# taz.de -- Eine Anklageschrift
       
       > Der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, prangert das
       > Versagen rechtsstaatlicher Institutionen im Fall Julian Assange an
       
       Von Ralf Nestmeyer
       
       Just am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, hat der britische High
       Court in einer Berufungsverhandlung verkündet, das Auslieferungsverbot für
       Julian Assange trotz seines schlechten Gesundheitszustandes aufzuheben. Das
       bedeutet, er kann an die USA ausgeliefert werden, wo ihm bis zu 175 Jahre
       Haft drohen.
       
       Durch die Veröffentlichung von geheimen Militärdokumenten hat der
       Wikileaksgründer 2010 die systematische Folter und weitere Kriegsverbrechen
       der US-Militärstreitkräfte in Afghanistan sowie im Irak aufgedeckt. Wenige
       Monate später begannen die Ermittlungen gegen den gebürtigen Australier.
       
       Julian Assange hatte 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London Asyl
       beantragt und dort fast sieben Jahre als politischer Flüchtling gelebt,
       bevor er im April 2019 an die englischen Behörden überstellt wurde und
       seither im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh inhaftiert ist.
       
       Der UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer für Folter hat sich zwei Jahre
       lang mit den Ermittlungen gegen Julian Assange beschäftigt und immer wieder
       erfolglos versucht, die verantwortlichen Staaten zur Zusammenarbeit zu
       bewegen und von den Regierungen gehört zu werden. Da sich Melzer nicht
       selbst durch Schweigen oder Nichtstun zum Komplizen machen wollte, hat er
       sich entschlossen, ein Buch über den „Fall Julian Assange“ zu schreiben.
       
       Akribisch hat er Fakten und Hintergründe recherchiert und aufgedeckt, wie
       die Vergewaltigungsvorwürfe konstruiert wurden, um Assange in Misskredit zu
       bringen und ihn juristisch verfolgen zu können. Da Melzer Schwedisch
       spricht, konnte er die Originalunterlagen einsehen und die Vorwürfe gegen
       Assange als haltlos entkräften.
       
       Vehement prangert Melzer das Versagen demokratischer rechtsstaatlicher
       Institutionen und die Verletzung der Verfahrensrechte an, so, wenn er die
       Auslieferungshaft von Assange mit der von Pinochet vergleicht. Während der
       Ex-Diktator in einer Luxusvilla in England residierte, ist Assange nicht
       nur wie ein Schwerverbrecher in einer Einzelzelle untergebracht, ihm wurde
       von Anfang an auch der Zugang zu Zeitungen und Büchern verweigert, selbst
       seine Prozessunterlagen darf er nicht einsehen. Und dies geschieht mitten
       in Europa!
       
       Das Buch ist eine einzige Anklageschrift gegen die Verfolgung eines
       Dissidenten durch die demokratisch verfassten Staaten USA, Großbritannien,
       Schweden und Ecuador. Allein die Tatsache, dass zu den Verhandlungen nur
       eine Handvoll Journalisten und Prozessbeobachter Zugang haben, ist
       unglaublich. Der Prozess findet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit
       statt. „Es ist die Geschichte schwerster Justizwillkür in westlichen
       Demokratien, die sich im Bereich des Menschenrechtsschutzes sonst gerne als
       Vorzeigestaaten darstellen. […] Es ist die Geschichte eines Mannes, der von
       uns allen zum Sündenbock gemacht wurde für das Versagen unserer
       Gesellschaft im Umgang mit Behördenkorruption und staatlich sanktionierten
       Verbrechen.“
       
       Assange lebt seit über neun Jahren in Unfreiheit, seine Haftbedingungen
       sind menschenunwürdig. Vor wenigen Tagen wurde berichtet, dass er am 27.
       Oktober einen leichten Schlaganfall erlitten hatte, was seine Verlobte
       Stella Moris auf den extremen Stress zurückführt, dem er durch die Angst
       vor der Auslieferung ausgesetzt ist, da das Verfahren an diesem Tag wieder
       aufgenommen worden ist.
       
       Umso wichtiger ist es, dass durch Nils Melzers hartnäckige Recherchen diese
       schwere Justizwillkür im Gespräch bleibt.
       
       Der Autor ist Vizepräsident des PEN-Zentrum Deutschland und dessen
       Writers-in-Prison-Beauftragter.
       
       24 Dec 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Nestmeyer
       
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