# taz.de -- Abschussfür denKlimawald
       
       > Rehe und Hirsche behindern die Verjüngung der Brandenburger Forste. Der
       > grüne Umweltminister will deshalb mehr Wild schießen lassen – aber viele
       > Jäger sind dagegen. Wieso?
       
 (IMG) Bild: Ungestört übers Getreidefeld: eine Gruppe Rehe im Oderbruch im Osten Brandenburgs. „Seit den 50er Jahren hat der Bestand an verbeißendem Schalenwild um etwa 1.000 Prozent zugenommen“, sagt Förster Dietrich Mehl
       
       Von Kathrin Zinkant
       
       Als Axel Vogel vor 42 Jahren die Grünen mit begründete, wäre ihm wohl im
       Traum nicht eingefallen, dass er sich eines Tages für den Abschuss von
       Wildtieren einsetzen würde. Mit einem neuen Gesetzesentwurf, der vor einer
       Woche erstmals öffentlich wurde, tut Vogel nun aber genau das: Der grüne
       Umweltminister von Brandenburg will das Jagdrecht im Bundesland ändern.
       Eine größere Zahl Jäger:innen als bisher soll die Möglichkeit haben, im
       eigenen Wald oder auf dem eigenen Feld zu jagen. Zugleich entfallen die
       sonst üblichen Abschusspläne – und mit ihnen die Obergrenzen der zu
       schießenden Tiere. Für Unbeteiligte mag das jägerfreundlich klingen. Doch
       es geht im Entwurf nicht um die Wünsche und Bedürfnisse der Jäger, sondern
       um die Bedürfnisse des brandenburgischen Walds.
       
       Um den steht es nämlich richtig schlecht. Schuld daran sind nicht zuerst
       die Jäger. Schuld sind vor allem der Klimawandel und das Erbe von
       Jahrhunderten Plantagenkultur in den Forsten. Die Kiefernstangenwälder
       halten die Erderwärmung und ihre Extremwetterereignisse nicht aus. Dürren,
       Stürme, Brände, Schädlingsplagen und Krankheiten haben die Kiefer in den
       vergangenen Jahren zwar weniger ramponiert als den kleinen Anteil Eiche und
       Buche, der noch da ist. Laut Waldzustandsbericht Brandenburg für 2021 sind
       aber auch nur noch zehn Prozent der Kiefern richtig gesund.
       
       Wenn dieser Wald genesen und seine unverzichtbaren Funktionen als CO2-Senke
       und natürliche Klimaanlage erfüllen soll, muss er besser gestern als heute
       zu einem ökologisch robusten Mischwald umstrukturiert werden, konstatiert
       der Gesetzesentwurf in seiner Problembeschreibung. Zum Problem gehört im
       Kern aber auch, und hier kommen dann doch die Jäger ins Spiel, dass alle
       Versuche einer natürlichen Waldverjüngung am Wild scheitern, genauer: am
       pflanzenfressenden Schalenwild.
       
       Rothirsch, Damwild und vor allem das Reh fressen – „verbeißen“ – die
       kleinen Blätter, Knospen und die Rinde der jungen Bäume. Das wäre für einen
       robusten Wald noch hinnehmbar, solange die Bestände von Reh und Co ein
       gesundes Maß nicht überschreiten. Doch robust ist der Wald eben nicht – und
       die Wildbestände wachsen.
       
       „Seit den 50er Jahren hat der Bestand an verbeißendem Schalenwild um etwa
       1.000 Prozent zugenommen“, sagt Dietrich Mehl, der als Jäger und Förster
       die Landeswaldoberförsterei Reiersdorf bei Templin leitet. Der Forst
       erstreckt sich über 25.000 Hektar und gilt als vorbildlich. Der Wald wird
       seit Jahren umgebaut und verjüngt, das Holz nachhaltig produziert, wie es
       in den Landesforstbetrieben vorgeschrieben ist. Möglich ist das, weil Mehl
       und seine Mitarbeiter das Wild im Wald stark reduziert haben und weiterhin
       darauf achten, dass es nicht zu zahlreich wird.
       
       Der Oberförster hält Vorträge, in denen er diese Zusammenhänge erklärt, er
       kennt Beispiele, in denen die Jagd wirkungsvoll geholfen hat, Wälder zu
       verjüngen. Mehl hat Anfang 2021 auch als Experte im Bundestagsausschuss für
       Landwirtschaft gesprochen, als es um eine vorsichtige Modernisierung des
       seit dem Dritten Reich fast unveränderten Bundesjagdgesetzes ging. Auch da
       hat er auf die drastische Zunahme der Wildbestände hingewiesen und mehr
       gefordert als kleine Anpassungen des bestehenden Rechts. Am Ende schafften
       es selbst die nicht in eine zweite Lesung im Bundestag.
       
       Wild massiv zu bejagen ist eben unpopulär. Dabei wünschen sich
       Förster:innen und Jäger:innen wie Mehl keine Ausrottung des Wildes,
       selbst wenn ihnen das immer wieder vorgeworfen wird. Es geht ihnen auch
       nicht allein um die Bäume und das Holz. „Uns geht es um das Waldökosystem
       in Gänze“, sagt der Förster. Holzproduktion stelle einen Teil dar, doch
       Kohlenstoffbindung, Kühlung der Landschaft und Artenreichtum seien
       gleichberechtigte Ziele. „Diesen Zielen ordnen wir unsere Vorstellung von
       Jagd unter“, sagt Mehl. Schon lange fordert er deshalb eine grundlegende
       Veränderung der Jagd, etwa so, wie sie der aktuelle Entwurf jetzt
       skizziert.
       
