# taz.de -- Digitalisierung in Schulen: Ort für Wissensvermittlung
       
       > Durchdigitalisierte Schulen sind keine Lösung im Klassenkampf.
       > Öffentliche Schulen sind Begegnungsort für Kinder unterschiedlicher
       > Milieus.
       
 (IMG) Bild: Hier treffen sich zahlreiche Kinder: Stadtteilschule in Hamburg
       
       Die Hängematte ist nass vom Regen, Urlaubsbücher ausgelesen, die Kinder
       haben sich verkrümelt – Langeweile schleicht sich ein. Doch da liegt noch
       die taz vom letzten Mittwoch mit [1][Ilija Trojanows Plädoyer für
       utopischen Realismus].
       
       Richten wir unseren Möglichkeitssinn auf die Kluft zwischen der
       Entschlossenheit, mit der die [2][Schulbehörden] zum „uneingeschränkten
       Regelbetrieb“, also zum pädagogischen Viereck aus Lehrplan, Klassenraum,
       Jahrgangsstufen, Präsenzunterricht und Benotung zurückkehren wollen, und
       dem Chor der Realisten, die über Auffangpakete, Nachholcamps, [3][Lüftung]
       und Schichtunterricht reden. Vor allem aber über eines: beschleunigte
       Digitalisierung. Niemand bestreitet den Nutzen von Tablets und
       Lernsoftware.
       
       Reaktionär wird das nur, wenn derlei Werkzeuge zur Wunderwaffe werden. Der
       Lehrermangel, so dekretieren es CDU-Modernisierer in ihrem Manifest
       [4][„Neustaat“], werde so chronisch wie Corona bleiben. Die rettende
       Konsequenz daraus sei deshalb die durchdigitalisierte Schule. Nicht als
       Notlösung, sondern als Demokratisierung von Bildungswegen, die bislang nur
       den Kindern einer „ehrgeizigen Oberschicht […] aus dem Bildungsbürgertum“,
       die „überdurchschnittlich solvent und bildungsnah“ ist, offenstehe.
       
       Also den Kindern der Grünen. Die technopopulistische, antibürgerliche
       Rhetorik – „Humboldt für alle“ – ist nicht neu. Seit sechs Jahren
       propagiert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, die
       Digitalisierung als Klassenkampf gegen das Bildungsbürgertum. Der Vorsprung
       der Kinder aus Familien mit Bücherschränken und Sprachurlaub werde durch
       Lernsoftware schrumpfen.
       
       Heuer entwickelt Dr. Dräger gar die Vision einer [5][durchdigitalisierten
       Bildungs- und Lebenskarriere], vom Kindergarten mit seinen
       lösungskompetenzfördernden Lernprogrammen über die Universität, an der
       Algorithmen orientierungslosen Studienanfängern ein Studienfach
       vorschlagen, das zu ihnen passt, bis hin zu Computerspiel-Scores, die über
       die berufliche Platzierung entscheiden.
       
       ## 2082 in Rente
       
       „Amazon und Netflix machen es uns vor“, strahlt da der Moderator, „die
       wissen schon, was wir wollen, bevor wir es wissen, das müsste doch auch in
       der Bildung möglich sein.“ Noch lässt sich die Glaubensbereitschaft für
       solche Youtube-Chinoiserien an der Zahl der Seitenaufrufe messen: es sind
       ganze 17. Aber wo wäre eine Gegenutopie?
       
       „Wenn die Schule einen Sinn haben soll“, schrieb einst [6][Neil Postman],
       der Soziologe der Kindheit und der Medien, „dann müssen die Schüler, ihre
       Eltern und ihre Lehrer einen Gott haben, dem sie dienen können.“ Gott??
       „Gott“ ist für Postman gleichbedeutend mit einer „großer Erzählung“, die
       „genug Kraft hat, die es Menschen ermöglicht, diese Erzählung in den
       Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen“.
       
