# taz.de -- Antirassistische Linke und China: Bunter Westzentrismus
       
       > China und wir: Es mangelt der antirassistischen Linken an Fantasie und
       > Wissen, um die Veränderung der Weltordnung zu begreifen.
       
 (IMG) Bild: Die USA haben sich schon längst umorientiert: Biden als Obamas Vize und Präsident Xi 2013
       
       Gerade verändert sich vor unseren Augen die Weltordnung. [1][Das asiatische
       Jahrhundert] ist kein abstrakter Begriff mehr. Es springt uns aus den
       täglichen Nachrichten entgegen, als Machtkampf zwischen den USA und China.
       
       Manchmal fallen Erkenntnisse so plötzlich aus, als sei ein Schleier zur
       Seite gerissen worden. Zur schlechten Sicht hatte Donald Trump beigetragen.
       Seine antichinesischen Tiraden wirkten zu plump, um ernst zu sein. Eine
       Täuschung. Tatsächlich hatte bereits [2][Obama die Orientierung auf den
       Hauptfeind China begonnen], und Joe Biden zeichnet sie nun scharf in die
       dünner werdende Luft.
       
       Kein Zufall, wenn sich gleichzeitig in deutschen Medien unumwunden
       antichinesische Töne mehren – und damit meine ich natürlich nicht
       begründete Urteile zu Menschenrechten oder Klimapolitik, sondern
       Kalte-Kriegs-Sätze wie „Peking will einen Keil zwischen EU und Amerika
       treiben“ oder die anschwellende Rede von der europäisch-chinesischen
       Systemkonkurrenz.
       
       Ist China also nun „der Andere“ im Welttheater, gegen den wir Eingesessenen
       zusammenstehen? Oder wo findet sich von linker, fortschrittlicher Seite
       eine kluge Widerrede?
       
       ## Geistige Unterversorgung
       
       Die Leerstelle China ist zunächst ein Symptom für eine allgemeinere
       geistige Unterversorgung. Eine Abstinenz in außenpolitischen,
       internationalen Fragen kennzeichnet weite Teile jener Milieus, die sonst am
       engagiertesten für gesellschaftliche Veränderungen eintreten.
       
       Um nicht ungerecht zu sein: Es finden sich gewiss kundige Stimmen zu allem
       Möglichen hier und da. Aber ob zu Syrien oder zum Sahel – es mangelt an
       linken Perspektiven, die der Komplexität internationalen Geschehens gerecht
       werden. Auch Joe Bidens Amtsantritt wurde weithin nur an Fragen
       inneramerikanischer Demokratie erörtert.
       
       Vor allem aber fehlt es offenkundig an der kollektiven Fantasie, am
       Vermögen, sich eine andere Ordnung der Welt vorzustellen. Im Kleinen spüre
       ich das, wenn es mir bei Diskussionen über mein Buch „Der lange Abschied
       von der weißen Dominanz“ wieder einmal misslingt, das Gespräch auf den
       globalen Statusverlust von Euro-Amerika zu lenken.
       
       ## Der Niedergang weißer, westlicher Macht
       
       Stets ist das Bedürfnis größer, über die einheimische Machtverteilung zu
       sprechen. Beim Aufdecken weißer Privilegien wird oft übersehen, dass weiße,
       westliche Macht global im Niedergang begriffen ist (und sich gerade daraus
       militante White Supremacy speist).
       
       In der berühmten Tischmetapher geht es darum, dass alle am Tisch der
       Einwanderungsgesellschaft eine Stimme haben. Aber in welchem Umfeld steht
       dieser Tisch? Und wie wichtig ist das, was dort in größerer Diversität
       gesprochen wird, für alle anderen Tische?
       
       Die antirassistischen Impulse, die in Deutschland so verspätet angekommen
       sind, haben vieles aus den USA übernommen. Und das hat einen Preis. Unter
       der Hand ist eine neue Westborniertheit entstanden, dessen sich die
       Beteiligten selbst kaum bewusst sind: etwa wenn ein Buch mit dem Titel
       „Schwarzer Feminismus“ nur afroamerikanische Stimmen enthält und keine
       einzige aus dem Globalen Süden.
       
       ## Der Westzentrismus der Antirassisten
       
       Die Zentren der Weltbeherrschung bewegen sich weg von Europa und den USA –
       und ein Antirassismus, der darauf keinen Bezug nimmt, läuft Gefahr, bloß
       ein bunter Eurozentrismus oder Westzentrismus zu sein. Und damit geht noch
       etwas anderes einher – nämlich zu überschätzen, für wie wichtig die
       restliche Weltbevölkerung den antirassistischen Kampf in Europa oder den
       USA findet. Nachdem die hochfahrende Annahme, was bei uns geschehe, sei von
       universeller Bedeutung, eben erst des Saales verwiesen wurde, tritt sie mit
       einem antirassistischen Hütchen durch die Hintertür wieder herein.
       
       So groß das Interesse am Kolonialismus heute ist: Anders als vor einigen
       Jahrzehnten schlägt die Frage, warum die Welteroberung eigentlich von
       Europa ausging, keine intellektuellen Funken mehr – als würde der Beginn
       des asiatischen Zeitalters sie nicht dramatisch aktualisieren!
       
       Schließlich war [3][China Europa zu Beginn des 15. Jahrhunderts in vieler
       Hinsicht überlegen,] auch in der Hochsee-Schifffahrt, und unternahm
       spektakuläre Expeditionen. Der Verzicht auf überseeische Eroberungen
       überließ den europäischen Mächten dann den Raum für Expansion,
       Unterwerfung, Missionierung.
       
       ## Was ist Zentrum, was Peripherie?
       
       Was heute geschieht, lässt sich als Korrektur einer großen Verzerrung
       deuten. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten Indien und China zwei
       Drittel der Weltwirtschaft aus. Asien ist nun dabei, seine einstige
       Vorherrschaft zurückzugewinnen. Die Welt erlebt gewissermaßen eine Rückkehr
       zu jener Balance, die vor dem Aufstieg des Westens herrschte. Mit
       atemberaubender Geschwindigkeit wird künftig neu bestimmt, was die Begriffe
       Zentrum und Peripherie bedeuten. Sind wir auf der Höhe der Zeit, um das zu
       begreifen?
       
       Für manche Abonnenten des Manufactum-Katalogs mag China immer noch das Land
       der Billigkopien sein. Doch die aggressive US-Politik wendet sich längst
       gegen einen Hochtechnologie-Rivalen. Die chinesische Marine ist bereits
       größer als jene der USA. China strebt nach Einfluss im Nahen Osten, im
       israelisch-palästinensischen Konflikt, in Afghanistan, als Partner Irans.
       Und es gehen bereits mehr englischsprechende Studenten Afrikas nach China
       als nach Großbritannien und in die USA.
       
       Es ist Zeit, sich Kenntnisse zuzulegen. Denn auch für jene, die sich bei
       uns als Opponenten weißer Dominanz verstehen, mag eine Feststellung des
       marxistischen Chinabeobachters Martin Jacques gelten: „Der Westen hält sich
       für kosmopolitisch, aber er war 200 Jahre lang so dominant, dass er andere
       Kulturen gar nicht zu verstehen brauchte, denn er konnte sich letztendlich
       immer mit Gewalt durchsetzen.“ Darum wisse China heute über den Westen so
       viel mehr als der Westen über China.
       
       22 Apr 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.swp-berlin.org/publikation/das-jahrhundert-asiens/
 (DIR) [2] /Kommentar-Obamas-Asien-Politik/!5304722
 (DIR) [3] https://www.herder.de/geschichte-politik/neuzeit/asien-bis-1900/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Charlotte Wiedemann
       
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