# taz.de -- Dramatische Infektionszahlen in Indien: Gesundheitssystem überlastet
       
       > Die zweite Coronawelle trifft Indien mit voller Wucht. Ärzt:innen
       > schlagen Alarm. Deutschland und die Europäische Union versprechen Hilfe.
       
 (IMG) Bild: New Delhi am Wochenende: Klinikbetten und Sauerstoff reichen nicht mehr aus
       
       Mumbai taz | Während sich die Hilferufe in sozialen Medien nach
       medizinischem Sauerstoff, Medikamenten und Intensivbetten in Indien
       überschlagen, raucht im Krematorium Bandra Ost der Schornstein. Heller
       Nebel steigt in die Luft. Die Anlage befindet sich etwas abseits in der
       Nähe einer der großen Stadtautobahnen der Millionenstadt Mumbai. Am Tag
       kommen hier im Schnitt etwa 18 bis 20 Leichname an, für die Verbrennung auf
       dem Scheiterhaufen. Für gläubige Hindus ist das ein wichtiges Ritual, damit
       ihre Liebsten später Erlösung finden.
       
       Für den Beamten Bhaskar Gurav sind es erneut angespannte Zeiten. Er sitzt
       hinter einem offenen Fenster mit Gitter. Die Toten, die täglich ankommen,
       werden wieder mehr, bestätigt er. Landesweit meldeten die Behörden am
       Sonntag einen neuen Rekordwert von mehr als 2.700 Toten binnen 24 Stunden.
       Auch die Zahl der Neuinfektionen erreichte mit knapp 350.000 Fällen einen
       neuen Höchstwert im Land und weltweit. 
       
       Die Situation im vergangenen Jahr war schlimmer, sagt Gurav, aber dieser
       Monat sei kein guter. Angehörigen falle es sehr schwer, die Coronaregeln
       einzuhalten – nur im kleinsten Kreis mit Schutzanzügen dürfen sie Abschied
       nehmen. Das stelle auch Bestatter vor Herausforderungen. Zwar ist die Lage
       in Mumbai weitestgehend unter Kontrolle, doch [1][in vielen anderen
       Regionen ist sie kritisch.]
       
       Szenen von überlasteten Krankenhäusern, Krematorien und Friedhöfen fluten
       die Medien und haben die Weltgemeinschaft aufschrecken lassen. Angela
       Merkel sprach am Sonntag den Menschen in Indien ihr „Mitgefühl für das
       schreckliche Leid“ aus. Der Kampf gegen die Pandemie sei ein gemeinsamer.
       „Wir bereiten so schnell wie möglich eine Unterstützungsmission vor“, hieß
       es. Auch die EU wolle helfen. 
       
       Bisher wurden über 17 Millionen Covid-19-Infektionen und 192.000 Todesfälle
       im Zusammenhang mit dem Virus in Indien registriert. Allerdings
       hinterfragen Experten im In- und Ausland die offiziellen Zahlen. Medien
       zeigten unlängst, dass in Städten wie Ghaziabad oder im Bundesstaat Gujarat
       die Zahlen der Feuerbestattungen von Verstorbenen nicht mit den offiziellen
       Todesfällen übereinstimmen. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist unklar. 
       
       ## Warnung vor Mutanten
       
       Bekannt ist aber, dass bereits seit Wochen die Intensivstationen in
       indischen Metropolen chronisch überlastet sind. Besonders im Bundesstaat
       Maharashtra breitet sich die Virusvariante B.1.617 aus. Sie weist zwei
       Veränderungen am sogenannten Spike-Protein auf, die sie wohl sehr viel
       ansteckender macht, warnt auch die WHO. Nachgewiesen wurde sie vereinzelt
       auch in den USA, Großbritannien und Deutschland. Aber auch die Mutation aus
       Großbritannien B.1.1.7 hat sich in Indien verbreitet.
       
       Deutschland hat derweil angekündigt, Indien ab Sonntag als Hochinzidenz-
       und Virusvariantengebiet zu führen – was Ein- und Ausreisen vom
       Subkontinent deutlich erschwert. Das Auswärtige Amt rät Deutschen zur
       Ausreise. Weitere Länder wie die USA, Staaten im Nahen Osten oder
       Großbritannien haben ebenfalls den Flugverkehr eingeschränkt.
       
