# taz.de -- Als ein Schnittlauchbündel zu Tränen rühren konnte
       
       > Epochenporträt: Helmut Böttigers „Die Jahre der wahren Empfindung“ sind
       > eine Einladung, die Literatur der siebziger Jahre wiederzuentdecken
       
 (IMG) Bild: Lesender an einem Büchertisch mit feministischer Literatur in Alsfeld, September 1976
       
       Von Oliver Pfohlmann
       
       Preisfrage: Was ist heute schwerer zu glauben? Dass sich Alice Schwarzer
       bei einem Interview mit einem spanischen Macho-Schriftsteller von diesem
       ohrfeigen ließ und das Gespräch trotzdem ungerührt fortsetzte? Oder dass es
       eine Zeit gab, in der Studierende so lese- und theoriehungrig waren, dass
       sie die in jeder Mensa stehenden Büchertische umlagerten, nur um an einen
       Raubdruck der „Dialektik der Aufklärung“ zu gelangen; und sich in jeder
       Universitätsstadt Lektüregruppen bildeten, um Peter Weiss’1.200-seitige
       „Die Ästhetik des Widerstands“ durchzuarbeiten?
       
       Was für eine seltsame, verrückte, fern anmutende Zeit, diese 1970er. Eines
       steht nach der Lektüre von Helmut Böttigers Buch „Die Jahre der wahren
       Empfindung“ ohnehin fest: Für eine Leiche war die Literatur dieses
       Jahrzehnts überaus lebendig. Erst 1968, dem Jahr, in dem für Böttiger diese
       „wilde Blütezeit der Literatur“ beginnt, hatte ihr bekanntlich Hans Magnus
       Enzensberger im Kursbuch den Totenschein ausgestellt. Schließlich stand
       Literatur, zumal die „bürgerliche“, zu APO-Zeiten unter Ideologieverdacht
       und galt als Hindernis auf dem Weg zur ersehnten politisch emanzipierten
       Gesellschaft.
       
       Fünf Jahre später kam es dann mit dem Erscheinen von Peter Schneiders
       Erzählung „Lenz“ und Karin Strucks Roman „Klassenliebe“ auf dem Buchmarkt
       zu einem Doppelschlag, der den literarischen Paradigmenwechsel unübersehbar
       werden ließ. Zu groß war für eine ganze Generation der Gegensatz zwischen
       politischer Utopie und subjektivem Scheitern geworden, so Helmut Böttiger.
       Mit einem Mal ging es in der Literatur wieder um all das, was in den ewigen
       WG-Diskussionen zu kurz gekommen war: das Ich und seine Emotionen. Die
       neuen Kompliziertheiten im Zwischenmenschlichen. Oder die Zerreißproben,
       die sich für viele auf ihrem Bildungsweg aus der wachsenden Entfernung vom
       eigenen Herkommen ergaben. Bezeichnenderweise wurde in dieser Zeit Georg
       Büchners tragisch zerrissener „Lenz“, der so gerne auf dem Kopf gegangen
       wäre, nicht nur für Schneider und Struck, sondern auch für Ingeborg
       Bachmann oder in der DDR Volker Braun zum Referenzpunkt, wie Böttigers
       Bestandsaufnahme belegt. Ebenso symptomatisch war der immense Erfolg der
       beiden viel zu früh verstorbenen Lyriker Nicolas Born („Das Auge des
       Entdeckers“, 1972) und Rolf Dieter Brinkmann („westwärts 1 & 2“, 1975). Vor
       allem Brinkmann hatte sich mit einer kräftigen Dosis Beatlyrik und Pop-Art
       geboostert und konfrontierte die bundesdeutsche Wohlstands- und
       Konsumgesellschaft mit einer neuen Lässigkeit.
       
       ## Griffige Etiketten
       
       Griffige Etiketten für den Tendenzwechsel wie „Neue Subjektivität“, „Neue
       Innerlichkeit“ oder „Neue Empfindsamkeit“ waren von der zeitgenössischen
       Kritik schnell gefunden. Helmut Böttiger, Jahrgang 1956 und Autor eines
       preisgekrönten Buches über die „Gruppe 47“, verwendet sie in seiner klugen,
       kenntnisreichen Darstellung jedoch eher mit spitzen Fingern. Aus gutem
       Grund, denn die Literatur der 1970er sei nicht nur „schwer auf einen
       Nenner“ zu bringen. Sie sei vor allem auch eine Literatur „verschiedenster
       ekstatischer Augenblicke“ gewesen und viel mehr als „die Zeit einer BRD
       noir“.
       
