# taz.de -- Amerika-Reise von Taiwans Präsidentin: Tsais trotzige Transitdiplomatie
       
       > Tsai Ing-wen macht bei ihrer Mittelamerika-Reise trotz Pekings Drohungen
       > zwei Stopps in den USA. Ihr Vorgänger reist derweil durch China.
       
 (IMG) Bild: Präsidentin Tsai Ing-wen am Mittwoch
       
       Peking taz | Als Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen am Mittwoch mit
       Außenminister Joseph Wu in den Regierungsjet stieg, postete der kurz vor
       Abflug ein gemeinsames Selfie. Mit dem transparenten und volksnahen
       Auftreten halten die Spitzenpolitiker des demokratischen Inselstaates dem
       autoritären Nachbarn China den Spiegel vor: Dass sich dort der hermetisch
       abgeriegelte Staatschef Xi Jinping zu einer ähnlich lockeren Inszenierung
       hinreißen lassen würde, ist geradezu undenkbar.
       
       Doch die zehntägige Amerika-Reise von Tsai und Wu hat einen ernsten
       Hintergrund: Nachdem kürzlich [1][Honduras die diplomatischen Seiten
       gewechselt hat], gibt es weltweit nur noch 13 Staaten, die Taiwan offiziell
       anerkennen.
       
       Zwei der letzten Alliierten wird Präsidentin Tsai nun besuchen: Guatemala
       und Belize. „Die Reise soll unsere Entschlossenheit zeigen, den Austausch
       und die Zusammenarbeit mit diplomatischen Verbündeten zu vertiefen“, sagte
       sie vor dem Abflug.
       
       Für Wirbel werden die Stopps auf der Hin- und Rückreise in New York und Los
       Angeles sorgen. Dort nämlich hofft Tsai Ing-wen den Sprecher des
       US-Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy, zu treffen. Peking hat für den
       Fall schon „Gegenmaßnahmen“ angekündigt, ohne konkret zu werden. Solche
       hochrangigen Regierungskontakte wertet die Volksrepublik, die Taiwan für
       sich beansprucht, als schwerwiegende Provokation.
       
       ## Verschärft Tsais Reise den Konflikt zwischen China und USA?
       
       Das war im August 2022 zu sehen: Als McCarthys Vorgängerin Nancy Pelosi
       Taipeh besuchte, reagierte China mit einer simulierten militärischen
       Blockade der Insel Taiwan. So werden jetzt die nächsten Tage darüber
       entscheiden, ob der ohnehin bereits lodernde Hegenomiekonflikt zwischen den
       USA und China weiter eskaliert.
       
       Tsais knappe „Transitbesuche“ auf US-Boden sind schon ein Kompromiss der
       Biden-Regierung, die Stärke gegenüber China zeigen möchte, ohne es dabei
       übermäßig zu provozieren.
       
       Anders sieht es aus bei Teilen der US-Republikaner, in denen offen für die
       Anerkennung eines unabhängigen Taiwans plädiert wird. Bisher nämlich sieht
       Washingtons „Ein-China-Politik“ vor, dass nur Peking offiziell anerkannt
       wird, auch wenn es auf wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene
       einen regen Austausch mit Taiwan gibt.
       
       Zudem lehnen die USA Chinas Drohungen kategorisch ab und haben sich zuletzt
       klarer als früher dazu verpflichtet, Taiwan militärisch zur Seite zu
       stehen.
       
       ## Mas Ying-jeous China-Reise ist ein Propaganda-Sieg Pekings
       
       Wie die 23 Millionen Taiwaner über die geopolitischen Spannungen denken,
       wird in vielen Berichten schlicht übergangen. Manche Publikationen zeigen
       jedoch eine sehr differenzierte Sichtweise: Laut einer Umfrage der „Taiwan
       Public Opinion Foundation“ gaben fast 60 Prozent an, dass die USA Taiwan
       vor allem aus Eigeninteresse unterstützen würden. Doch genauso viele
       glaubten, dass die Unterstützung der USA dennoch notwendig sei.
       
       Doch ist derzeit auch China im diplomatischen Hoheitskampf ein
       Propaganda-Sieg gelungen. Bereits am Montag traf der taiwanische
       Ex-Präsident Ma Ying-jeou (2008-16) zu einem zwölftägigen Besuch in China
       ein. Zwar ist es offiziell eine „private“ Reise, doch ist sie geradezu
       historisch: Zum ersten Mal überhaupt betritt ein amtierendes oder
       ehemaliges Staatsoberhaupt des demokratischen Inselstaats chinesisches
       Festland.
       
       Ma hat knapp 30 Personen im Schlepptau, darunter eine Gruppe Studierender.
       Er besucht die Gräber seiner Ahnen im südchinesischen Changsha sowie
       historische Stätten, an denen die nationalistische Kuomintang (KMT)
       gemeinsam mit den Kommunisten gegen die Invasoren aus Japan kämpfte
       (1937-45), bevor deren Führung nach der Niederlage gegen die Kommunisten
       1949 nach Taiwan floh.
       
       ## Pekings Vorgehen in Hongkong hat Taiwan abgeschreckt
       
       „Die Menschen auf beiden Seiten der Taiwan-Straße sind Chinesen“, sagte Ma
       kurz nach der Ankunft. Das wurde in China gefeiert, in Taiwan jedoch meist
       kritisch aufgefasst. Denn auch wenn die Mehrheit beider Länder dieselben
       kulturellen und ethnischen Wurzeln teilt, sehen sich die meisten Taiwaner
       nicht mehr als Chinesen.
       
       Das gespaltene Verhältnis zu China dominiert auch die Innenpolitik des
       demokratischen Staates. Während Tsai einen kritischen Kurs gegenüber Peking
       fährt, gehört Ma zur chinafreundlicheren KMT. Sie ist wegen Pekings
       Vorgehen in Hongkong zuletzt aber auch kritischer geworden.
       
       30 Mar 2023
       
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