# taz.de -- Digitale Bilderflut
> Was bekommen wir nicht zu sehen? „Give and Take. Bilder über Bilder“ in
> der Galerie der Gegenwart ist der Beitrag der Hamburger Kunsthalle zur
> Triennale der Photographie
(IMG) Bild: Gefährliche Digitalisierung? Adam Broombergs und Oliver Chanarins Serie „Blame the Algorithm“
Von Falk Schreiber
Die umgekehrte Bildersuche ist ein hilfreiches Tool: Man lädt ein eigenes
Foto hoch, und die Suchmaschine spuckt daraufhin Orte im Web aus, an denen
dieses Foto auftaucht. Pressefotograf:innen hilft dieses System bei
der Prüfung, ob die eigenen Bilder von geizigen Medien genutzt werden, die
das Honorar prellen wollen. Da wird das Foto ganz konkret zum Handelsgut,
was den Link herstellt zum Titel der aktuellen Hamburger Triennale der
Photographie: „Currency“, „Währung“.
Allerdings findet die umgekehrte Bildersuche nicht nur das eingegebene
Bild, sondern auch Bilder, die irgendwie eine Ähnlichkeit zu der gesuchten
Aufnahme haben. Die Algorithmen stellen hier irritierende Fundstücke her,
die die Bedeutung des Anfangsbildes erweitern.
Viktoria Binschtok kombiniert in ihrer Serie „Networked Images“ (2017–2022)
jeweils zwei solcher Bilder: Die durch eine Dollarnote gezogenen
Kokswölkchen verwandeln sich in unschuldige Cumuluswolken vor tiefblauem
Himmel, das rote Kleid der Künstlerin setzt sich fort im durch ein Glas
schwappenden Rotwein.
Binschtoks ironische Bildarrangements sind in der Hamburger Galerie der
Gegenwart zu sehen, in der Ausstellung „Give and Take. Bilder über Bilder“
nehmen sie einen Raum ein, als interessante, so trashige wie
hochästhetische Installationen, die mit dem Gegensatz von Kunst und
Massenproduktion spielen. Sie definieren so die Haltung des
Kunsthallen-Beitrags zur Triennale der Photographie: Es geht um „Bilder
über Bilder“, um das fotografische Nachdenken über das riesige Bildarchiv
Internet.
Gerade Binschtok geht aber noch einen Schritt weiter – „Networked Images“
lenkt den Blick auf die Mechanismen, die dieses Archiv kuratieren. Auf die
Algorithmen, die eine (zumindest formal sichtbare) Verbindungslinie
zwischen Kokain und Wolke herstellen.
Im Grunde führt jede der in „Give and Take“ gezeigten Positionen zurück zum
Archivgedanken. Taryn Simon etwa dokumentiert mit den Collagen aus der
Serie „The Picture Collection“ (2012) die Arbeit des 1,29 Millionen Bilder
umfassenden Archivs der New York Public Library’s Picture Collection, wobei
ihr Augenmerk auf den Verschlagwortungen und daraus folgenden
Hierarchisierungen der Sammlung liegt. Zu sehen sind Collagen zu
Schlagworten wie „Financial Panic“, „Swimming Pool“ oder, abstrakter,
„Objects“. Und während die Verschlagwortung bei Gründung der Collection
1915 noch von menschlichen Archivar:innen vorgenommen wurde, übernehmen
diese Aufgabe heute ebenfalls Algorithmen.
## Sortiert vom Algorithmus
Die Gefahr, die in dieser Digitalisierung der Bilderflut steckt, greifen
etwa Adam Broomberg und Oliver Chanarin auf. Algorithmen steuern zum
Beispiel, welche Motive auf Facebook oder auf Instagram zu sehen sind.
Allerdings bestimmen sie auch, welche Motive aussortiert werden, etwa, weil
sie zu politisch, zu explizit oder zu gewalttätig sind.
Die Arbeit „Blame the Algorithm“ fokussiert sich auf diese Ausschlüsse: Was
bekommen wir eigentlich nicht zu sehen, wenn wir Bilder betrachten?
Einen ungeordneten Blick ins Archiv hingegen ermöglicht Evan Roth: Die
„Internet Cache Self Portrait Series“ (seit 2014) sind in ihrer schieren
Masse unübersichtliche Ausdrucke von Roths Netzcache, der sich innerhalb
eines Tages angesammelt hat, gedruckt als Tapete, die einen gesamten Raum
in der Galerie der Gegenwart bedeckt. Einen Raum, der mit Panoramafenstern
den Blick auf Alster und Rathaus freigibt, Fenster, die in dieser
Bilderflut selbst Bildcharakter annehmen.
Tatsächlich flutet die Ausstellung die Aufnahmefähigkeit weniger, als man
beim Blick auf Evan Roths Arbeit denken könnte: Kuratorin Petra Roetting
setzt weniger auf Masse als auf die politische Reflexion über die Frage,
was man für ein Ordnungssystem für eine Fülle an Bildern benötigt, und
welche Hierarchien diese Ordnungen nach sich ziehen.
Nicht von ungefähr heißt ein Themenblock der Ausstellung „Kanon und
Gewalt“: Kanonisierung als gewalttätiger Eingriff ins Archiv. Auch wenn
dieser Titel eine Ansage beinhaltet, die dann durch die primär
formalästhetische Umsetzung nur schwach eingelöst wird: Sebastian Riemers
hegt kanonisierte Kunst von Roy Liechtenstein bis Jeff Wall in die Enge
eines Diaarchivs ein, Louise Lawler entkunstet Kunst, schließlich liefert
Katharina Gaenssler mit „Ohne Titel (Vorhang für Louise Lawler)“ (2022)
eine Hommage an Lawler. Da versandet der politische Anspruch im Archiv des
Selbstbezugs, aber, zugegeben, er sieht ganz großartig aus dabei.
## Halb Satire, halb Sarkasmus
Den Abschluss macht Thomas Ruff, in den Worten von Kuratorin Roetting „der
Altmeister der Aneignung von Fotografie“. Seine 2015 begonnene Serie
„press++“ besteht aus Pressefotos, wie sie in vordigitalen Zeiten als
Ausdruck in Bildredaktionen gesammelt wurden, kombiniert mit den
Beschriftungen auf der Rückseite, die beispielsweise die US-amerikanischen
Atomwaffentests 1946 auf dem Bikini-Atoll mit nüchterner Nonchalance
beschreiben: „What goes up must come down.“
Ästhetisch bringt diese halb satirische, halb sarkastische Arbeit die
Fotokunst kein Stück weiter, aber als Reflexion über das Foto als
Bedeutungsträger, über das Archiv als Fundort für diese Bedeutungsträger
und schließlich über Kuration, Kanonisierung und Algorithmisierung als
Ordnungssysteme für diese Archive gibt „press++“ einiges her. Zumal Ruff
wahrscheinlich der international bekannteste Name in dieser angenehm wenig
auf Stars setzenden Präsentation ist. Was einen auch intensiver über
Kanonisierung nachdenken lässt.
„Give and Take. Bilder über Bilder“: bis 28. August, Hamburger Kunsthalle,
im Rahmen der Triennale der Photographie
20 Jun 2022
## AUTOREN
(DIR) Falk Schreiber
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