       Tatsächlich geschah, mehr oder weniger zeitgleich, höchst
       Unterschiedliches: Da versuchte zum Beispiel Peter Handke (dessen 1975
       erschienener Roman „Die Stunde der wahren Empfindung“ Böttigers Buch den
       Titel geliehen hat) so angestrengt, von den Begriffen zur Wahrnehmung zu
       gelangen, dass ihm schon beim Anblick eines unscheinbaren
       Schnittlauchbündels eine tränenselige Epiphanie zuteilwurde. Da arbeiteten
       sich Autoren wie Peter Henisch, Hermann Peter Piwitt und Christoph Meckel
       an ihren Nazi-Vätern ab, nur um festzustellen, dass man mit diesen mehr
       gemein hatte, als einem lieb sein konnte. Da begründete Verena Stefan neben
       Karin Struck mit ihrem autobiografischen Debütroman „Häutungen“ die
       „Frauenliteratur“, während Autoren wie Peter Weiss und Uwe Johnson in
       jahrelanger Schreibfron ihre Roman-Monolithen errichteten. Und Wolf
       Biermann zupfte in der Küche seiner legendären Ostberliner Wohnung in der
       Chausseestraße bis zu seiner Ausbürgerung 1976 auf seiner „Drahtharfe“.
       
       Die 27 Kapitel von Böttigers furios geschriebenem Epochenporträt, die sich
       übrigens problemlos separat lesen lassen, folgen denn auch einer nur losen
       Chronologie. Das Buch beginnt mit der heute herrlich absurd anmutenden
       Geschichte um das „Puddingattentat“ auf den US-Vizepräsidenten, 1967 von
       der Kommune I in Uwe Johnsons leer stehender Berliner Wohnung geplant: Der
       damals in den USA lebende Eigentümer erfuhr erst aus der New York Times von
       den Ereignissen; Günter Grass durfte sich dann in Johnsons Auftrag als
       „Rausschmeißer der Pudding-Schmeißer“ betätigen. Und es endet, durchaus
       plausibel, mit Jörg Fausers (noch so ein früh verstorbener Unvollendeter
       dieser Ära) halbautobiografischen Drogenkrimis, die den Hedonismus der
       achtziger Jahre einläuteten.
       
       Dabei behandelt Böttiger einzelne Autor:innen wie Ingeborg Bachmann,
       Arno Schmidt oder den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen DDR-Autor Fritz
       Rudolf Fries ebenso wie personelle Zusammenhänge. Darunter den Streit
       zwischen dem Verleger Klaus Wagenbach und seinem Autor Friedrich Christian
       Delius über das richtige Maß von Politik in der Literatur, der zur
       Verlagsspaltung und Gründung des Rotbuch Verlags führte. Oder die
       literarischen wie persönlichen Folgen jenes legendären Sommers, den die
       DDR-Autorinnen Christa Wolf und Sarah Kirsch 1975 in der mecklenburgischen
       Provinz erleben durften.
       
       Während der Literatur der DDR immerhin fünf Kapitel gewidmet sind, werden
       österreichische und vor allem Schweizer Autor:innen von Böttiger eher
       stiefmütterlich behandelt; und der westdeutsche „Werkkreis Literatur der
       Arbeitswelt“ wurde offenbar komplett vergessen. Dafür finden einschlägige
       Schauplätze wie das „Bundeseck“ in Berlin-Friedenau oder das Ostberliner
       Weinrestaurant „Ganymed“ ebenso Erwähnung wie prägende
       Literaturzeitschriften, etwa das legendäre Ulcus Molle Info des Bottropers
       Josef Wintjes, bis 1990 eine Art papierenes Google der Sub- und
       Alternativkultur. Besonders lesenswert sind auch jene Passagen, in denen
       Böttiger mit Zeitzeugen wie Peter Handke oder Irmgard Born, der zweiten
       Ehefrau Nicolas Borns, spricht und seine zwischen Vogelschau und Textnähe
       souverän wechselnde Darstellung unversehens reportagehafte Züge gewinnt.
       
       Die Literatur der 1970er wirkt in Böttigers Darstellung in vielem
       überraschend modern und gegenwärtig und lädt zu Wiederentdeckungen ein,
       zumal in Zeiten der neuen Sensibilitäten und Identitäten: ob es um das
       Beharren auf eine subjektiv-authentische Literatur bei Christa Wolf geht
       oder um Hubert Fichte, den ersten offen schwulen Autor, der mit
       autofiktionalen Romanen wie „Die Palette“ Gender- und
       Postkolonialismusdiskurse vorwegnahm. Ob es um Nicolas Borns und Guntram
       Vespers Kritik am Fortschrittsdenken geht oder um die an einem immer
       gewissenloseren Journalismus bei Heinrich Böll. Was Letzteren angeht,
       schafft Böttiger sogar das für unmöglich Gehaltene: Sein packendes
       Böll-Porträt weckt tatsächlich Lust, wieder die Werke des „guten Menschen
       von Köln“ zu lesen.
       
       Helmut Böttiger: „Die Jahre der wahren Empfindung“. Wallstein Verlag,
       Göttingen 2021, 473 Seiten, 32 Euro
       
       14 Dec 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Oliver Pfohlmann
       
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