       Doch die Mehrheit der Jägerschaft lehnt Veränderung vehement ab. „Diese
       Novelle schafft Chaos und keinen gesunden Wald“, sagt der Präsident des
       Landesjagdverbandes Brandenburg, Dirk-Henner Wellershoff, in einer
       Pressemitteilung. In den Regionalzeitungen unterstützen Bauern und auch
       Förster:innen diese ablehnende Position. Vom Wald ist dabei nur fast nie
       die Rede, dafür vom Wolf, der bejagt werden soll, von einer Zersplitterung
       der Reviere, von Jagdgenossenschaften als Resterampen – und von der
       Unmöglichkeit, auf zehn Hektar zu jagen, weil da doch jeder Schuss im
       Nachbarrevier lande.
       
       Zehn Hektar, so viel Wald oder Fläche sollen Jäger:innen laut Novelle
       besitzen müssen, um auf dem eigenen Land jagen zu dürfen. Bislang sind es
       150 Hektar. Nur 5 Prozent der Jäger:innen haben laut aktuellem
       Jagdbericht deshalb eine sogenannte Eigenjagd. 99 Prozent
       Eigentümer:innen von Wald oder Land besitzen dagegen zu wenig, um
       ihren Besitz selbst bejagen zu dürfen. Sie müssen Teil einer Genossenschaft
       werden, die in der Regel an Außenstehende verpachtet. Fast 90 Prozent der
       Jäger:innen in Brandenburg sind Pächter:innen oder haben einen
       Begehungsschein. Das Revier leihen sie sich aus, um Tiere zu jagen.
       
       „Der Wald dient dabei oft nur als Kulisse“, sagt Mathias Graf von Schwerin,
       der in der Trennung von Jagd und Eigentum ein Kernproblem sieht – und die
       Stärkung der Eigenjagden deshalb für zentral hält: „Wenn insbesondere die
       Waldeigentümer über die Nutzung ihrer Flächen bestimmen könnten, würden sie
       mit ihrem Wald sowohl ökologisch als auch ökonomisch profitieren“, sagt der
       Vorsitzende des Ökologischen Jagdvereins Brandenburg-Berlin. Das neue
       Gesetz eröffne so gesehen Möglichkeiten. Wem die jagdliche Nutzung seiner
       Flächen aber gleichgültig sei, müsse die Genossenschaften auch nicht
       verlassen.
       
       Der tiefere Sinn des Entwurfs liege jedoch darin, den Wald zum Schutz der
       Gesellschaft zu erhalten. „Wir Jägerinnen und Jäger erhalten von der
       Gesellschaft das Privileg, Waffen besitzen und mit ihnen jagen zu dürfen“,
       sagt von Schwerin. Man sei es den Menschen schuldig, ihnen für dieses
       Privileg auch etwas zurückzugeben. „Es ist uns seit mehr als einem halben
       Jahrhundert aber nicht gelungen, flächendeckend Wildbestände so zu
       regulieren, dass der Wald sich natürlich verjüngen kann.“
       
       Dass dringend etwas passieren muss, sehen auch Forscher so. „Wir wissen
       seit 50 Jahren um die negative Rolle der herkömmlichen Jagd für die
       Waldentwicklung, seit 20 Jahren ist klar, dass der Klimawandel ein modernes
       Wildtiermanagement immer dringlicher macht“, sagt Pierre Ibisch von der
       Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Das Problem wird nach
       Aussage des Professors für Naturschutz sehenden Auges verschleppt. „Und so
       ziehen die Jahrzehnte dahin.“
       
       Vergeben wird Ibisch zufolge dabei nicht nur die Chance, die
       Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft des Waldes zu schützen, sondern
       genauso die Möglichkeit, durch mehr Strukturvielfalt im Ökosystem auch
       wieder einen angemessenen Lebensraum für das Wild zu schaffen. „Ein
       vielschichtiger Wald mit Bäumen aller Altersklassen und Barrieren aus
       Totholz schränkt die Bewegungsfreiheit von Pflanzenfressern ein und senkt
       den Fraßdruck aus sich selbst heraus“, sagt Ibisch. Die wissenschaftliche
       Evidenz dafür gebe es, man müsse sie nur umsetzen.
       
       Ob das ambitionierte Gesetz, das diese Umsetzung endlich befördern könnte,
       jemals in Kraft tritt, bleibt aber fraglich. Zunächst wurde es in dem
       Jagdbeirat der Landesregierung vorgestellt, der überwiegend traditionell
       ausgerichtet ist. Gut möglich, dass das Papier, wie es ein Gesetzesgegner
       in der Lokalpresse gefordert hat, tatsächlich im Altpapiercontainer des
       Ministeriums landet. Den Preis dafür zahlen dann nicht die Jäger, sondern
       der Wald und die Gesellschaft.
       
       12 Mar 2022
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kathrin Zinkant
       
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