       Die westindische Politikerin Priyanka Chaturvedi (Shiv Sena) beklagt, dass
       in fünf Bundesstaaten Wahlveranstaltungen abgehalten wurden. Auch das
       [2][religiöse Zusammentreffen Kumbh Mela] wurde zunächst noch von der
       indischen Regierung unter der Führung der BJP mit Zeitungsanzeigen als
       „sicher“ beworben, bis Premier Narendra Modi (BJP) darum gebeten hat, sie
       nur noch „symbolisch“ zu begehen und nicht in Massen im Ganges zu baden.
       
       ## Nur die Spitze des Eisbergs
       
       Indien hat unterdessen viele offene Wunden zu verarzten. „Die
       Sauerstoffkrise ist die Spitze des Eisbergs. Was darunter liegt, ist ein
       unzureichend vorbereitetes, bröckelndes Gesundheitssystem“, sagt der
       indische Medizinethiker Anant Bhan. Seit gut einer Woche ist der Mangel an
       Sauerstoff eine weitere Herausforderung, um Menschenleben zu retten.
       Zahlreiche Krankenhäuser schlagen Alarm, da es am lebensnotwendigen Gut
       vielerorts mangelt. Es häufen sich Berichte, wonach Patient:innen
       sterben, weil die Versorgung unterbrochen wurde oder zu niedrig war. In
       Regionen wie der Hauptstadt werden Angehörige deshalb angehalten, ihren
       eigenen Sauerstoff zu beschaffen. Verschiedene Organisationen wie die
       [3][Hemkunt-Stiftung in Delhi] oder FreeOxygenSeva in Mumbai, aber auch
       private Unternehmen helfen bei der Sauerstoffversorgung aus.
       
       [4][Unterdessen sollen 23 mobile Anlagen] zur Sauerstoffproduktion [5][aus
       Deutschland nach Indien] geflogen werden. Das Robert Koch-Institut erwägt
       eine Zusammenarbeit in Indien, um die Sequenzierung von Coronaviren zu
       intensivieren. Die genetische Untersuchung von positiven Proben soll eine
       bessere Erforschung von Mutationen ermöglichen.
       
       Jüngst eingeführte regionale Lockdowns und Wochenendbeschränkungen ließen
       die Zahl der Neuinfektionen bisher landesweit noch nicht sinken – in Mumbai
       hingegen geht sie zurück. Nun wächst die Angst vor den Folgen. Die indische
       Regierung hat deshalb Lebensmittelrationen für bis zu 800 Millionen
       Bedürftige angekündigt.
       
       [6][Doch die Regierung steht zunehmend in der Kritik, nicht rechtzeitig
       gehandelt zu haben]. Sie forderte sogar Twitter auf, regierungskritische
       Kurznachrichten zu löschen. Seit ihrem Machtantritt 2014 hat die
       hindunationalistische Regierungspartei BJP so gut viel alle
       Herausforderungen gemeistert. Doch diesmal ist auch die indische Elite
       direkt von der Misere betroffen. Das Leiden in der Bevölkerung könnte ihren
       Erfolgskurs brechen.
       
       Die Regierung vermutet den Höhepunkt der zweiten Welle im Mai. Manche
       Experten befürchten, dass bis dahin die Infektionen auf bis zu 800.000 und
       mehr am Tag steigen könnten. Der US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding vermutet,
       dass Indien bis August eine Million Tote verzeichnen könnte.
       
       25 Apr 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Zugespitzte-Coronalage-in-Indien/!5768539
 (DIR) [2] /Verschmutzung-des-Ganges-in-Indien/!5752472
 (DIR) [3] https://twitter.com/hemkunt_fdn/status/1386321892861046792?s=21
 (DIR) [4] /Covid-Infektionen-in-Indien/!5762007
 (DIR) [5] https://twitter.com/germanyinindia/status/1385495392637263875?s=21
 (DIR) [6] /Pandemie-eskaliert-in-Indien/!5762473
       
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 (DIR) Natalie Mayroth
       
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