunion um die Enklave und lieferten sich deshalb bereits
       zwei Kriege, zuletzt im Jahr 2020. Damals hatte Russland nach sechswöchigen
       Kämpfen mit mehr als 6500 Toten ein Waffenstillstandsabkommen vermittelt,
       das Armenien zur Aufgabe großer Gebiete zwang.
       
       In den vergangenen Monaten hatten die Spannungen um das stark verminte
       Bergkarabach wieder deutlich zugenommen.
       
       20 Sep 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krieg-um-Bergkarabach-ausgebrochen/!5958247
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Bergkarabach/!t5217138
 (DIR) [3] /Deutschland-traegt-Mitschuld/!5952965
 (DIR) [4] /Konflikte-in-Bergkarabach/!5950507
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
 (DIR) Armenien
 (DIR) Aserbaidschan
 (DIR) Nikol Paschinjan
 (DIR) UN-Vollversammlung
 (DIR) Olaf Scholz
 (DIR) Armenien
 (DIR) UN-Vollversammlung
 (DIR) Nikol Paschinjan
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Konflikt um Bergkarabach: Keine Zeit mehr für Ignoranz
       
       Die Waffen ruhen im Konflikt um Bergkarabach, doch der Preis ist hoch. Die
       EU sollte Aserbaidschan mit wirtschaftlichen Mitteln stoppen.
       
 (DIR) UN-Vollversammlung zu globalen Krisen: Guterres warnt vor „großem Bruch“
       
       Bei der Vollversammlung wirft der Generalsekretär den UN-Mitgliedern
       Handlungs- und Kompromissunfähigkeit vor. Scholz will mehr Gewicht für
       Süden.
       
 (DIR) Krieg um Bergkarabach ausgebrochen: Aserbaidschan startet Großangriff
       
       Die Boden- und Luftoffensive richtet sich gegen die armenisch besiedelte
       Enklave Bergkarabach. In Armenien brechen Proteste gegen die untätige
       Regierung aus.
       
 (DIR) Deutschland und Bergkarabach: Zynisch und geschichtsvergessen
       
       Die deutsche Bundesregierung nimmt Warnungen vor einem Genozid an
       Armenier:innen nicht ernst. Ein Skandal, der allerdings nicht
       verwundert.
       
 (DIR) Konflikte in Bergkarabach: Droht ein Völkermord?
       
       Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan schwelt, die kleine Region
       Bergkarabach ist zwischen den Gegnern eingekeilt und gefährdet wie nie.