# taz.de -- Gesellschaft: Reaktionäre Sehnsüchte
> Im deutschen Südwesten breiten sich anachronistische Siedler:innen aus:
> Die Anastasia-Bewegung aus Russland. Ihr Weltbild ist durch völkische
> Esoterik und Verschwörungsglauben gekennzeichnet.
(IMG) Bild: Fest der Sommersonnenwende am Iwan-Kupala-Tag, Oblast Belgorod, Russland. Foto: Vladimir Lobachev, CC BY-SA 3.0,
Von Lucius TeidelbaumEs klingt nach einem mittelguten Fantasy-Roman: Eine
jahrhundertealte Kindfrau aus den Weiten der Taiga verkündet einem
Auserwählten tiefere Weisheiten. Sie bestehen unter anderem darin, ein
autarkes Landleben in Form sogenannter Familienlandsitze zu führen. Die
Idee vom Rückzug auf das Land ist nicht neu. Im Rahmen der sogenannten
Lebensreform-Bewegung wurden solche Konzepte seit den 1890er-Jahren
propagiert. Es ging vor allem um eine Flucht vor den Zumutungen der
Industrialisierung, der Moderne und der frühen Globalisierung. Oft gewürzt
mit einer ordentlichen Portion Romantik wie beim Wandervogel, der ersten
deutschen Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. Bertolt Brecht
schrieb einst treffend: „Die Schwärmerei für die Natur kommt von der
Unbewohnbarkeit der Städte.“
Anfang der 2000er-Jahre kam die Anastasia-Bewegung aus Russland nach
Deutschland und verbreitete sich vor allem in der russlanddeutschen
Community. Sie geht auf den Schriftsteller Wladimir Dusakow zurück, der
unter dem Pseudonym „Wladimir Megre“ ab 1996 die Roman-Reihe „Anastasia –
Tochter der Taiga“ veröffentlichte. Von 1995 bis 2010 erschienen zehn
Bücher, die von vielen Leser:innen als wahre Begebenheiten und
Gebrauchsanweisungen verstanden werden.
Die ganze Anastasia-Bewegung als extrem rechts einzuordnen wäre zu einfach.
Allerdings können der Versuch, auf globale Herausforderungen durch die
Abschottung in der Kleinfamilie zu reagieren, auf jeden Fall als reaktionär
und die irrationalen Vorstellungen der Bewegung als rechte Esoterik
eingeordnet werden. Ein geschlossen extrem rechtes Weltbild im klassischen
Sinne stellt die Anastasia-Ideologie nicht zwingend dar. Völkische
Versatzstücke allerdings – wie der dort praktizierte Ahnenkult,
Antifeminismus oder antisemitische Weltverschwörungs-Vorstellungen – sind
dankbare Anknüpfungspunkte für extrem rechte Ideologie. Ein seit
Jahrzehnten in (West-)Deutschland bestehendes traditionell völkisches
Netzwerk hat sich deswegen in den letzten Jahren zum Teil mit der
Anastasia-Bewegung vermischt. Dass diese einer Variante des russischen
Nationalismus entspringt, wird dabei ignoriert.
Synergie und Kooperation sind auch bei Personen aus Baden-Württemberg zu
beobachten. Sonnhild Sawallisch aus Ingelfingen beispielsweise war nicht
nur bei flüchtlingsfeindlichen Protesten der Bürgerinitiative „Hohenlohe
wacht auf“ aktiv. Sie ist auch Funktionärin bei dem völkischen „Bund für
Gotterkenntnis (Ludendorff)“, der im Landkreis Schwäbisch Hall ein altes
Bauernhaus besitzt. Die sogenannten Ludendorffer beziehen sich auf die
antisemitischen und völkischen Schriften der Mathilde von Ludendorff (1877
bis 1966). Seit November 2019 ist Sawallisch Geschäftsführerin des
Lühe-Verlags, einem der Hausverlage der Ludendorffer.
Für die Verbindungen zur extrem rechten Szene gab es in den vergangenen
Jahren viel mediale Kritik. Inzwischen sprechen die Anastasia-Jünger lieber
von „Familiensiedlung“ und „Freien natürlichen Ökodörfern“.
In absoluten Zahlen sind die etwa 20 Familiensiedlungen, die es in der
Bundesrepublik geben soll, nicht sonderlich beeindruckend. Doch die
Mitgliederzahl der Online-Fan-Gemeinde auf Telegram geht in die
Zehntausende.
