# taz.de -- heute in hamburg: „Viele junge Israelis ziehen nach Hamburg“
Interview Lukas Door
taz: Frau Türk, wie facettenreich war und ist jüdisches Leben in
Deutschland?
Lilian Türk:Also, wir hatten natürlich schon mal sehr viel mehr Facetten
des jüdischen Lebens. Trotzdem sehe ich einige positive Entwicklungen. Vor
allem, wenn man sieht, wie sich jüdische Gemeinden ausdifferenzieren und
auch säkulare Positionen zu Wort kommen.
Wie viele jüdische Sprachen gibt es?
Neben Hebräisch und Jiddisch gibt es noch das Aramäische, das sich in der
Antike herausbildete. Zur Zeit Jesu war das die Verkehrssprache. Sowohl
hebräische Quelltexte wie auch das Aramäische hatten Einfluss auf die
Herausbildung des Jiddischen. Diese wechselseitigen Einflüsse machen die
Forschung auch so spannend. Dann gibt es noch Ladino, das Judenspanisch,
und Judäo-Arabisch, also arabische Texte in hebräischer Schrift.
Wie wichtig sind diese Sprachen heute noch für jüdische Identität in
Deutschland?
Das Jiddische spielt im jüdischen Leben keine große Rolle, das ist in
anderen Ländern wie den USA, Kanada oder Argentinien ganz anders. Hier
liegt das Interesse eher bei der nicht-jüdischen Seite, vor allem der
Wissenschaft, aber auch bei Kulturschaffenden. Gerade Hamburg hat
dahingehend sehr viel zu bieten: beispielsweise Gruppierungen, die
jiddische Musik oder Gedichte vertonen. Das Hebräische spielt hingegen nach
wie vor eine Rolle, auch das Neuhebräische. Das liegt an den vielen jungen
israelischen Leuten, die nach Berlin und Hamburg ziehen und dort leben
wollen.
Ist es ein Trend, dass junge jüdische Menschen an Orte wie Hamburg und
Berlin zurückkehren?
Es ist auf jeden Fall Trend, dass man aus Israel nach Deutschland
zurückkehrt. Jedoch ist das ein schwieriger Trend, vor allem die Ausreise
junger Leute. Dadurch wird die Diversität in Israel leider geschwächt.
Trotzdem ist es natürlich ihr gutes Recht, Israel zu verlassen. Ich habe
auch bei meinen eigenen Reisen nach Israel erlebt, dass dort ein positives
Verhältnis zu Deutschland vorherrscht. Das hat mich überrascht, muss ich
sagen.
Warum wird diese Vorlesungsreihe veranstaltet?
Ich bin nicht die Organisatorin, das ist unter anderem die Akademie der
Weltreligionen. Wir feiern dieses Jahr 1.700 Jahre jüdischen Lebens in
Deutschland. Als Institut für Jüdische Philosophie und Religion sind wir da
natürlich mit dabei. Wir wollen diesen Jahrestag besonders publik machen
und versuchen, verschiedene Facetten des jüdischen Lebens zu thematisieren.
Jüdisches Leben ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Geschichte,
trotzdem wissen die meisten Menschen zu wenig darüber.
Wie kann man* das ändern?
Vor allem in Schulen sollte es mehr Angebote geben, die jüdische Kultur
kennenzulernen – nicht nur jüdische Riten, sondern eben auch säkulares
jüdisches Leben, das Leben in Israel sowie die Auseinandersetzungen, die
teils auch innerjüdisch geführt werden –gerade in Bezug auf jüdische
Identität in Abgrenzung zur deutschen Identität. Sich mit der Geschichte
und Kultur von Minderheiten zu befassen, gehört zum demokratischen
Gemeinwesen.
8 Jul 2021
## AUTOREN
(DIR) Lukas Door
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