# taz.de -- Innovativ, komplex, lokal geprägt 
       
       > Im Portfolio der mexikanischen Architektin Tatiana Bilbao werden die
       > sozialen Extreme des Landes sinnfällig, wie ihre Personalausstellung im
       > Architekturzentrum Wien zeigt
       
 (IMG) Bild: Tatiana Bilbao Estudio: sozialer Wohnungsbau in Acuna, Mexiko mit insgesamt 16 Wohneinheiten mit je 52 Quadratmetern und einem öffentlichen Raum mit 27.000 Quadratmetern
       
       Von Jacqueline Rugo
       
       Beziehungen zu schaffen betrachten Architekt*innen mittlerweile als
       eine ihrer zentralen Aufgaben. Empathie heißt das Stichwort, mit ihr wollen
       sie auf Bestehendes ebenso reagieren wie auf soziale, klimatische oder
       städtebauliche Veränderungen. Es geht darum, Entwicklungen zu verstehen,
       darauf zu antworten oder sie vielleicht sogar vorherzusehen. Dies ist die
       Herausforderung besonders beim Bauen in Lateinamerika. Sie ist durch die
       enorme Kluft zwischen Vermögenden und Besitzlosen bestimmt, die die
       Umweltkatastrophen und die Pandemie noch verschärft hat. Die wachsende
       soziale Ungleichheit spiegelt sich denn auch in den Projekten lokaler
       Architek*innen, die mit Entwürfen für Superreiche und Sozialwohnungen für
       die Ärmsten einem äußerst breiten Spektrum an Bedürfnissen und
       Herausforderungen gerecht werden wollen.
       
       Am Portfolio von Tatiana Bilbao, die mit ihrem Architekturstudio in
       Mexiko-Stadt arbeitet, lassen sich diese Extreme besonders anschaulich
       ablesen: Planungen im sozialen Wohnungsbau und für städtische
       Nachverdichtung, Wiederaufbauprojekte und Reihenhaussiedlungen gehören
       ebenso dazu wie Einfamilienhäuser, Villen, eine Hotelanlage oder
       spektakuläre Konzeptionen für einen botanischen Garten, ein Aquarium und
       einen Pilgerweg. Eine Ausstellung über die vielgestaltigen Projekte der
       Architektin und ihres Teams wird derzeit im Wiener Architekturzentrum
       gezeigt. Die Präsentation, die in Kooperation mit dem Louisiana Museum of
       Modern Art entstand, zeigt insgesamt 23 Entwürfe, durch die sich Bilbao den
       Ruf als eine der innovativsten zeitgenössischen Architek*innen erworben
       hat.
       
       Tatiana Bilbao wurde 1972 in Mexiko-Stadt in eine Familie von Architekten
       hineingeboren. Nach Industriedesign studierte sie Architektur an der
       Universidad Iberoamericana in Mexiko. Gemeinsam mit ihrem Studienkollegen
       Fernando Romero begann sie bereits damals Kongresse und Vorträge zu
       organisieren, zu denen sie die Architekten einlud, die sie aufregend fand,
       wie Álvaro Siza, Rem Koolhaas und Tadao Andō. Von 1998 bis 1999 war Bilbao
       Beraterin für das Urban Housing and Development Department von
       Mexiko-Stadt. Gemeinsam mit Romero gründete sie das Büro LCM, das
       Laboratorio de la Ciudad de Mexico, das bis 2004 bestand. In diesem Jahr
       machte sie sich selbstständig und hat seither unter dem Namen Tatiana
       Bilbao Estudio eine Vielzahl von Aufträgen in China, Europa und Mexiko
       umgesetzt.
       
