# taz.de -- Naturschutz und Kolonialismus: Ein Hoch auf den Naturschutz?
       
       > Ist das Errichten von Naturschutzgebieten im Kampf gegen die
       > Biodiversitätskrise nur eine Form von grünem Kolonialismus?
       
 (IMG) Bild: Unberührt und noch im Urzustand? Hier können wilde Tiere ungestört von menschlichem Einfluss leben
       
       taz lab, 26.04.2022 | Von [1][NISA EREN]
       
       Wir befinden uns in einer ökologischen Krise, die viele Gesichter hat.
       Während die Temperaturen zu stark steigen, wächst auch die Zahl der vom
       Aussterben bedrohten Arten. Ähnlich wie die Klimakrise gefährdet die
       [2][Biodiversitätskrise] unsere Lebensgrundlage auf dem Planeten. Das
       Errichten von Naturschutzgebieten soll dem entgegenwirken.
       
       Wir alle kennen die Plakate mit traurigen Elefantenbabys, die uns dazu
       animieren sollen, für den Artenschutz in Afrika zu spenden. Diese Art von
       Mobilisierung verfolgt immer ein ähnliches Narrativ: [3][Europäische
       Naturschutzorganisationen] erklären unberührtes, sich noch in einem
       Urzustand befindendes Land im Globalen Süden zu einem Schutzgebiet.
       
       In diesem können wilde Tiere ungestört von menschlichem Einfluss leben. Und
       sie sollen dort durch von den Organisationen eingesetzte Ranger*innen
       vor Wilderei beschützt werden.
       
       Planung von Naturschutzgebieten ist hauptsächlich im Globalen Norden
       angesiedelt 
       
       Was bei dieser Betrachtungsweise jedoch außen vor bleibt, ist die
       politische Dimension solcher Naturschutzmaßnahmen. Und die [4][koloniale
       Vergangenheit] von Reservaten, die den Strukturen zum Teil noch innewohnt.
       
       Die Planung von Naturschutzgebieten ist hauptsächlich im Globalen Norden
       angesiedelt und die naturwissenschaftlich basierten Ansätze folgen dabei
       einem eurozentrischen Naturverständnis.
       
       Die Idee von einer „unberührten Wildnis“ beispielsweise beruht auf der
       Vorstellung, dass es eine konzeptionelle, ontologische Trennung zwischen
       Menschen und der Natur gibt. „Natur“ wird dabei als eine Art
       vorindustrieller Urzustand gedacht, den es zu erhalten und vor der
       destruktiven Kraft des Menschlichen zu beschützen gilt.
       
       Dieses binäre Verständnis ist aber ahistorisch und exklusiv, weil es
       vergisst, dass fast alle Landschaften über Jahrtausende durch das
       Zusammenleben von Menschen und Umwelt geprägt worden sind.
       
       Nicht selten Interessenkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 
       
       Es lässt damit auch keinen Raum für lokale und indigene
       Bevölkerungsgruppen, die meist einen ohnehin nachhaltigen Umgang mit den
       Ökosystemen pflegen. Denn wird der Zugang zu Land und die Nutzung von
       Ressourcen in einem Gebiet beschränkt, weil es zum Schutzgebiet erklärt
       wird, betrifft das besonders diese Gruppen.
       
       Es kommt dabei nicht selten zu Interessenkonflikten und
       Menschenrechtsverletzungen. Vertreibung, der Entzug von Zugangsrechten zu
       Land und Ressourcen, aber auch zu religiösen und kulturellen Stätten sind
       Folgen der eingesetzten Maßnahmen, die unter der Prämisse des
       „Artenschutzes“ legitimiert werden.
       
       [5][Ihre Durchsetzung verläuft selten gewaltfrei und die Kontrolle erfolgt
       im militärischen Stil]. Denn oft kommt es dazu, dass vertriebene Menschen
       aus Alternativlosigkeit weiterhin die Schutzgebiete nutzen, um ihr
       Überleben zu sichern.
       
       Die ökologische Krise hat ihre Ursache fast ausschließlich in der
       Wirtschaftsweise des Globalen Nordens 
       
       Von der Gewalt dringt nach außen wenig durch. Und wenn doch, wird das Bild
       zugunsten der Parkbetreibenden verzerrt: Ranger*innen wird die Rolle der
       aufopferungsvollen Helden zugeschrieben, während lokale Bevölkerungsgruppen
       unter dem Label der „Wilderei“ kriminalisiert werden.
       
       Das Paradoxe daran: Die ökologische Krise hat ihre Ursache fast
       ausschließlich in der Lebens- und Wirtschaftsweise des Globalen Nordens.
       Dort also, wo Planung und Umsetzung der Schutzgebiete gesteuert werden.
       
       Was außerdem selten zur Sprache kommt: Das Errichten von
       [6][Schutzgebieten] und Reservaten durch europäische Institutionen, das
       Exotisieren von „unberührter Wildnis“ und das Kriminalisieren von
       nichtweißen, nichteuropäischen Menschen hat seine Wurzeln in eben den
       rassistischen Motiven, die zur Kolonialzeit genutzt wurden, um Gewalt,
       Vertreibung und Versklavung zu rechtfertigen. Die wichtige Diskussion über
       den Artenschutz darf daher Kolonialität und soziale Dimensionen nicht
       ausblenden.
       
       Über (Dis-)Kontinuitäten kolonialer Machtasymmetrien im Bereich des
       Naturschutzes sprechen Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin Imeh Ituen
       und Historiker Bernhard Gißibl auf dem [7][taz lab].
       
       „Grüner Kolonialismus“, [8][Spiegelsaal-Stream, 10 Uhr], Moderation: Nisa
       Eren
       
       26 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nisa-Eren/!a73832/
 (DIR) [2] https://irre.taz.de/exec/mainmenu.pl?sid=9383f348712347542e45a328d657eb96&rm=open_article_id&bid=4611718
 (DIR) [3] https://irre.taz.de/exec/mainmenu.pl?sid=9383f348712347542e45a328d657eb96&rm=open_article_id&bid=4
 (DIR) [4] https://irre.taz.de/exec/mainmenu.pl?sid=9383f348712347542e45a328d657eb96&rm=open_article_id&bid=2549478
 (DIR) [5] https://irre.taz.de/exec/mainmenu.pl?sid=9383f348712347542e45a328d657eb96&rm=open_article_id&bid=4015457
 (DIR) [6] https://irre.taz.de/exec/mainmenu.pl?sid=9383f348712347542e45a328d657eb96&rm=open_article_id&bid=5071261
 (DIR) [7] /tazlab
 (DIR) [8] /programm/2022/tazlab2022/de/events/1146.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nisa Eren
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA