# taz.de -- heute in bremen: „Wir sind unserem Traum sehr nah“
       
       Interview Alina Fischer
       
       taz: Warum einem so gewaltbereiten Regime immer noch mit friedlichem
       Protest entgegentreten, Frau Karatch? 
       
       Olga Karatch: Gewalt ist kein guter Weg, um Veränderung zu erzielen. Wir
       wollen Lukaschenko nicht durch einen anderen Staatsführer ersetzen, sondern
       ihm mit demokratischen Mitteln entgegenstehen. Denn das wollen wir
       erreichen: einen demokratischen Staat. Es ist leicht, einen Konflikt mit
       Gewalt zu eröffnen, aber es ist schwer, ihn wieder zu schließen.
       
       Wie bewahrt man sich seinen inneren Frieden? 
       
       Es ist nicht leicht …Das Regime ist sehr brutal. Friedliche Protestierende
       werden ins Gefängnis geworfen. Es gibt Vergewaltigungen. Viele haben
       körperliche Beeinträchtigungen, nachdem sie von der Polizeiwache
       wiederkommen.
       
       Sie haben das Netzwerk Nash Dom gegründet. Was sind Ihre Forderungen? 
       
       Gegründet wurde es 2005 mit dem gemeinsamen Ziel, demokratische Reformen
       durch friedlichen Protest zu erreichen. Ich bin glücklich, denn wir sind
       unserem Traum nun sehr nah. Aber ich bin auch traurig wegen der vielen
       Qualen, die die Menschen ertragen müssen.
       
       Wie bleiben die Aktivist*innen in Kontakt? 
       
       Wir benutzen verschiedene soziale Netzwerke, vor allem aber Telegram und
       Youtube. Manchmal fällt das Internet für einige Stunden aus, manchmal das
       ganze Wochenende. Diese zwei Dienste funktionieren komischerweise aber
       trotzdem. Auf unserem Youtube-Channel finden sich Hilfestellungen zu
       friedlichen Protestformen.
       
       Wie würde ein Belarus der Zukunft aussehen? 
       
       Belarus wäre ein Teil der europäischen Familie. Es gäbe freie Wahlen, eine
       neue Verfassung und Gewaltenteilung. Momentan liegt ja die gesamte Macht
       bei Lukaschenko. Der Staatshaushalt wäre transparent einsehbar und es gäbe
       demokratische Standards.
       
       Was denken Sie, wie lange die Proteste noch andauern werden? 
       
       Bis Lukaschenko weg ist. Er will nicht gehen – und allen ist klar, warum.
       Wenn er seine Macht verliert, muss er sich für seine grauenvollen Taten
       verantworten und ins Gefängnis gehen. Davor hat er Angst. Aber die
       Gesellschaft merkt immer mehr, dass er toxisch für sie ist. Dass man unter
       seiner Führung nicht leben kann.
       
       Eine zeitliche Einschätzung? 
       
       Zwei bis drei Monate vielleicht. Die belarussische Wirtschaft ist am Ende.
       
       Was gibt Ihnen dieser Tage Hoffnung? 
       
       Das Level an Selbstorganisation und Mut der Menschen. Es ist beeindruckend,
       in welchem Ausmaß diese friedlichen Proteste stattfinden und was das für
       Auswirkungen hat.
       
       17 Dec 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Fischer
       
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