# taz.de -- Die deutsche Nüchternheit: Von Protz und Pathos
       
       > Deutsche Führungsfiguren kleiden sich bevorzugt wie Sparkassen-Azubis.
       > Was das mit der verinnerlichten Abneigung gegen Protz und Pathos zu tun
       > hat.
       
 (IMG) Bild: Schuhe von Robert Habeck. In Deutschland vertraut man stilbewussten Menschen nicht
       
       Wenn es zwei Dinge gibt, die der Deutsche hasst, dann sind das: Protz und
       Pathos. Letzteres ist natürlich nur eine Pose, die Pose des Pathoshassens,
       denn niemand hat je wieder ein annähernd nerviges Pathos zustande gebracht
       wie die Deutschen in der Romantik. Aber der moderne Deutsche gibt sich eben
       nüchtern. Ihm missfällt alles, was über die Stränge schlägt. Was zu grell,
       zu laut, zu offensichtlich, zu selbstbewusst und zu schön ist.
       
       Als der US-Rapper Kanye West diese Woche auf seinem Instagram-Account
       Porträts einer gesamten Management-Etage veröffentlichte, wusste man
       sofort: Man blickt in deutsche Gesichter. Und zwar gar nicht vom Phänotyp,
       sondern vom Style her. Die matten Frisuren, die angestrengten Blicke, die
       biederen Brillen, alles an diesen Personen schrie „bodenständig“, sodass
       man sich förmlich vorstellen konnte, wie sie alle gewissenhaft in
       Herzogenaurach sitzen und Adidas verwalten – einen der mächtigsten
       Modekonzerne der Welt. Hintergrund des Posts war ein Streit zwischen dem
       Konzern und West, der seit einigen Jahren seine eigene Kollektion für
       Adidas designt. Mit dem kommentarlosen Post der Porträts, die anscheinend
       von der Adidas-Website kopiert waren, schien der Rapper implizit zu fragen:
       Was verstehen diese Menschen überhaupt vom Modebusiness?
       
       ## Kanye West ahnt nichts von der deutschen Nüchternheit
       
       Was West möglicherweise nicht ahnt: In Deutschland vertraut man
       stilbewussten Menschen nicht. All unsere Politiker_innen und Manager_innen
       und Führungsfiguren kleiden sich wie Sparkassen-Azubis im zweiten Lehrjahr.
       Das gehört eben dazu. Wir haben keine Theresa May mit knallbunten
       Designerschuhen, keine AOC in gutsitzenden Zweiteilern, keine
       arschwackelnde Sanna Marin in Hotpants und Lederjacke. Wir haben Karl
       Lauterbach und Nancy Faeser und Cem Özdemir. Und es sind nicht einmal nur
       die Klamotten und Frisuren und Brillen. Es ist eine ganz bestimmte Haltung,
       die suggeriert: „Ich bin so fleißig und bodenständig, ich schaue nicht mal
       in den Spiegel, mache bloß meinen Job, also vertrau mir.“
       
       Und dann haben wir noch Patricia Schlesinger, die nicht nur ziemlich gut
       gekleidet ist, sondern, so der Vorwurf, auch noch [1][Steuergelder
       verprasst]; die sich in eine unverschämt selbstwusste, geradezu pathetische
       Pose wirft und die Deutschen diese Woche damit ein weiteres Mal zur
       Weißglut brachte. Das Foto der geschassten rbb-Intendantin vom
       [2][Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit] ging auf Social Media viral.
       Darauf hockt Schlesinger breitschultrig und mit zurückgeworfenem Haar auf
       einem schwarzen Ledersofa, wirft eine Hand fordernd in die Luft und blickt
       herab. Auf uns alle. Nur schade, dass Schlesingers Antworten nicht
       ansatzweise so draufgängerisch sind wie ihr Blick in die Kamera.
       
       ## Patricia Schlesinger in pathetischer Pose
       
       Oops, sie habe nicht gewusst, dass das teures [3][italienisches
       Eichenparkett] war, das sie in ihrem Büro auslegen ließ. Och, die
       Massagesitze in ihrem Audi A8 habe sie ja nie benutzt. Na, der
       Massagesessel in ihrem Büro sei für Mitarbeiter_innen mit Rückenproblemen
       gewesen. Tja, einen Chauffeur habe sie bloß gebraucht, damit sie auf
       Autofahrten emsig habe weiterarbeiten können. Ach so, und die beim rbb
       abgerechneten Champagner-Abende in ihrem Zuhause seien ja wohl reine
       Arbeitstreffen zum Netzwerken gewesen. Das sollen also die Antworten des
       auf dem Foto posierenden, hollywoodreifen Bösewichts sein? Eine klassische
       Text-Bild-Schere.
       
       Man wünschte, Schlesinger würde nach dem Verlust ihres Postens wenigstens
       reinen Tisch machen und uns erklären, welchen Unterschied es macht, mit dem
       Massagestuhl über hochwertiges Eichenparkett zu rollen oder über
       Laminatplanken von Poco Domäne. Wenigstens in Gedanken möchte man doch an
       dem Luxus teilhaben. Diesen Protz und dieses Pathos ist sie uns schließlich
       schuldig.
       
       11 Sep 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vorteilsnahme-und-Verschwendung/!5871761
 (DIR) [2] https://www.zeit.de/2022/37/patricia-schlesinger-affaere-rbb-intendantin
 (DIR) [3] /Schlesinger-Affaere-beim-RBB/!5876613
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fatma Aydemir
       
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