       Die Schule sei mit Sicherheit auf dem Weg an ihr Ende, wenn sie keinen
       Grund fürs Lernen, fürs Zusammensein an einem Ort mehr angeben kann. Dabei
       gibt es diesen Grund. Wer in diesem Jahr eingeschult wird, der geht, nach
       jetziger Rechnung, 2082 in Rente. Er oder sie werden erleben, ob es gelingt
       oder nicht, den Kohlenstoffausstoß der Menschheit so zu senken, dass die
       Polkappen nicht weiter schmelzen als schon abzusehen ist.
       
       Er oder sie wird Migrationsschübe, [7][Hitzewellen], die
       Vollautomatisierung erleben, ein paar Pandemien und Dinge, von denen wir
       jetzt noch nichts ahnen. Wie müsste eine Schule aussehen, die hilft, diese
       Zeit zu bestehen? Mit Sicherheit reicht da nicht das Wahlpflichtfach
       [8][„Nachhaltigkeit“] mit zwei Wochenstunden.
       
       ## Neue Epoche
       
       So wie in der Doppelrevolution von Industrie und Demokratie ein Schulsystem
       neu entstand, das die Explosion des Wissens und die Expansion des
       Kapitalismus möglich machte, brauchten wir heute wieder ein neues System,
       das uns mit dem Wissen und den Werten für eine Epoche ausstattet, die auf
       kluger Kontraktion und einer Neuverteilung der Welt ruhen wird. Angesichts
       solcher Zukunftsaussichten muss die Schule vor allem zu dem Ort werden, an
       dem es um mehr als Wissen geht.
       
       Um Fragen wie: Wo wir hinwollen – und wie wir da hinkommen. Wer wir sind im
       kosmischen Ganzen. Ein Ort – so der aberwitzig vernünftige Vorschlag von
       Neil Postman – an dem Archäologie, Anthropologie, Astronomie eine Rolle
       spielen sollten. Und das hätte Humboldt sicher gefallen. Die
       Herausforderungen von Klimawandel, Automation und Emanzipation des Globalen
       Südens kann nur die Gesellschaft als Ganze bewältigen. Dafür braucht es die
       Aufrüstung der öffentlichen Schule.
       
       Nachdem die Wehrpflicht abgeschafft ist und das Internet kein Marktplatz,
       sondern ein Nebeneinander von Blasenwelten ist, die einander ignorieren
       oder unbelehrt bekämpfen, ist die öffentliche Schule der einzige Ort einer
       klassischen Öffentlichkeit, an dem sich zumindest die Kinder aus
       verschiedenen Milieus, mit verschiedenen Begabungen noch begegnen, wenn
       auch durch Wohnviertel vorsortiert.
       
       Mit der weiteren Schwächung der öffentlichen Schule, ob nun durch
       Privatschulen oder durch eine technokratische Digitalisierung, geben wir
       noch mehr von diesem „Ding namens Gesellschaft“ auf, und damit von der
       Möglichkeit zur Demokratie. Trojanow hat letzte Woche für machbare Utopien
       plädiert. Hier ist eine: Natürlich rüsten wir die Schulen digital aus. Das
       passiert sowieso. Aber vor allem verdoppeln wir innerhalb von 10 Jahren die
       Zahl gebildeter und begeisternder Lehrer an allen Schulen, und das heißt:
       
       Wir halbieren die Gruppen, geben so der Bildung und den sozialen
       Erfahrungen analogen Raum und Zeit – ebenso viel wie dem Wissenskanon. Die
       Kosten wären nicht unerheblich; mein Taschenrechner sagt: rund 50
       Milliarden im Jahr. Nun, eine 1-Prozent-Steuer auf alle Vermögen brächte 70
       Milliarden oder mehr. Es wäre eine gute Investition in ein Land, das sich
       dann mit einigem Recht eine Wissensgesellschaft nennen könnte. Aber will
       das jemand?
       
       4 Aug 2021
       
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 (DIR) [4] https://www.cducsu.de/sites/default/files/2021-06/Positionspapier_Neustaat.pdf
 (DIR) [5] https://schulforum-berlin.de/tag/digitalisierung-der-schule/
 (DIR) [6] https://scott.london/reviews/postman2.html
 (DIR) [7] /Hitzewelle/!t5037097
 (DIR) [8] /Nachhaltigkeit/!t5009818
       
       ## AUTOREN
       
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