# taz.de -- Chance für Nachwuchs-Fußballer: Der HSV entdeckt die Jugend
       
       > Allmählich pirschen sich die Männer des HSV wieder an die Spitzengruppe
       > der 2. Fußballbundesliga heran. Einige von ihnen sind fast noch Jungen.
       
 (IMG) Bild: Erfolgreich und begehrt: HSV-Jungprofi Faride Alidou
       
       Hamburg taz | Talente aus dem Campus waren in den vergangenen Jahren meist
       Bankdrücker und Kaderauffüller. Oder sie wurden aus der Versenkung geholt,
       wenn beim Hamburger SV [1][Nachwuchstrainer wie Christian Titz] zu
       Cheftrainern befördert wurden. Dann staunte das Publikum kurz, dass da
       tatsächlich ein paar junge Profis aus der Schmiede auftauchten, sich kurz
       beweisen durften und wieder verschwanden – wie Matti Steinmann oder Tatsuya
       Ito. Beim HSV schien es lange, als läge ein Fluch darauf, dem eigenen Stall
       zu entstammen.
       
       Ob aus finanzieller Not oder wirklicher Überzeugung: Seit Sport-Vorstand
       Jonas Boldt 2019 bei der Mitgliederversammlung verkündete, dass der
       zukünftige Weg des HSV sei, auf frische Kräfte aus dem 2017 eingeweihten
       Campus zu setzen, macht der Klub in dieser Hinsicht ernst. Das begann
       damit, das man den früheren U21-Nationaltrainer Horst Hrubesch zum
       Nachwuchs-Chef gemacht hat.
       
       Sowohl bei Beförderungen als auch bei Verpflichtungen setzen Boldt, Trainer
       Tim Walter und Sportchef Michael Mutzel seitdem häufig auf das Prinzip
       „Jugend trainiert“. Bezogen auf die laufende Saison sagte Boldt jüngst der
       Welt: „Wir wollen uns entwickeln. Diesen Weg gehen wir diese Saison noch
       konsequenter.“
       
       Es gibt erste Anzeichen, dass der HSV diese Strecke erfolgreich zurücklegen
       könnte. Nach dem 3:0 am Sonntagmittag gegen den FC Ingolstadt rücken die
       Hamburger den Klubs an der Tabellenspitze der Zweiten Fußball-Bundesliga
       auf die Pelle.
       
       ## Alidou begeistert die Fans – und andere Clubs
       
       Dabei war es wieder der 20 Jahre alte Faride Alidou, der die diesmal
       wenigen Fans im Volksparkstadion begeisterte. Sein Tempo, seine Tricks und
       sein Treffer zum 1:0 in der 13. Minute ebneten den Weg zu einem klaren,
       aber nicht ungefährdeten Sieg gegen den Tabellenletzten. Die weiteren Tore
       erzielten Bakery Jatta (23) und Manuel Wintzheimer (22).
       
       Der HSV ist seit der Derby-Niederlage beim FC St. Pauli am 13. August
       unbesiegt. Und langsam relativieren sich auch die Zweifel an Trainer
       Walter. Die mutigen Vorträge mit dürftiger Restabsicherung hatten im
       Spätsommer und Herbst zu einer Serie von Remis geführt – die Spitze rückte
       in weite Ferne. Es schien keinen Plan B zu geben, wenn der stets
       unterhaltsame Ballbesitzfußball à la Walter fehlschlug.
       
       Doch mit noch mehr Laufarbeit und Konsequenz im defensiven Mittelfeld ist
       das vorwärtsgewandte HSV-Spiel nun etwas besser abgesichert. Tatsächlich
       waren Gegentore und Punktverluste nicht immer Systemfehler. Manchmal
       mangelte es an Cleverness. Zudem gingen die HSV-Offensiven so
       verschwenderisch mit ihren Möglichkeiten um, dass es in den Schlussminuten
       doch immer wieder eng wurde.
       
       Das war gegen den FCI ähnlich. Zwar lagen die Hamburger mit 2:0 vorn, doch
       ab der 70. Minute kam der tapfere Tabellenletzte auf und war dem
       Anschlusstreffer nah. In dieser Phase offenbarte der HSV wieder die
       bekannte Konteranfälligkeit. Diese HSV-Mannschaft kann keinen Gegner
       entspannt dominieren – aber wem gelingt das schon in dieser ausgeglichenen
       Liga?
       
       ## Steigt das nominell schwächste HSV-Team auf?
       
       Der eingeschlagene Weg und die Punktausbeute lassen [2][die
       Verantwortlichen um Boldt] hoffen, dass das vierte Zweitligajahr das
       vorerst letzte sein könnte. Gelungen ist das mit dem nominell schwächsten
       Kader der vergangenen Spielzeiten. Dabei steht vor allem Faride Alidou für
       die erfreuliche Trendwende dahin, dass der Verein jungen Spielern vertraut.
       
       Auch den aktuell verletzten Jonas David hat Trainer Walter zum Stammspieler
       gemacht. Anssi Suhonen und Robin Meißner sind Ergänzungsspieler an der
       Schwelle zur Stammkraft. Und auch die Zugänge Ludovit Reis, Mikkel Kaufmann
       und Mario Vušković könnten noch in der U21 spielen.
       
       Alidou stammt von der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg und spielt seit 2012
       für den HSV. Er glänzt gerade als Torschütze und Vorbereiter, harmoniert
       bestens mit dem formstarken Sonny Kittel und macht nach hinten wichtige
       Meter. Schon hat das Gezerre um einen neuen Vertrag begonnen – seiner beim
       HSV endet im nächsten Sommer.
       
       Das sind die Schattenseiten eines Ausbildungsvereins. Gegen Mitbewerber aus
       der Ersten Liga oder der Premier League wird es knifflig. Das Hauptargument
       für Talente herzukommen ist gerade, dass sie spielen können. Immerhin.
       Angesichts der finanziellen Lage des HSV sind Verkäufe mit Wertsteigerung
       auch dringend nötig.
       
       28 Nov 2021
       
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