# taz.de -- „Warum sollen Frauen nicht?“
       
       > Das Spiel der Frauen war das Lebensthema des Journalisten Rainer Hennies.
       > Dieser Text über die äpyptische Fußballemanzipation erscheint 1998 in der
       > taz – ein Nachdruck
       
 (IMG) Bild: Fußball in Ägypten hat immer noch Entwicklungspotenzial: Eine Spielerin von Wadi Degla 2013 bei einem Turnier des Discover Football e. V. in Berlin
       
       Von Rainer Hennies 
       
       Sahar Hawary lebt in Kairo. Auf Traditionen gibt sie nicht viel, um so mehr
       aber auf den Frauenfußball. Seit ihrer Kindheit ist sie fußballbegeistert.
       Es lag nahe: Ihr Vater war Fifa-Schiedsrichter. „Ich habe viel mit meinem
       Bruder Fußball gespielt, und bei den Reisen meines Vaters waren wir oft
       dabei“, sagt Hawary. Obwohl sie irgendwann in Ermangelung eines
       Fußballteams zur Handballerin wurde, blieb der Fußball für Mittelpunkt,
       wurde zur Herausforderung und Lebensaufgabe. Sie wollte einführen, was es
       nicht gab.
       
       Noch 1995 existierten in Ägypten Fatwas, religiöse Vorschriften, gegen
       Frauenfußball. In der öffentlichen Diskussion überwogen traditionelle
       Meinungen: Der Frauenfußball zerstöre die Weiblichkeit. Das machte Hawary
       erst richtig wild. Finanziell ist sie unabhängig, und so fuhr sie auf
       eigene Kosten übers Land und suchte nach Talenten für ein gutes Team, um
       mit sportlichen Argumenten zu überzeugen.
       
       Die 21-jährigen Zwillinge Wesam und Reham Ossman waren Leichtathletinnen –
       Hawary gewann sie für den Fußball. Ebenso schaffte sie es bei der erst
       14-jährigen Sara Hasanan oder der Stürmerin Magdoleen Mahran (20). Die war
       ägyptische Tennismeisterin. Hawary half ihr nach einem Absturz in der
       Rangliste, ihre Liebe zum Fußball neu zu entdecken. „Als Kind habe ich oft
       mit den Jungen gekickt“, sagt Mahran. „Ich war deshalb richtig froh, als
       ich Sahar Hawary kennengelernt habe.“
       
       Sahar Hawary, die einen Universitätsabschluss in Massenkommunikation hat,
       ist tatsächlich eine energische Frau. Wenn sie etwas will, kriegt sie es
       auch. Mittlerweile ist sie Präsidentin der Frauen im Ägyptischen
       Fußballverband. „Dass Frauenfußball 1996 olympisch wurde und im ägyptischen
       Fernsehen diese Fußballspiele gezeigt wurden, hat meinen Argumenten sehr
       geholfen“, sagt sie. Immer wieder habe sie gedrängt, Ägypten dürfe nicht im
       Abseits stehen, wenn ein Sport die Welt erobere. Es hat geholfen. Ägyptens
       Sportminister erkannte nach Olympia den Frauenfußball als Sport an. Der
       Fußballverband zog im letzten Jahr nach.
       
       Mittlerweile nimmt die Nationalelf bereits an internationalen Wettbewerben
       teil. Sie ist dank der Energien und der Strategie ihrer Chefin spektakulär
       gestartet: Im Winter veranstaltete Hawary beim männlichen Traditionsverein
       Zamalek in Kairo ein Five-a-side-Hallenturnier. Die Teilnehmer waren
       Marokko, Algerien, Tunesien, Lybien, Syrien, Jordanien und der Libanon.
       Ägypten erreichte das Finale, verlor jedoch mit 2:3 gegen Marokko. Das
       Fernsehen übertrug live, obwohl es vom Gold der Saudis dominiert wird, die
       bekanntlich am stärksten den arabischen Traditionen verhaftet sind.
       
       Das erste offizielle Länderspiel fand im April dieses Jahres in Port Said
       statt. 15.000 Zuschauer, Liveübertragung, 1:1 gegen Uganda in der
       Qualifikation zur WM und am Ende Tränen, die über das Gesicht von
       Torhüterin Shereen Shalaby kullerten. „Ich habe einen Fehler gemacht, der
       guten Torwarten nicht passieren darf“, sagte Shalaby (21). Die ehemalige
       Volleyball-Nationalspielerin kassierte den Ausgleichstreffer, weil sie eine
       Flanke unterlaufen hatte. Entsprechend glücklich war sie, als beim
       Rückspiel in Kampala vor 20.000 Fans Heba Farouk ihr Team mit 1:0 ins
       Finalturnier schoss, bei dem ab dem 1. Oktober die beiden WM-Tickets
       vergeben werden.
       
       In Nigeria müssen sich die Frauen mit Marokko, Zaire und den „eagle queens“
       aus Nigeria, den Top-Favoritinnen, messen. Das Halbfinale ist möglich. Oder
       vielleicht sogar mehr?
       
       Es ist ein Traum, aber der Verband tut einiges, damit er in Erfüllung geht.
       Er hat sogar ein mehrwöchiges Sommertrainingslager in Rumänien und
       Deutschland spendiert. Die Resultate waren ansprechend, insbesondere das
       0:1 gegen die Bundesligistin Heike Rheine. In Deutschland zeigten die
       jungen Ägypterinnen, dass sie über blendende Technik verfügen und zudem
       äußerst motiviert und zweikampfstark sind. Nur die Auswertung der
       Torchancen ist trotz aller Leidenschaft mangelhaft. Und es fehlt
       verständlicherweise noch an Wettkampfpraxis.
       
       In Ägypten gibt es noch keine Frauen-Teams in den Vereinen. Eine Liga soll
       im kommenden Jahr gegründet werden. Bislang existieren lediglich mehrere
       Trainings- und Sichtungszentren, vornehmlich in der Nordhälfte des Landes.
       
       Aber selbst im traditionsbehafteten Ober-Ägypten tut sich etwas. Kadyr
       Abdel Haleem aus Luxor ist Präsidiumsmitglied im Fußballverband und einer
       der Vizepräsidenten des Parlaments. Er bestätigt, dass den Traditionalisten
       zunehmend die Argumente ausgehen. „Die Leute fragen mich oft, warum wir in
       Luxor noch kein Trainingszentrum für Frauen haben. Ich möchte doch bitte
       schön eines einrichten.“ Fußball für Frauen sei längst kein Tabu mehr. „Bei
       uns spielen Frauen Handball und schwimmen. Warum also sollen sie nicht auch
       Fußball spielen, wenn die ganze Welt das tut?“
       
       Was hat Sahar Hawary gesagt? „Ich will Ägyptens Frauenfußball in Afrika an
       die Spitze bringen und diesen Sport langfristig im gesamten arabischen Raum
       etablieren.“ Es scheint, als sei sie auf dem besten Weg. Und: Bisher hat
       sie noch alles geschafft.
       
       5 Aug 2023
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rainer Hennies
       
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