# taz.de -- Die Schätze des Herrn Kast
       
       > Mehrere Tausend Fotos fand eine Oldenburger Familie auf dem Dachboden
       > ihres Hauses. Wer war der Mann, der sie gemacht hat? Warum? Und was ist
       > aus ihm geworden?
       
 (IMG) Bild: Im Auftrag des Wirts abgelichtet? Die Gaststätte „Zur alten Bäke“
       
       Von Lea Terlau
       
       Die Geschichte beginnt mit einem Fund auf einem Dachboden: Familie Herpers
       hat das Haus im niedersächsischen Oldenburg schon vor einer Weile
       übernommen, möbliert. Seitdem gilt es immer weiter auszumisten, umzubauen –
       sich das Haus zu eigen zu machen. Zahllose Kisten werden also
       durchsortiert, auf- und wieder zugeklappt, manche komplett weggeschmissen.
       „Pril – Spült und trocknet ab“ ist in Blau und Rot auf einen der Kartons
       gedruckt, „Bildberichter“ steht handschriftlich auf einem anderen. Aus
       Neugier öffnen die Herpers die Kartons. Alte Fotografien und Negative
       finden sich darin, manche ordentlich abgelegt, andere wild
       durcheinandergeworfen. Erinnerungen an ein vorheriges Leben in diesem Haus,
       an einen Menschen, der hier sein Zuhause hatte – der die Aufnahmen
       vielleicht sogar selbst entwickelt hat, in der provisorischen Dunkelkammer
       hier auf dem Dachboden.
       
       Lange überlegte die Familie, was sie mit den Bildern anstellen soll.
       Schlussendlich wendet sie sich an Farschid Ali Zahedi vom Oldenburger
       [1][Verein Werkstattfilm]. Zahedi und sein Team recherchieren zu
       Fotograf*innen, archivieren ihre Arbeiten und bereiten sie teils auch für
       Veröffentlichungen auf. Mit dieser Arbeit hat sich Werkstattfilm auch weit
       über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht: Der Verein sammelt nicht
       einfach aus Leidenschaft, sondern nimmt Film und Fotografie ernst – als
       Zeugnisse einer kritischen Geschichtsschreibung. So gehören
       Migrationserzählungen oder verschwiegene Momente des Nationalsozialismus zu
       den Schwerpunkten von Werkstattfilm.
       
       Für Zahedi ist das Recherchieren und Archivieren Bildungsarbeit:
       Geschichten von Fotograf*innen in und um Oldenburg werden aufgearbeitet
       und in einen historischen Kontext gesetzt. Damit dienen sie als Grundlage
       für Gespräche über Vergangenes, aber auch über die Gegenwart.
       Privataufnahmen, die aus Kisten gekramt werden, haben nicht nur einen
       emotionalen Wert für die Besitzer*innen, sondern sie sind eben auch oft ein
       Weg, um die Vergangenheit zu betrachten und etwas über die Geschichte einer
       Stadt, einer Person, eines Landes zu lernen.
       
       Nach einem Fund wie dem der Herpers beginnt die eigentliche Arbeit:
       Fotografien werden eingescannt, beschriftet und online archiviert. Daten
       werden recherchiert, Arbeitsgruppen gehen der Frage nach, wer der jeweilige
       Mensch hinter der Kamera war – was Bilder über ihre Urheber*innen
       verraten. Wer also war der Fotograf Artur Kast, der seine Bilder auf diesem
       Dachboden zurückgelassen hat? So weit ist Werkstattfilm bereits gekommen:
       Geboren in Hiltrup bei Münster, verschlug es den damals 24-Jährigen 1938
       nach Oldenburg. Er lebte zuerst in der Brüderstraße 16, nahe dem
       Pferdemarkt und der Innenstadt. Ende der 1950er- Jahre zog er in die
       Goethestraße 2 – wo Familie Herpers Jahrzehnte später auf die Fotografien
       stießen; beide sind keine schlechten Adressen. Ab dem 3. November 1969 war
       Artur Kast dann nicht mehr in Oldenburg gemeldet: Er zog nach Bayrischzell.
       Das letzte Datum auf Werkstattfilms Liste ist der 26. Februar 1996: der
       Tag, an dem Kast im oberbayerischen Hausham verstarb.
       
