# taz.de -- berliner szenen: Stimmlich nicht auf Wellenlänge
       
       Auf der Bank hat sich ein Vater mit seinen beiden Kindern ausgebreitet. Sie
       haben sich von drinnen Eis und Getränke geholt und genießen jetzt die
       Ferienstimmung im Cafégarten. Aber noch mehr scheinen die drei die
       Anwesenheit der jungen Frau zu genießen, die ihnen gegenübersitzt. Braun
       gebrannt, bildschön, in schlichten schwarzen Shorts, weißem Top und weißen
       Turnschuhen. Der Vater ist aufgedreht, er schwärmt von den letzten beiden
       Abenden: rundherum gelungen, so wie lange nicht. Und das habe natürlich vor
       allem an ihr gelegen. Sie wehrt ab, das sei ja nicht soo schwer gewesen.
       Doch, doch, sie habe alle inspiriert mit ihrem Spiel, selbst ihn.
       
       Besonders ihn, so, wie er sie anflirtet. Er ist Chorleiter eines
       Laienensembles, sie die zusätzlich engagierte professionelle
       Instrumentalistin. Sie habe das Stück schon ein paarmal mit Paul
       aufgeführt, mit ihm habe sie studiert. „Ach so, mit Paul, großartig, dazu
       kann ich dir nur gratulieren“, quetscht der Mann jetzt in erhöhter Tonlage
       raus, als wolle er alles, nur nicht gratulieren. Bestimmt sei sie auch da
       toll gewesen – er beugt sich vor und streicht wie selbstverständlich mit
       dem Zeigefinger an der Außenkante ihrer Shorts entlang. Sie zuckt nicht mit
       der Wimper. Er wechselt das Thema und schwärmt von einer Hausgemeinschaft,
       in der gemeinsam gekocht, gefeiert und aufeinander achtgegeben werde. Als
       er das Stichwort Polyamorie fallen lässt, setzt sie ihre Sonnenbrille auf.
       Sie guckt so teilnahmslos wie die Kinder, die nicht verstehen, worum es
       geht, und schon mal vorgehen wollen. Der Vater ermutigt sie, er werde
       gleich nachkommen. Und rückt etwas näher an die Schöne heran, die sofort
       aufsteht. „Nein, bleib doch noch“, drängt er sie. Seine Chorleiterstimme
       klingt wie Schluckauf, ihre dagegen voll und gelassen: „Warum sollte ich?“
       
       Claudia Ingenhoven
       
       25 Aug 2023
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudia Ingenhoven
       
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