# taz.de -- Ablösesummen im Amateurfußball: Preisschild für die Jugend
       
       > In Bremen wird über Ablösesummen im Amateurfußball diskutiert. Fördern
       > sie den Handel mit Kindern oder schützen sie davor?
       
 (IMG) Bild: Schon früh Teil des kranken Systems: ambitionierte Jugendfußballer:innen
       
       Bremen taz | Der Bremer Linken-Politiker Cindi Tuncel hat kürzlich ein
       Thema auf die politische Bühne gehoben, das im Jugendfußball für Konflikte
       sorgt: die Entschädigungszahlungen bei Vereinswechseln. „Diese Praxis ist
       absurd“, sagte Tuncel und begrüßt es, dass mit dem Bremer Regionalligisten
       FC Oberneuland „nun ein Bremer Vereinsvorstand rechtlich gegen diese
       Statuten vorgehen will“.
       
       Die Statuten der Landesverbände lassen fristgerechte Vereinswechsel von
       Junioren:innen zur neuen Saison zu, wenn der alte Verein dem zustimmt
       oder vom neuen Verein eine „Ausbildungsentschädigung“ erhält. Wenn keines
       von beidem erfolgt, wird der:die Spieler:in bis zum ersten November
       gesperrt. Die Höhe der Entschädigung ist in den Jugendordnungen geregelt
       und ergibt sich aus der Altersklasse und Dauer der Vereinszugehörigkeit des
       Juniors sowie der Ligazugehörigkeit der ersten Mannschaft des neuen
       Vereins.
       
       Ein Bundesligist müsste demnach für eine:n 13-jährigen D-Jugendspieler:in
       1.500 Euro plus 200 Euro für jedes Jahr der Vereinszugehörigkeit zahlen;
       ein Kreisligist 25 Euro Grundbetrag plus 25 Euro pro Jahr zahlen. Der
       höchste Grundbetrag für A-Jugendspieler:innen beträgt 2.500 Euro.
       
       Im konkreten Fall, der Tuncel auf den Plan rief, wechselten sieben Bremer
       Spieler vom SC Borgfeld zum benachbarten FC Oberneuland. Nachdem die
       Borgfelder den Wechseln nicht zugestimmt hatten, sollen die Oberneuländer
       dem Weser Kurier zu Folge mehrere Tausend Euro gezahlt haben, an denen sich
       auch Eltern beteiligten, um die dreimonatige Sperre für ihre Jungs zu
       verhindern.
       
       ## Ansatz am falschen Punkt
       
       Die Skandalisierung der allgemeinen Entschädigungspraxis im Amateurfußball
       setzt allerdings am falschen Punkt an. So viele Ungerechtigkeiten sie mit
       sich bringt und so reformbedürftig sie ist, so bleibt sie doch der letzte
       Versuch, die gröbsten Auswüchse eines kranken Gesamtsystems einzudämmen.
       Eines Systems, das schon Kinder in ein Dauercasting um einen Traum schickt,
       den die wenigsten erreichen, aber vielen die Freude am Sport austreibt.
       
       In den Leistungszentren der Profiklubs lockt die Gebührentabelle der
       Jugendordnungen ein müdes Lächeln hervor. Dort werden an die Eltern von
       Top-Talenten unter der Hand teilweise ganz andere Beträge gezahlt – wenn es
       sein muss, unter Umgehung der Schutzbestimmungen auch über Ländergrenzen
       hinweg. Wer es mit 14 Jahren nicht in ein Leistungszentrum geschafft hat,
       aber weiter glaubt, das Zeug für eine Profikarriere zu haben, oder dies von
       Eltern und Berater:innen eingeredet bekommt, kann den Traum noch eine
       Weile in einem leistungsorientierten Amateurverein weiterleben.
       
       Wo früher einzelne Vereine in den jeweiligen Altersklassen mit mehreren
       Mannschaften unterschiedliche Leistungsstärken abbildeten, hat sich die
       [1][Vereinslandschaft heute ausdifferenziert]: In den ländlichen Regionen
       ziehen fusionierte Jugendfördervereine die Talente aus den Dorfklubs ab, in
       den Städten spezialisieren sich ambitionierte Vereine wie Altona 93 oder
       der FC Oberneuland auf Leistungsfußball. Der Preis sind Kindermannschaften,
       die mit Eintritt in die Selektionsphase auseinandergerissen werden und
       zahlreiche Vereinswechsel, um individuell den nächsten Schritt zu schaffen.
       
       Es spricht nichts dagegen, dass talentierte Jugendliche ihre Fähigkeiten
       entwickeln und sich auf dem höchsten Niveau messen wollen. Auch nicht, dass
       jemand den Verein wechselt, weil einem der Trainer nicht passt oder der
       beste Kumpel woanders spielt. Aber alles spricht gegen ein System, das
       einen Sog erzeugt, in dem der soziale Zusammenhalt schon
       durcheinandergewirbelt wird, bevor das berufliche Rattenrennen beginnt.
       
       Der DFB denkt das ganze System des Kinder- und Jugendfußballs, in dem
       hunderttausende Mädchen und Jungen menschlich geprägt werden, von der
       Spitze her, wo später nur ein Bruchteil landet. Daran krankt das System,
       nicht an ein paar Hundert Euro Ausbildungsentschädigung.
       
       5 Oct 2021
       
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