# taz.de -- Neuer Trainer beim FC Barcelona: Heilands Wiederkunft
       
       > Der FC Barcelona hat seine Spielkultur verloren, doch mit Xavi als
       > Trainer soll alles wieder gut werden. So wie es war, als er noch auf dem
       > Platz stand.
       
 (IMG) Bild: Xavi nimmt die Huldigungen seiner Jünger in Barcelona entgegen
       
       Barcelona taz | Die Sonne strahlte, der Himmel war wolkenlos, wie soll es
       auch anders sein, wenn eine Lichtgestalt erscheint. Rund zehntausend Fans,
       alle Klubhonoratioren und auch seine Eltern hatten sich an einem
       Montagmittag im Camp Nou eingefunden, um die Rückkehr eines verlorenen
       Sohnes zu feiern. Sie sangen das Vereinslied, derweil der
       Stadioneinpeitscher seine größten Erfolge herunterrasselte. Um halb zwei
       betrat er dann leibhaftig den Rasen, im schwarzen Anzug und mit einer Träne
       im Knopfloch: Xavi. Er ist aus der Wüste gekommen, um die Finsternis zu
       vertreiben.
       
       [1][Diese war zuletzt bekanntlich allumfassend]. Auf Platz neun dümpelt der
       FC Barcelona in der Liga dahin, von zwölf Spielen wurden erst vier
       gewonnen. Die Anhänger? Blieben immer öfter zu Hause. Frustshopping? Auch
       keine Option, angesichts von 1,35 Milliarden Euro Schulden. Wie es hieß,
       musste Xavi sogar die Hälfte seiner Ausstiegsklausel bei seinem Ex-Klub
       al-Sadd von 5 Millionen Euro selbst bezahlen; erst dann konnten tagelange
       Verhandlungen am Freitag zu einem gütigen Abschluss gebracht werden. Dass
       Barça die Verpflichtung mit einem Kommuniqué um 1.47 Uhr nachts bekannt
       gab, illustriert ganz gut den aktuellen Zustand des Vereins.
       
       Die Aufgabe ist, mit anderen Worten, so groß wie der Name von Xavier
       Hernández i Creus. Der 41-Jährige aus dem nahen Terrassa (über-)erfüllt
       alle nur denkbaren Kriterien für einen Barça-Trainer. Er war einer der
       wichtigsten Spieler der Klubgeschichte – 767 Partien, 25 Titel – und prägte
       ihre brillanteste Epoche unter Pep Guardiola. Als dessen verlängerter Arm
       galt er schon damals als Trainer im Wartestand.
       
       ## Evangelium vom Ballbesitz
       
       Auf dem Platz und vor den Mikrofonen predigte er das Barça-Evangelium von
       Ballbesitz, 4-3-3 und Passdreiecken – vulgo: Tiki-Taka – so unverrückbar
       wie kein anderer. Damit brachte er regelmäßig Barcelonas Lieblingsfeinde in
       Madrid auf die Palme; wie auch mit seinem Eintreten für das katalanische
       Selbstbestimmungsrecht.
       
       Gleichwohl avancierte er auch zum Gehirn von Spaniens größter Epoche mit
       dem WM-Sieg 2010 und den beiden EM-Titeln 2008 und 2012. Nach einem letzten
       Champions-League-Sieg 2015 verabschiedete er sich nach Katar – mit dem
       erklärten Ziel, erst die aktive Karriere ausklingen zu lassen und dann an
       dem hochentwickelten Sportakademiesystem des Emirats seine Rückkehr als
       Trainer vorzubereiten. Rentenparadies und Sprungbrett zugleich: auch das
       illustriert den Aufstieg Katars, dem Xavi in den letzten Jahren ein
       weiteres Gesicht gab.
       
       Doch [2][um die Vergangenheit wird es jetzt nicht mehr gehen], dafür ist
       die Lage bei Barça zu ernst. Am Samstag besuchte Xavi gleich nach der
       Landung als Erstes ein Spiel der zweiten Mannschaft – wo er einst selbst
       begann, wo Guardiola herkam, das Gerüst von dessen Elf und auch die
       Hoffnung dieser Tage. Eigengewächse wie Gavi, 17, Nico González, 19, Ansu
       Fati, 19, und Eric García, 20, gehören längst zur ersten Elf und dabei zu
       den wenigen Leistungsträgern.
       
       Als die drei Letzteren am Samstag bei Celta Vigo verletzt vom Platz
       mussten, vergeigte der restlos verunsicherte Rest noch einen 3:0-Vorsprung.
       Seitdem ist „elf“ Barças neue Horrorzahl: so hoch ist sowohl die momentane
       Belegung des Lazaretts als auch der Punkterückstand auf Tabellenführer Real
       Sociedad.
       
       Die Meisterschaft kann da von Xavi keiner mehr verlangen, eine
       Qualifikation für die nächste Champions League wäre schon heroisch genug.
       Vor allem geht es um eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine Versöhnung mit sich
       selbst. Als „Taliban des Ballbesitzes“ und Anhänger eines „Barça total“
       bezeichnet Santi Cazorla, der bei al-Sadd seine Spielerkarriere ausklingen
       lässt, den Trainer Xavi. Wenn einer beweisen kann, dass Barças verfeinerter
       Spielstil auch in dem physischeren und temporeicheren Fußball der
       2020er-Jahre noch bestehen kann, dann er. Therapeut, Exorzist und Architekt
       einer neuen Ära: nicht weniger soll er sein.
       
       „Xavi, Xavi“, skandierten die Fans im Camp Nou am Montag so enthusiastisch,
       dass er kaum zu Wort kam. „Ich bin voller Vorfreude“, sagte er: „Wir sind
       der beste Klub der Welt, Barça kann sich Niederlagen oder Unentschieden
       nicht erlauben.“ Ein Familienfoto auf dem Rasen, ein paar letzte Sätze in
       seiner bekannten, tiefen, lang vermissten Stimme. „Barça-Fan zu sein, ist
       das Beste, was es gibt“, sangen sie auf der Tribüne. Zumindest für diesen
       einen Mittag fühlte es sich wieder so an.
       
       8 Nov 2021
       
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