## Siedeln vom Südwesten gen Osten
Ein Anastasia-Anhänger aus Baden-Württemberg ist Reinhold G. aus
Hohberg-Hofweier. Der Handelsfachwirt ist am Pilotprojekt
„Mehrgenerationensiedlung“ beteiligt. Zur Bundestagswahl 2017 kandidierte
er für die verschwörungsideologische Kleinstpartei „Deutsche Mitte“ auf der
Landesliste auf Platz sechs. Das Konto des zur Mehrgenerationensiedlung
gehörenden „Fördervereins zum bewussten Umgang mit Mensch und Umwelt e.V.“
wird auch von „Druschba Global“ verwendet, bei der auch G. aktiv ist und
die sich die Versöhnung mit Putins Russland auf die Fahnen geschrieben
haben. Bei Druschba engagierte sich auch der AfD-Funktionär Rainer Rothfuß
aus Bayern, der inzwischen in den Bundestag nachgerückt ist.
In Sachsen haben Anastasia-Anhänger:innen das Schloss Ober-Neundorf bei
Görlitz erworben. Dem Vorstand des zugehörigen Vereins „Schloss
Ober-Neundorf“ gehört die Heilpraktikerin Simone Kuhn aus Tettnang im
Bodenseekreis an, ihr Mann, der Kies-Unternehmer Dietrich Kuhn, ist
ebenfalls beteiligt. Ihre Namen tauchen auch unter der rassistischen
„Erklärung 2018“ auf, die eine „Beschädigung Deutschlands“ durch „illegale
Masseneinwanderung“ verhindern wollte.
Ein Familienlandsitz in Baden-Württemberg wird von Urs Gassmann in Albbruck
in der Nähe von Waldshut geführt. Gassmann richtete 2012 ein regionales
Anastasia-Treffen aus.
In Isny lebt seit 1988 auf einem Hof der bekannte Ethnobotaniker und
Ethnologe Wolf Dieter Storl. Er betreibt eine „Storl-Akademie“, ist
Impfgegner, Klimawandel-Leugner und Anastasia-Fan. Für den Rottenburger
Kopp-Verlag trat er 2016 in der Stadthalle in Fürth als Referent auf einem
Kongress zum Thema „Perfekte Krisenvorsorge“ auf. Dem neurechten Magazin
„Anbruch“ stand er 2020 und 2021 für zwei Interviews zur Verfügung.
## Rechte Esoterik macht Schule
Die Filmproduktions-Firma „L.O.V.E. Productions“, was für „Living Oneness –
Vast Evolution“ („Gelebte Einheit, Unermessliche Evolution“) steht, bewirbt
die Anastasia-Familiensiedlungen mit Filmen wie „Russische Ökodörfer und
Familienlandsitz-Siedlungen“. Die Firma gehört Regisseur Stefan Wolf und
hat ihren Sitz in Pforzheim. Während der Corona-Krise veröffentlichte
L.O.V.E. Productions im zugehörigen Blog die Behauptung, das Virus sei
nicht wissenschaftlich nachweisbar. Im Online-Shop gibt es unter anderem
ein „Beratungsgespräch mit Stefan über Familienlandsitze,
Gemeinschaftsfindung und Co.“ für 90 Euro oder die DVD „Ein Neues Wir –
Ökologische Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa“.
Die Russland-Schwärmerei mancher Anastasia-Siedler:innen geht so weit, dass
sie nach Russland auswandern. Sonja Bergfeld will dort angeblich die
„Altpreußische Gemeinde Bergfeld“ gegründet haben. Ein Video-Clip von 2021
zeigt allerdings nur eine kleine Gebäude-Ansammlung. Das Impressum der
zugehörigen Internet-Präsenz wird von Manuela P. aus Stuttgart
verantwortet.
Besonders in der Esoterik konnte der Anastasia-Siedlungsgedanke gut
andocken. Das esoterische „Elixier“-Magazin „für Baden-Württemberg“ widmete
dem Thema seine Ausgabe 34 vom Mai/Juni 2016. Der Magazin-Herausgeber Bernd
Schwender schrieb in seinem Editorial: „Längst hat sich die Politik nicht
nur in diesem Land energetisch weit vom Volk getrennt, die Eigeninteressen,
die der Konzerne und der Hochfinanz dominieren bei Weitem und Ethik ist nur
noch eine Farce. (...) Wir sind es, die zusammenstehen müssen, wir sind es,
die sich der zunehmenden Macht und Kontrolle bewusst entziehen, die autark
werden und sich untereinander austauschen und vernetzen sollten, wo immer
es möglich ist.“
Die Szene der Anastasia-Fans überschneidet sich auch mit der Szene der
Schulverweigerer. In Anastasia-Fankreisen wird mit den Tekos- oder
Schetinin-Schulen ein eigenes Bildungskonzept propagiert. Der Musiklehrer
Michail Petrowitsch Schetinin (1944-2019) war Gründer einer Schule mit
zugehörigen Internat im südrussischen Tekos in der Region Krasnodar am
Schwarzen Meer, die aber von den Behörden 2019 wegen Mängeln geschlossen
wurde. Die Schule wird in der Anastasia-Roman-Reihe von Megre als Vorbild
beschrieben. Schetinin war – wie Megre – Putin-Sympathisant, eine Haltung,
die auch auf die Bewegung in Deutschland abgefärbt hat.
