# taz.de -- sonntag in bremen: „Der Anschlag nach dem Anschlag“
Interview Jasmin Koepper
taz: Herr Reid, warum ist es wichtig an die Opfer des NSU zu erinnern?
Ruben Reid: Es geht um die Probleme der gesamten deutschen Gesellschaft,
die diese Taten möglich macht. Betroffene von rechter und rassistischer
Gewalt werden heute nicht anders behandelt als vor 20 Jahren. Die
Forderungen der Hinterbliebenen nach Aufklärung und angemessenem Gedenken
werden nicht erfüllt. Es findet eine Entmenschlichung der Opfer statt.
Wer ist Süleyman Taşköprü?
Er ist 1970 in der Türkei geboren und mit 11 Jahren nach Deutschland
gekommen. In Hamburg-Altona ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. In
der Schützenstraße hat er einen Gemüseladen mitbetrieben und war ein Teil
der Altonaer Community.
Was passiert bei der Kundgebung?
Am Anfang erklären wir, was der NSU-Komplex ist und warum es uns als
Bündnis gibt. Je länger das her ist, desto mehr geht auch das Wissen
zurück, gerade bei jungen weißen Menschen. Dann erinnern wir an den
Ermordeten und erzählen, wie die Familie nach dem Mord behandelt wurde.
Wie wurde die Familie behandelt?
Der Vater hat gesagt, dass er unmittelbar nach dem Mord zwei weiße Männer
gesehen hat. Aber die Polizei hat ihm nicht geglaubt und stattdessen gegen
das Umfeld der Familie ermittelt. Viele Angehörige nennen das auch den
Anschlag nach dem Anschlag, wenn der Rassismus die Betroffenen ein zweites
Mal trifft.
Was fordert Ihr Bündnis?
Die Forderungen der Angehörigen nach Aufklärung und Gedenken müssen erfüllt
werden. Das Problem ist das Desinteresse der weißen Gesellschaft. Und wir
fordern die Abschaffung des Verfassungsschutzes, der den rechten Terror
geleugnet hat und bis heute verharmlost. Im Umfeld des NSU waren über 40
V-Leute aktiv, die teilweise vor Strafverfolgung geschützt wurden.
Wer steht hinter dem Bündnis?
Wir kommen aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen oder sind als
engagierte Einzelpersonen aktiv.
26 Jun 2021
## AUTOREN
(DIR) Jasmin Koepper
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