       Einer ihrer ersten Aufträge war ein Ausstellungspavillon in China. Ai
       Weiwei und Herzog & de Meuron hatten international 17 junge
       Architekturbüros eingeladen, um für den Jinhua Architectural Park Pavillons
       zu entwerfen. Bilbao ließ sich bei ihrem Entwurf vom Gestaltungsprinzip
       chinesischer Gärten anregen: sie wickelte den Parkweg zu einem
       dreidimensionalen Knoten auf und umbaute diesen. Gemeinsam mit dem
       mexikanischen Konzeptkünstler Gabriel Orozco – und für ihn – entwarf sie
       2007 die Casa Observatorio. Das einzigartige Gebäude entstand in Anlehnung
       an die Architektur einer Sternwarte in Indien. Ohne innere Verbindung
       zwischen den Räumen hat jedes Zimmer nur eine Tür nach außen. Das Dach,
       ursprünglich zum Beobachten der Sterne gedacht, wurde zum Pool. An einem
       sehr abgeschiedenen Platz in der steilen Felsküste von Puerto Escondido in
       Oaxaca wurde das Haus von einheimischen Arbeitern aus örtlichen Materialien
       gebaut. „Es war der schwierigste und spannendste Teil unserer Arbeit,
       dieses sehr spezielle Gebäude in einfache Materialien und
       Konstruktionsmethoden zu übersetzen. Wir mussten unsere Ideen vor Ort
       ständig ändern, damit sie unter diesen Bedingungen überhaupt baubar wurden,
       und am Ende entstand aus genau dieser Übersetzung ein großartiges Haus“,
       erzählt Bilbao.
       
       Die Erfahrung der Zusammenarbeit mit einem Künstler und der engen
       Kooperation mit den Handwerkern sowie die Entscheidung für lokale
       Materialien und die grundsätzliche Überlegung, wie vor Ort gebaut werden
       kann, haben Bilbao nachhaltig geprägt.„In Mexiko haben wir es meist mit
       einer sehr, sehr einfachen Bauindustrie zu tun. Es gibt kaum Maschinen, und
       die Arbeiter sind oft sehr schlecht ausgebildet. Die meisten können nicht
       einmal lesen und schreiben, oft sind sie sehr jung, denn in Mexiko ist dein
       erster Job normalerweise auf einer Baustelle. Aber das sind die
       Bedingungen, unter denen Architektur in Mexiko entsteht, und seit dem Haus
       für Gabriel Orozco ist das der Ausgangspunkt meiner Architektur geworden.
       Es gibt meiner Meinung nach keinen Grund, in Mexiko mit unbekannten,
       fließenden Geometrien zu experimentieren. Gute, komplexe Architektur können
       wir auch mit einfachen Formen herstellen und mit den Technologien, die in
       Mexiko bekannt sind.“
       
       Dass das Recht auf Schönheit nicht unbedingt eine Frage des Budgets ist,
       bewies Bilbao mit dem Prototyp eines kostengünstigen Hauses. Als sie von
       der mexikanischen Regierung beauftragt wurde, ein Kleinsthaus für arme
       ländliche Gemeinden zu entwerfen, entwickelte sie ein Modul für weniger als
       6.000 Euro. Bewährt. nachdem 2015 ein Tornado die Stadt Ciudad Acuña
       verwüstete, kommen Varianten ihres Hauses inzwischen landesweit zum
       Einsatz.
       
       Bilbao, die als einzige Frau in der Megastadt Mexiko ein eigenes
       Planungsbüro führt, sieht die Architektur historisch als Stütze des
       Kapitalismus. Dagegen setzt sie ihre Position, die ästhetisches Denken dem
       soziologischen gleichstellt: „Es geht um die Architektur, die wir machen
       können, und nicht darum, dass wir Architekt*innen sind“, erklärte sie
       in einem Interview mit Jacques Herzog zur Frage des Generationswechsels und
       ihrer kollaborativen Arbeitsweise. Daher steht am Anfang jeder ihrer
       Planungen eine lange Phase des Austauschs mit den zukünftigen Bewohner- und
       Nutzer*innen, aber auch mit anderen Architekt*innen,
       Landschaftsarchitekt*innen und Künstler*innen.
       