Angeblich kann die Schetinin-Pädagogik durch Wiederholung in wenigen Wochen
den Stoff von Jahren vermitteln. Statt Lehrer:innen gibt es
„Lernbegleiter“, eine Unterscheidung der Schüler:innen nach Alter gibt es
nicht, dafür werden sie nach Geschlechtern getrennt unterrichtet.
Auch ein „kraftvolles Körpertraining auf der Grundlage des russischen
Nahkampfes“ gehört dazu. Im Internat in Tekos begann der Tag um fünf Uhr
morgens und endete um 21.30 Uhr. Auf der mit Schetinin sympathisierenden
Homepage „Spiel und lern“ heißt es zum Programm in Tekos: „Den Schülern
wird hierbei der Nationalstolz für Russland vermittelt. Dieses hat der
Schetinin-Schule auch einige Kritik eingebracht.“ Das hört sich eher nach
paramilitärischer Ausbildung als nach neuer befreiter Bildung an.
Mit der Maskenpflicht an den Schulen hielten Pandemie-Leugner:innen nach
Alternativen zu staatlichen Schulen Ausschau. Laut SWR vom 31. März 2022
gab es 30 schulähnliche Gruppen in Baden-Württemberg, die versuchten die
Schulpflicht zu unterlaufen. Reichsbürger-Gruppen wie das „Königreich
Deutschland“ um Peter Fitzek scheinen beim Konzept von Schetinin fündig
geworden zu sein. Richard Kandlin aus St. Leon-Rot bewirbt seit 2014 die
„Schetinin-Schule“ und war 2015 Referent für das „Königreich Deutschland“.
Angeblich hat er selbst vier Jahre lang die Tekos-Schule in Russland
besucht. Sein neuer Verein heißt „Kiep – Kinder entwickelte Pädagogik“ und
hat seinen Sitz in St. Leon-Rot im Rhein-Neckar-Kreis. Wer sich zum
Kiep-Lernbegleiter ausbilden lassen will, besucht Seminare bei Richard
Kandlin.
Die Schetinin-Pädagogik wird auch von der „Internationalen Schul-, Sport-
und Kultur-Akademie“ (ISKA) mit Postfach im oberbayrischen Weilheim
verbreitet. Seit 2021 auch in Baden-Württemberg: etwa in Form von
Familienseminaren, Kindercamps, Jugend-Tagesseminaren oder sogenannten
Bildungsforschungstagen „nach M. P. Schetinin“. Als Orte werden auf der
Homepage „der Raum Freiburg“, der „Raum Freudenstadt“, der „Raum
Heidelberg“, der „Raum Heilbronn“ oder im „Raum Sulz am Neckar“ aufgeführt.
Zuletzt war für den „Raum Offenburg“ vom 10. bis 15. April 2023 ein
Familienseminar angekündigt.
Auch bei ISKA ist die Verbindung zu traditionell völkischen Gruppen
offenbar nicht fern. Laut der Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke fand
ein „ISKA Bildungsforschungstag“ im „Raum Uelzen“ schlussendlich auf dem
Hof einer Familie des völkisch-bündischen „Sturmvogel – Deutscher
Jugendbund“ in Masendorf statt.
Für die Anastasia-Bewegung wirkten die Corona-Proteste wie ein Booster. Vor
allem nach dem offenkundigen Scheitern der Bewegung auf der Straße sieht
sich der Kern der Bewegung nach Alternativen um, um sich dem Zugriff des
Staates zu entziehen. Manche wandern aus, andere versuchen sich in die
Autarkie zu flüchten. Reichsbürger- oder Anastasia-Ideen stellen
vermeintliche Alternativen zu dem Leben in liberalen Demokratien dar. Aber
Abschottung und Rückzug in vereinzelte Siedlungen sind kein
gesellschaftliches Lösungskonzept. Den großen Herausforderungen der Zukunft
kann die Gesellschaft nur gemeinsam und solidarisch begegnen.
20 May 2023
## ARTIKEL ZUM THEMA