# taz.de -- Willkür, Gewalt und Tod
       
       > Aus dem Getto Lodz sind immens viele Fotoaufnahmen überliefert.
       > Fotografiert wurde aus völlig unterschiedlicher Perspektive, von Opfern
       > und Tätern. Tanja Kinzel analysiert den Bestand in ihrem Buch „Im Fokus
       > der Kamera. Fotografien aus dem Getto Lodz“
       
 (IMG) Bild: Deportation von Kindern auf einem Pferdekarren während der „Aktion Gehsperre“ im Getto Litzmannstadt, September 1942
       
       Von Wilfried Weinke
       
       Vor 31 Jahren überraschte eine Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt
       die Öffentlichkeit. Unter dem Titel „Unser einziger Weg ist Arbeit“
       gewährten mehr als 400 Farbfotografien einen scheinbar harmlosen Blick auf
       das Getto Lodz, von den Deutschen 1940 in Litzmannstadt umbenannt.
       Aufgenommen von Walter Genewein (1901–1974), dem Leiter der
       Finanzbuchhaltung des Gettos.
       
       Die Diarähmchen der Aufnahmen aus dem zweitgrößten Getto im besetzten Polen
       trugen seine handschriftlichen Kommentare. Eine dieser Betitelungen lautet
       lapidar: „Getto Ostjuden“. Das Foto zeigt im Hintergrund Mitglieder der
       sogenannten Judenpolizei, im Mittelgrund Hans Biebow, den Chef der
       deutschen Gettoverwaltung, korrekt gekleidet, in Uniform, mit weißem Hemd
       und Krawatte, die Beine in Breeches und Schaftstiefeln. Im Vordergrund: ein
       Mann, der an dem auf seiner verschmutzten Jacke aufgenähten Judenstern
       sofort als Getto-Bewohner identifizierbar ist, dessen Kappe seinen
       verunsicherten Blick kaum verbergen kann. Ein Foto aus Täterperspektive,
       das unmittelbar die brutalen Machtverhältnisse des Gettos widerspiegelt.
       
       So prägnant ist dieses Bild, dass es wiederholt Verwendung fand, zur
       Illustration von Zeitungsartikeln, als Poster für den 1998 entstandenen
       Film „Photographer/Der Fotograf“ des polnischen Dokumentarfilmers Dariusz
       Jabłoński, auf Buchcovern, wie der 2013 erschienenen Veröffentlichung
       „Regards sur les ghettos“ des Pariser Mémorial de la Shoah. Dieser, wie es
       einer der Kuratoren ausdrückte, „sensationelle“ Fund, der die
       Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen durchbrach, die deutsche
       Judenverfolgung nicht in Schwarz-Weiß, sondern in Farbe präsentierte,
       sollte nicht die letzte fotografische Entdeckung zur Geschichte des Gettos
       Lodz bleiben. Kurz vor der Jahrtausendwende erhielt das Jüdische
       Historische Institut in Warschau zwei Fotoalben, die dem damaligen
       Polizeipräsidenten „zur Erinnerung an unsere Zusammenarbeit bei der Lösung
       der Judenfrage in Litzmannstadt“ gewidmet waren.
       
       ## Grauenhaftes Leben
       
       Doch es sind nicht allein diese Fotografien, die die grauenhaften
       Lebensbedingungen im Getto dokumentieren, in dem zwischen 1940 und 1944
       zeitweilig mehr als 160.000 Menschen zusammengepfercht waren. Zum Getto
       Lodz existieren weltweit über 16.000 fotografische Aufnahmen. Fotografien,
       die die Sozialwissenschaftlerin Tanja Kinzel zum Gegenstand ihrer Analyse
       macht. Kinzel, die sich bislang in verschiedenen Aufsätzen mit dem Getto
       Lodz und dessen fotografischer Überlieferung beschäftigte, veröffentlicht
       unter dem Titel „Im Fokus der Kamera“ eine voluminöse Darstellung zu den
       unterschiedlichen Fotobeständen, dem Kontext ihrer Entstehung, den
       Fotografen und Fotografinnen, vor allem deren höchst unterschiedlichen
       Perspektiven.
       
       In ihrer detaillierten Arbeit, vom Osteuropa-Institut der Freien
       Universität Berlin als Promotion angenommen, verweist die Autorin nicht nur
       auf die unterschiedlichen Provenienzen der Fotografien, die sich etwa in
       Archiven in Polen, im Ghetto Fighter’s House und in der Gedenkstätte Yad
       Vashem in Israel, im United States Memorial Museum, aber auch im
       Bundesarchiv, im Jüdischen Museum Frankfurt, im Deutschen Historischen
       Museum und im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden.
       Kinzels Darstellung zeichnet sich schon auch darin aus, dass sie zwischen
       den Fotografierenden und deren Perspektiven differenziert, zwischen denen
       aus den Reihen der deutschen Besatzer, den Funktionären der
       Gettoverwaltung, Militärs, Polizisten, „Volksdeutschen“ und
       Bildberichterstattern des „Deutschen Ausland-Instituts“. Und den jüdischen
       Fotografen, die im Getto fotografierten.
       
       Kinzel nennt nicht nur die Fotografen, die im Auftrag der „Statistischen
       Abteilung“ des „Judenrates“ fotografierten, sondern verweist auf die
       erstaunliche Zahl von mindestens elf weiteren Fotograf:innen, die im Getto
       tätig waren, sich sogar genossenschaftlich organisiert hatten. Obwohl die
       deutsche Gettoverwaltung angeordnet hatte, dass alle Fotoapparate
       beschlagnahmt werden sollten, konnten einige Fotografen ihre Ausrüstung
       retten, verbergen, aber auch nutzen.
       
       Namentlich erwähnt sie Mendel Grosman, Henryk Ross und Lajb Maliniak, die
       vor allem für den Judenrat arbeiteten. Die durch sie erstellten Alben und
       Plakate dienten zuallererst dem Nachweis der Effizienz der Fabriken und
       Werkstätten des Gettos, die nicht nur für die deutsche Kriegswirtschaft,
       sondern auch für Unternehmen wie Josef Neckermann oder das Alsterhaus in
       Hamburg produzierten.
       
       Besondere Würdigung erfährt Arie Ben Menachem (1922–2006), dessen Album im
       Gegensatz zu den Darstellungen des Judenrates die Willkür, Gewalt, Hunger
       und Tod im Alltag der Zwangsgemeinschaft thematisierte. Er legte mit seinen
       Fotos Zeugnis ab und realisierte damit zugleich eine Form der
       Selbstbehauptung und des Widerstands.
       
       Der internationalen wie nationalen Fachliteratur, der fünfbändigen
       Getto-Chronik, den Überlebensberichten, Tagebuchaufzeichnungen und
       Erinnerungen fügt Tanja Kinzel eine vielschichtige, fast 600 Seiten
       umfassende Analyse des immensen Fotobestandes zum Getto Lodz bei. Nicht nur
       der Autorin gebührt dafür Anerkennung und Respekt, sondern auch dem Verlag,
       der mit der richtigen Papierwahl der historischen Bedeutung des
       Fotomaterials gerecht wird. Die zahlreichen illustrierenden Abbildungen
       saufen nicht ab, sondern behalten trotz ihrer altersbedingten Schwäche
       genügend Tiefenschärfe und Aussagekraft.
       
       Kinzels Buch erweitert und differenziert unseren Blick auf das Getto, das
       unter der Devise „Unser einziger Weg ist Arbeit“ die Chance des Überlebens
       suggerierte, aber für Zigtausende, wie es der in Auschwitz ermordete Oskar
       Rosenfeld ausdrückte, zum „Krepierwinkel Europas“ wurde.
       
       Tanja Kinzel: „Im Fokus der Kamera. Fotografien aus dem Getto Lodz“.
       Metropol Verlag, Berlin 2021, 592 Seiten, 36 Euro
       
       21 Dec 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wilfried Weinke
       
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