       Die Konfrontation mit unterschiedlichen Ansätzen und Ideen ist für Bilbao
       wichtig, um ihr Einfühlungsvermögen zu schärfen und für die sich immer
       wieder verändernden Anforderungen offen zu bleiben. In der Kreativität
       aller am Bau Beteiligten sieht die Architektin ein enormes Potenzial, das
       in der Regel zu wenig genutzt wird. Auch die mexikanische Kultur und Kunst
       sowie traditionelle Bautechniken, wie etwa die Verwendung von gestampfter
       Erde, spielen eine wichtige Rolle in ihren Bauplanungen. Außerdem müssen
       die Materialien lokal verfügbar sein. In ihrer Casa Ajijic, einem 2010/11
       am Ufer des Chapala-Sees gebauten Wochenendhaus, verband Bilbao
       Stampflehmwände mit Beton und Pigmenten, um ein malerisches Schichtmuster
       in harmonischen Farbschattierungen zu erzeugen.
       
       Natürliche Materialien und Fundstücke aus der Natur sind für die
       Architektin wichtige atmosphärische Hilfsmittel, um sich einem Ort im
       architektonischen Prozess zu nähern. Diesen Gedanken aufgreifend, setzt die
       Wiener Schau auch auf persönliche Interaktion und bietet in einem dicht
       bestückten „Kabinett der Neugierde“ die Möglichkeit, die „sinnlichen
       Bausteine“ von Tatiana Bilbao zu entdecken: Sand, Schotter, Marmorwürfel,
       Körbe, Strohhüte, Keramikfliesen, Stoffmuster Baumrinden, Korallen, Nüsse
       und in Fläschchen abgefüllte Erdproben warten darauf, von den
       Besucher*innen aus Regalen und aus Schubladen hervorgeholt und in
       Bezug gesetzt zu werden mit den jeweiligen Bauprojekten. Arbeitsmodelle und
       Skizzen, die deren Prozess veranschaulichen, finden sich hier ebenso wie
       dokumentarische Fotos des niederländischen Fotografen Iwan Baan. Das alles
       passt gut in Bilbaos Konzept des gedanklichen Austauschs und der Synergie.
       
       Tatiana Bilbao Estudio steht für Wissens- und Erfahrungstransfer zwischen
       Projekten mit großen finanziellen Ressourcen und sozialen Aufgaben. Die
       Wiener Ausstellung fokussiert größtenteils auf solche Projekte, die
       belegen, welchen Beitrag Architektur für die Gesellschaft leisten kann. In
       ihrem Portfolio finden sich aber neben mehreren Villen für sehr wohlhabende
       Bauherrschaften wie die Villa Ventura in den Wäldern über dem
       kalifornischen Monterrey auch das 2015–20 im Bundesstaat Baja California
       Sur erbaute Luxusresort Staterra, das abseits menschlicher Siedlungen in
       einer halbwüstenartigen Zone mit seinen zahlreichen Pools doch recht bizarr
       wirkt. Letztendlich sind es aber die partizipativen Planungsprozesse und
       die ambitionierten sozialen Wohnbaukonzepte, die das gesamte Planungsbüro
       so herausragend erscheinen lassen. Der ihr anfänglich angetragenen Rolle
       als Lückenbüßerin in der Männerdomäne Bauen ist die Architektin lange schon
       entwachsen.
       
       Personalausstellungen von Architektinnen sind auch im Az W rar. Eine der
       wenigen war die Präsentation von Denise Scott Brown Ende 2018/19. Dass im
       Jahr des 25-jährigen Jubiläums eine lateinamerikanische Architektin zeigt,
       was Architektur kann, ist eine anerkennenswerte, wenn auch längst
       überfällige Entscheidung.
       
       Bis 17. Januar 2022, Architektur Zentrum Wien. Katalog (Lars Müller
       Publishers) 45 Euro
       
       29 Sep 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jacqueline Rugo
       
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