       Seine Fotos vom Dachboden zeigen verschiedene Ansichten Oldenburgs: den
       Hafen im Winter. Schiffe liegen wie festgefroren am Hafenbecken, das Wasser
       ist mit Eis bedeckt, im Hintergrund steigt Dampf auf. Auf einem anderen
       posieren deutsche und britische Militärs mit einem F-86-Kampfjet auf dem
       Fliegerhorst. Die uniformierten Männer auf dem Bild lächeln, werfen
       einander Blicke zu, schauen demonstrativ den „Sabre“-Jet an. Ein Brite in
       der Bildmitte scheint den Fotografen aus dem Cockpit heraus direkt
       anzublicken. Es wirkt wie eine Pose, vielleicht für einen Pressetermin,
       eine Inszenierung jedenfalls.
       
       Für Zahedi ist klar, dass diese Fotografien nicht von einem Amateur
       aufgenommen wurden. Sie zeigen präzise Momentaufnahmen, Bildkompositionen,
       die in sich stimmig sind. Solche Informationen können die Spurensuche
       voranbringen. Und tatsächlich fügt sich die Beobachtung ein in die
       recherchierte Biografie: Demnach hat Kast zunächst als Schriftsetzer
       gearbeitet, dann als Grafiker und schließlich als Fotograf – oder
       „Bildberichter“, wie es zu Kriegszeiten gelegentlich heißt.
       
       Auf manchen Bildern ist richtige Prominenz zu sehen: Vom Rand eines
       Fußballfelds, der VfB Oldenburg spielt gegen den Hamburger SV, erwischt
       Kast Uwe Seeler beim Kopfball. Auch hier ist klar, dass das Foto kein
       reiner Glückstreffer war. Erstaunen kann die Vielfalt der Themen und
       Settings. So fängt gleich das nächste Bild einen Augenblick ein, der so
       privat wirkt, dass man schon beim Betrachten zu stören scheint: Zwei
       Menschen in Faschingskostümen sitzen einander nah gegenüber, beugen sich
       aufeinander zu, berühren sich leicht – als hätten sie die Kamera nicht
       bemerkt.
       
       Um die 4.000 Bilder hat Kast hinterlassen, die meisten stammen aus den
       1950er- und 1960er-Jahren. Anerkennung für sein Handwerk und nostalgisches,
       romantisierendes Eintauchen in vergangene Zeiten liegen beim Betrachten
       nahe beieinander: Zeiten, die so nur selten zu sehen sind – und dann noch
       so lokal mit all den Oldenburger Ortsmarken!
       
       Nur liegt eben darin auch eine Frage: Denn was war eigentlich vorher? Als
       Artur Kast 1938 nach Oldenburg kam, waren die Novemberpogrome im ganzen
       Deutschen Reich nicht lange her. Die in Brand gesteckte Synagoge in der
       Oldenburger Peterstraße lag kaum fünf Minuten Fußweg von seiner späteren
       Wohnung entfernt. Hat Kast auch hier Spuren dokumentiert? Wo sind die
       Bilder aus seinen ersten Oldenburger Jahren? Warum hat er so viele jüngere
       Aufnahmen zurückgelassen? Und was hat ihn überhaupt in den Süden gezogen,
       Ende der 1960er?
       
       Artur Kasts Biografie ist bislang bestenfalls bruchstückhaft bekannt. Die
       Arbeitsgruppe von Werkstattfilm weiß, dass er 31 Jahre lang in Oldenburg
       gemeldet war, allein lebte, wohl ledig gewesen ist. Das ist ein Anfang.
       Farschid Ali Zahedi hofft, dass sich weitere Informationen recherchieren
       lassen werden, um die Person und ihr Leben, ihre Geschichte noch greifbarer
       werden zu lassen. Und vielleicht ja auch tiefere Einblicke zu ermöglichen:
       in die zunehmend weiter entfernten Zeiten von Nationalsozialismus und
       Nachkriegsdeutschland.
       
       28 Aug 2021
       
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