# taz.de -- Die Wahrheit: Nackt ums Feuer
       
       > Neues aus Neuseeland: Während Deutschland bibbert, feiern die Menschen in
       > Hunterville das Kiwiburn-Festival.
       
       Ist es gemein zu erzählen, wo ich zuletzt gefeiert habe? [1][Deutschland
       hatte gerade Schneechaos], Aotearoa hat Sommer und kein [2][Covid]. Oder
       nur ein bisschen – diese Woche [3][war spontaner Lockdown in Auckland]
       wegen einer infizierten Familie. Davor jedoch konnten sich 2.500 Hedonisten
       ganz legal auf einer Weide bei Hunterville treffen, um wie jedes Jahr
       Kiwiburn zu feiern – Neuseelands Burning Man Festival. Das einzige der Welt
       zur Zeit.
       
       Der „Paddock“ am Fluss war unser Pendant zur „Playa“ in Nevada, wo das
       Original stattfindet. Der Mega-Event in der Wüste ist aber mittlerweile so
       riesig und kommerzialisiert, dass die US-Burner der ersten Generation vom
       Graswurzel-Feeling unseres kleinen Kiwi-Events schwärmen, der sie an die
       Entstehung von „Black Rock City“ erinnert, ihr Counterculture-Mekka.
       
       Nie war der halbironische Ehrentitel „Godzone“ für das Land der Schafe mehr
       angebracht als in Covid-Zeiten bei Kiwiburn. Wenn Gott wollte, dass
       Menschen frei und fröhlich sind, würde er oder sie alle dorthin schicken,
       wo man sich mit Kunst, Kostümen, Spielereien, Strippereien und Psychedelika
       ausleben kann – ohne Umweltspuren zu hinterlassen. Ein garantierter
       Glücklichmacher.
       
       Geschenke jeder Art lassen den Burn erblühen. Wochenlang bauen Teams
       umsonst die überdimensionale Figur, die am Ende angezündet wird. Jeder
       bringt was mit, sich ein oder bietet was an – von Frühstück bis
       Po-Versohlen. Jeder Krümel wird am Ende aufgepickt. Glitter und Federboas,
       obwohl ein queeres Accessoire, sind „moop“ (matter out of place, also
       deplatzierte Materie) und damit tabu.
       
       ## Im Uhrzeigersinn rennen ist schamanisch korrekt
       
       So viel Exzess und „radical self-expression“ – eines der zehn
       Burner-Prinzipien – kann wohl nur mit einem Sicherheitsnetz funktionieren.
       Daher gibt es auf der Kuhweide, angelehnt an die freiwilligen „Black Rock
       Rangers“ in Nevada, die „Black Sheep Rangers“. Die begrüßen sich bei ihren
       Rundgängen mit „määhh“. Es gibt ein Entspannungszelt, wo man nach
       schlechten Partypillen aufgefangen wird. Aber irgendwas geht dennoch immer
       schief.
       
       Mit über tausend anderen saßen wir vor der Feuerinstallation: ein
       Holzdrache, aus dessen Maul Funken sprühten. Als er fast abgebrannt war und
       die Feuerwehr-Crew uns durchließ, rissen sich alle die Kleider vom Leib und
       rannten als johlende Herde um die Flammen. Ein jährliches Ritual. „Touch
       for those who can’t!“, raunte jemand mit ausgestreckten Händen und berührte
       nackte Schultern. Dann kam es zur Panne.
       
       Ein paar Wilde rannten in die Gegenrichtung. Die Herde kam dadurch zum
       Stehen. Außen herum zu laufen war zu kalt, und innen nahe der Glut wurde es
       zu heiß. Noch Tage nach dem Kiwiburn wurde das Chaos, das in all der
       Spontaneität nicht vorgesehen war, heiß diskutiert. Lösungsvorschlag: nur
       noch im Uhrzeigersinn rennen. Das sei auch spiritueller, da schamanisch
       korrekt. Freiwillige Verkehrspolizisten könnten das in Zukunft regeln. Ich
       komme trotzdem wieder.
       
       18 Feb 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schnee-in-Deutschland/!5748479
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746
 (DIR) [3] /Aktuelle-Nachrichten-in-der-Coronakrise/!5751967
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anke Richter
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Neuseeland
 (DIR) Open-Air-Festival
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Neuseeland
 (DIR) Katzen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Bedrohte Wiggles
       
       Neues aus Neuseeland: Was für die Deutschen der Ohrenterrorist Rolf
       Zuckowski ist, sind die „Wackler“ down under.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Queen vom Thron
       
       Neues aus Neuseeland: Auch down under hatte das Meghan-Beben erhebliche
       Auswirkungen. Die Untertanen mucken auf.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Die Quarantäne-Sirene
       
       Neues aus Neuseeland: Aotearoas stringente Coronamaßnahmen stoßen nicht bei
       allen Einreisenden auf ungeteilte Zustimmung.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Kolonialer Strick
       
       Neues aus Neuseeland: Im Parlament von Wellington wird mit Krawatten
       Politik gemacht. Doch jetzt rebelliert ein Abgeordneter der Maori.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Festivalbeschwerden
       
       Wenn man sich offen für Verwahrlosung und geringe hygienische Standards
       zeigt, kann man die anbrechende Festivalsaison lustvoll genießen.
       
 (DIR) die wahrheit: Zum Kuckuck mit dem Festival
       
       Die spinnen, die Kelten. Am 1. Mai feiern sie Bealtaine, den Sommeranfang.
       Das Wort bedeutet "das Feuer des Belinus", des Gottes des Lichts...