# taz.de -- Impfskandal in Argentinien: Anruf beim Amigo genügt
       
       > In Argentinien erschleicht sich sogar der Chef einer
       > Menschenrechtsorganisation einen früheren Impftermin. Der
       > Gesundheitsminister musste gehen.
       
 (IMG) Bild: Durch den Impfskandal den Job verloren: Argentiniens Ex-Gesundheitsminister Gines Gonzalez Garcia
       
       Buenos Aires taz | Als der Vorsitzende der angesehenen
       Menschenrechtsorganisation CELS, Horacio Verbitsky, im Radio über seine
       Impfung gegen Covid-19 vor einiger Zeit plauderte, löste er Ende
       vergangener Woche in Argentinien Erschütterungen aus.
       
       „Ich rief meinen alten Freund Gines González García an, den ich schon lange
       vor seiner Amtszeit als Gesundheitsminister kannte, und er sagte mir, ich
       müsse ins Posadas-Krankenhaus. Als ich gerade gehen wollte, erhielt ich
       eine Nachricht von seinem Sekretariat, ich soll zum Ministerium kommen, um
       mir dort den Impfstoff geben zu lassen“, so der erfahrene Journalist, der
       mit einem Alter von 79 Jahren zu diesem Zeitpunkt keiner Personengruppe
       angehörte, die auf der Prioritätenliste der Regierung Vorrang hatte.
       
       Die Mitarbeitenden des CELS zeigten sich geschockt. „Wir haben erfahren,
       dass der Vorsitzende unserer Organisation abseits des vorgeschriebenen Wegs
       und über besondere Beziehungen geimpft wurde, während wir wie alle
       versuchten, einen Impftermin für die Älteren in unseren Familien zu
       bekommen“, twitterten sie über den [1][offiziellen Account der
       Menschenrechtsorganisation]. Das Verhalten ihres Vorsitzenden repräsentiere
       weder ihre Arbeit noch ihre Einstellungen, fügten sie hinzu.
       
       Verbitsky hat inzwischen Reue gezeigt. „Es war ein schwerwiegender Fehler,
       den ich bedauere und für den ich mich entschuldige“, bekannte er. Warum der
       mit allen journalistischen Wassern Gewaschene überhaupt an die
       Öffentlichkeit ging, erklärte er nicht. Vieles deutet darauf hin, dass er
       lediglich einer Bekanntmachung seiner Gefälligkeitsimpfung durch die Medien
       der regierungskritischen Clarín-Gruppe zuvorkommen wollte. Denn mindestens
       einen Tag vor seinem Interview war bekannt geworden, dass Clarín von den
       VIP-Impfungen im Gesundheitsministerium wusste und damit groß aufmachen
       wollte.
       
       ## Neue Gesundheitsministerin ist Infektiologin
       
       Inzwischen werden immer mehr Details bekannt. So sollen 3.000 Impfdosen
       ausschließlich für das Ministerium reserviert gewesen sein. Diese wurden
       keinesfalls für mögliche Notfälle reserviert. Die bisher bekannte Liste der
       VIP-Geimpften beinhaltet ausschließlich Namen von Personen, die zum
       Zeitpunkt der Impfung keinerlei Priorität besaßen.
       
       Der Frust beim medizinischen Personal ist groß. „Seit Monaten stehen wir
       täglich dem Virus gegenüber und noch immer haben viele von uns keinen
       Impftermin“, grollte eine Krankenhausangestellte im Fernsehen ins Mikrofon.
       
       Präsident Alberto Fernández bemühte sich um Schadensbegrenzung. Kaum waren
       am Freitag die ersten Details öffentlich bekannt geworden, verlangte er den
       Rücktritt des Gesundheitsministers Gines González García. Am Samstag nahm
       er Carla Vizzotti den Eid als neue Gesundheitsministerin ab.
       
       Die 48-jährige Infektiologin ist den Argentinier*innen bestens
       bekannt. Seit knapp einem Jahr informiert sie bei den morgendlichen
       Pressekonferenzen des Gesundheitsministeriums die Öffentlichkeit über die
       aktuelle Coronalage. Vizzotti war es auch, die im vergangenen Jahr nach
       Moskau geflogen war, um mit den russischen Behörden die Lieferungen des
       Impfstoffs Sputnik V auszuhandeln.
       
       Bei der [2][Verwendung von Sputnik V] ist Argentinien Vorreiter in der
       Region – seit Ende Dezember wird mit dem [3][russischen Vakzin] geimpft.
       Bisher wurden rund 1,3 Millionen Dosen eingeflogen. Dennoch haben erst
       240.000 der 45 Millionen Argentinier*innen beide Dosen verabreicht
       bekommen. Vorrangig geimpft wurden das Gesundheitspersonal sowie über
       80-Jährige. Seit Anfang der Woche erhalten auch die über 70-Jährigen einen
       Impftermin. Diesen hätte sich der CELS-Vorsitzende Horacio Verbitsky jetzt
       ordnungsgemäß geben lassen können.
       
       23 Feb 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://twitter.com/CELS_Argentina/status/1362873198551969808
 (DIR) [2] /Impfstoffe-gegen-Covid-19/!5747721
 (DIR) [3] /Russischer-Corona-Impfstoff/!5703180
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jürgen Vogt
       
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