# taz.de -- Ding Dang Dong
       
       > Die Immanuelkirche auf der Veddel hat das Glockengeläut abgestellt und
       > durch Musik ersetzt
       
 (IMG) Bild: Glockenturm ohne Glocke: auf der Veddel schallt aufge- zeichnete Musik vom Kirchturm aus- Joachim Dickow/Wikimedia Commons
       
       Von Pascal Luh
       
       „Different Times“ steht auf dem Schild an der Fassade der Immanuelkirche
       auf der Veddel – und tatsächlich haben sich die Zeiten geändert. Zur
       Schonung des instabilen Kirchengebäudes läuten Glocken hier nur noch aus
       dem Lautsprecher. Das ist schon länger so, doch schleichen sich inzwischen
       immer wieder auch ganz andere Klänge in das aufgenommene Geläut. Klangturm
       heißt das Projekt, bei dem über ein Jahr die Musikstücke von 12
       Künstler*innen anstelle von Glockentönen abgespielt werden. Gerade ist
       im Viertelstundentakt die Gitarre des Berliner Musikers Andrew Pekler zu
       hören. Zu jeder vollen Stunde spielen sie ein bisschen länger, um 18 Uhr
       gibt es ein Special.
       
       Nika Son, die in Hamburg als Musikerin arbeitet und ihr Studio gleich um
       die Ecke hat, ist dann ab Anfang August für einen Monat zu hören. „Ich bin
       sehr dankbar, dass ich Andrew Pekler jetzt schon hören konnte“, sagt sie.
       So habe sie sich bereits ein Bild von dem Projekt machen können. „Ich bin
       sehr gespannt, wie meine Klänge wirken werden.“ Die Musikerin erzählt von
       ihrem Schaffensprozess: „Man könnte natürlich provozieren, aber hier leben
       ja auch Menschen.“ Die Beschallung sei ja wirklich ein konstanter Begleiter
       im Alltag. Die Künstlerin, die sich besonders mit Sprachen und Stimmen in
       ihrer Musik auseinandersetzt, komponiert neue, kurze Stücke für das
       Projekt. Sie will die Plansprache Esperanto darin einbauen, „die
       gescheiterte Weltsprache“, wie sie sagt. Das würde besonders gut passen,
       weil auf der Veddel so viele Sprachen aufeinanderstießen. In ihren Stücken
       „spielen elektronische Sounds eine Rolle und ein verstimmtes Klavier“. Aber
       mehr wolle sie noch nicht verraten.
       
       Diakonin Uschi Hoffmann lehnt entspannt an der Mauer vor dem Café Nova, dem
       Begegnungs- und Veranstaltungsort der Gemeinde. Ihr gefallen die neuen
       Kirchentöne. „Am Anfang ist das schon überraschend gewesen, weil man mit
       der Glocke gerechnet hat.“ Inzwischen habe sie sich aber daran gewöhnt. Sie
       freue sich vor allem darüber, mit der Kirchenarbeit wieder etwas Neues
       machen zu können. In diesem Moment schallt ein surreal klingendes
       Gitarrenriff vom Turm herab und unterbricht das Gespräch. Hoffmann fährt
       routiniert fort. „Kirche muss sich an vielen Stellen verändern und andere
       Wege gehen und nicht so sehr an dem Alten festhalten, was bisher
       traditionell das Richtige war“, sagt sie. „Die Gesellschaft hat sich
       einfach verändert, es treten die Leute aus und das hat Gründe.“
       
       Die Immanuelkirche scheint wie für dieses Spiel zwischen Altem und Neuem
       gemacht zu sein. Die Kirche steht mit Efeu bewachsen noch ganz im alten
       Klinkerlook da, doch oben im Turm sind neue, in Metall eingerahmte
       Turmfenster eingelassen. Der Vorplatz, an dem das Café Nova und der Eingang
       zur Diakonie liegen, ist aufgeräumt und gemütlich: Eine Bank und ein
       Büchertauschstand stehen im Hof. „Mit Projekten wie diesem kommen wir neu
       ins Gespräch“, sagt Hoffmann.
       
       Bei Anwohnenden kommen die alternativen Glockentöne gemischt an. Ein
       Passant sagte, es höre sich an wie Geistermusik. Ein anderer wäre sich nie
       ganz sicher, ob die Geräusche von der Kirche kämen oder nicht. Doch gerade
       junge Menschen vor Ort schätzen das Projekt. „Besser als die konservativen
       Glockentöne!“, sagt eine Frau. Die Mitarbeitenden erhoffen sich von dem
       Läuten Aufmerksamkeit auch für andere Projekte der Gemeinde: das Café Nova
       zum Beispiel oder ihre Kulturveranstaltungen. „Die sind ja nicht
       existenzgesichert“, sagt eine Mitarbeiterin.
       
       29 Jul 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Luh
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA