# taz.de -- Krise in Armenien: Angst vor einem Militärputsch
       
       > Erstmals fodern auch führende Vertreter der Armee den Rücktritt von
       > Premier Paschinjan. Der kündigt ein härteres Vorgehen gegen die
       > Opposition an.
       
 (IMG) Bild: Nikol Pashinyan spricht zu seinen Anhängern während einer Versammlung am 25.Februar 2021
       
       Berlin taz | In der Südkaukasusrepublik Armenien wächst der Druck auf die
       Machthaber. Am Freitag bauten Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude im
       Zentrum der Hauptstadt Jerewan Zelte auf und forderten erneut den Rücktritt
       der Regierung. Sollte die Regierung dem nicht nachkommen, schloss der
       Oppositionspolitiker Wazgen Manukjan, der bis zu Neuwahlen eine
       Übergangsregierung führen will, auch die Anwendung von Gewalt nicht mehr
       aus. „Wir müssen jederzeit bereit sein, die Macht durch eine blitzschnelle
       Rebellion zu übernehmen,“ sagte er.
       
       Demgegenüber warf Ministerpräsident Nikol Paschinjan den Streitkräften
       einen Putschversuch vor, nachdem am Donnerstag auch über 40 Generäle und
       andere Führungskräfte des Generalstabs den Premier in einer gemeinsamen
       Erklärung öffentlich dazu aufgefordert hatten, seinen Posten zu räumen.
       
       „Die Armee darf sich nicht an politischen Prozessen beteiligen und muss dem
       Volk und seinen gewählten Vertretern gehorchen“, sagte Paschinjan am
       Donnerstag bei einem Auftritt auf dem Platz der Republik und gab die
       Entlassung des Generalstabschefs und eines seiner Stellvertreter bekannt.
       Und er fügte hinzu: „Ich habe euch die Schulterklappen eines Generals
       gegeben, aber das habt ihr mir nicht gedankt.“
       
       Begleitet von einem starken Polizeiaufgebot hatten sich am Donnerstag
       Nachmittag Tausende, überwiegend Männer, versammelt, um Paschinjan zu
       hören. Sie skandierten „Nikol, Premierminister“- eine Replik auf die Rufe
       „Nikol, Verräter“, die mittlerweile zu einem Markenzeichen der Opposition
       geworden sind.
       
       ## Härtere Gangart
       
       2018 waren auf dem Republik-Platz Zehntausende zusammen gekommen und hatten
       Paschinjan im Zuge der „Samtene Revolution“ zur Macht verholfen. Seit dem
       jüngsten Krieges gegen Aserbaidschan um die Region Bergkarabach, der für
       Jerewan im November 2020 mit [1][dem Verlust der Kontrolle über sieben
       Gebiete und einen Teil von Bergkarabach] endete, ist Paschinjan zum
       „Verräter“ mutiert.
       
       Die samtenen Zeiten seien vorbei, sagte der Regierungschef am Donnerstag
       und deutete damit an, dass er ab jetzt eine härtere Gangart gegenüber
       seinen Gegnern einschlagen wolle. Einen Rücktritt, wie von der Opposition
       bereits seit Wochen gefordert, oder Neuwahlen lehnt Paschinjan bislang ab.
       
       Dass das Militär ausgerechnet jetzt öffentlich Kritik an der Regierung
       äußert, ist kein Zufall. „Das größte Versage dieser Regierung ist die
       militärische Niederlage, deren Hauptgrund die „napoleonischen“ Neigungen
       des Premierministers sind“, schreibt Aram Abrahamjan, Chefredakteur der
       unabhängigen armenischen Tageszeitung Aravot. Trotz der Warnungen von
       Militärexperten habe Paschinjan falsche Entscheidungen getroffen, die jetzt
       ins Chaos führten.
       
       Die Armeeoffiziere sind empört über die Behauptung der Regierung, dass der
       Grund für die Niederlage ein Verrat des Militärs gewesen sei. Auch
       Paschinjan selbst hat diesen Vorwurf mehrmals erhoben. Inwieweit das den
       Tatsachen entspricht, ist unklar. Jedoch gebe Paschinjan den Offizieren die
       Schuld an der Niederlage, um sich selbst zu rechtfertigen, schreibt
       Abrahamjan.
       
       ## Russland verspottet
       
       Auch andere hohe Militärs haben sich den Unmut Paschinjans zugezogen. So
       hatte Paschinjan den Vize-Stabschef der Streitkräfte, Tigran Khatschatrjan,
       dieser Tage entlassen. Dieser hatte sich über Äußerungen Paschinjans lustig
       gemacht, die im jüngsten Konflikt um Bergkarabach von Russland gelieferten
       Iskander-Raketen hätten versagt.
       
       Weil sich Teile des Militärs auf ihre Seite geschlagen haben, glaubt die
       Opposition jetzt, auch bei der Bevölkerung punkten zu können.Zu einer
       weiteren Verschärfung der Krise könnte es bereits am kommenden Montag
       kommen. [2][Am 1. März 2008] und damit wenige Wochen nach der gefälschten
       Präsidentenwahl war es in Jerewan zu Straßenschlachten gekommen, bei den
       zehn Menschen getötet wurden. Paschinjan führte damals die Demonstration
       gegen die Regierung an und scheiterte. Die damalige Regierung ist heute in
       der Opposition und könnte auf Rache sinnen.
       
       26 Feb 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Von-Armenien-nach-Bergkarabach/!5742895
 (DIR) [2] /Armenischer-Dissident-Paschinjan/!5497337
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tigran Petrosyan
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Armenien
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
 (DIR) Nikol Paschinjan
 (DIR) Armenien
 (DIR) Armenien
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
 (DIR) Armenien
 (DIR) Schwerpunkt Bergkarabach
 (DIR) Armenien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Medienfreiheit in Armenien: Paschinjans Feldzug
       
       Armeniens Premier hat einst selbst für eine Zeitung gearbeitet. Nun bringt
       er ein Gesetz auf den Weg, das Journalist*innen hart bestrafen kann.
       
 (DIR) Historiker über Krise in Armenien: „Machterhalt als Selbstzweck“
       
       Neuwahlen könnten dem Land zumindest eine Atempause verschaffen, meint
       Georgy Derlugian. Einen Militärputsch hält er für wenig wahrscheinlich.
       
 (DIR) Armenien nach dem Krieg: Frauen müssen an die Macht
       
       Nach dem Krieg erlebt Armenien ein politisches Erdbeben. Männer dominieren
       die Öffentlichkeit. Das Land braucht eine Frauenbewegung.
       
 (DIR) Nach Krieg um Bergkarabach: Der Feind in meiner Mine
       
       Der Krieg um Bergkarabach endete mit einem Waffenstillstand. Die Goldmine
       Sotk liegt nun gleichzeitig in Armenien und Aserbaidschan.
       
 (DIR) Von Armenien nach Bergkarabach: Acht Kontrollen bis Stepanakert
       
       Immer wieder werden Reisende auf der einzigen Straße von Armenien nach
       Bergkarabach angegriffen. Unser Autor ist den Weg nachgefahren.
       
 (DIR) Nach Waffenstillstand in Bergkarabach: Nur die Asche ihrer Häuser bleibt
       
       Armenien muss ein erstes Gebiet an Aserbaidschan abtreten. Menschen fliehen
       in Autokolonnen aus der Region Kalbadschar ins nahe Armenien.
       
 (DIR) Armenischer Dissident Paschinjan: Revolutionär mit Erfahrung
       
       Seit Tagen gehen Menschen in Armenien gegen Premier Sargsjan auf die
       Straße. Derweil sitzt Oppositionspolitiker Paschinjan im Knast – erneut.