# taz.de -- Wenn der Stresspegel steigt
       
       > Mit der Zahl der Covid-Patient:innen wächst beim Pflegepersonal auf den
       > Intensivstationen die Sorge vor der Überlastung. Die Klinikleitungen
       > dagegen sehen ihre Häuser gut gerüstet: Schon in der ersten Coronawelle
       > haben sie zusätzliche Intensivbetten geschaffen und medizinisches
       > Personal geschult
       
 (IMG) Bild: Besuch aus Frankreich: Auf dem Höhepunkt der ersten Coronawelle Anfang April landete dieser Hubschrauber auf dem Flughafen Dresden
       
       Von Marthe Ruddat
       
       Ein Mund-Nasen-Schutz, darüber noch ein zweiter. Eine Haube für die Haare
       und eine Brille oder ein Visier. Ein oder zwei Schutzkittel und zwei Paar
       Handschuhe. Bis Magdalena Müller sich angezogen hat, um ein Zimmer zu
       betreten, in dem Covid-19-Patient:innen liegen, dauert es eine Weile. Sie
       erzählt am Telefon von ihrer Arbeit als Pflegekraft auf einer
       Intensivstation in Bremen. Sie heißt eigentlich anders, möchte ihren
       richtigen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen.
       
       Müller macht ihren Job schon seit vielen Jahren. Im Gespräch sagt sie
       mehrfach, wie sehr sie ihn liebt. Aber auch, wie anstrengend es ist, wie
       müde sie am Ende einer Schicht ist, egal ob Früh-, Spät- oder Nachtdienst.
       „Schon bevor Corona anfing, hatten wir zu viel Arbeit und zu wenig Leute,
       und durch Corona ist das noch mehr geworden“, sagt sie.
       
       Müller kümmert sich nicht in jeder Schicht um Covid-Patient:innen. Aber sie
       erinnert sich gut daran, wie kaputt sie nach dem letzten Mal war. „Den
       freien Tag danach habe ich nur geschlafen.“
       
       Als vor zwei Wochen die Coronazahlen jäh anstiegen, warnten
       Intensivmediziner vor der Überlastung der Krankenhäuser und ihrer
       Intensivstationen. Jetzt, in der zweiten Welle, liegen schon mehr
       Covid-Patient:innen auf den Intensivstationen als im Frühjahr. Am Freitag
       waren es 3.299. Und die Zahl steigt jeden Tag an, wenn auch langsamer als
       noch in den Wochen zuvor. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)
       äußerte in dieser Woche die Befürchtung, dass die Zahl der
       Intensivpatient:innen noch im November auf 6.000 steigen könnte. Die Lage
       könnte sich noch dadurch verschärfen, dass Covid-Patient:innen oft zwei bis
       drei Wochen intensivmedizinisch betreut werden müssen.
       
       ## Applaus bringt nichts, wenn nichts passiert
       
       Schon in der ersten Coronawelle hatten sich die Blicke schnell auf die
       Kliniken gerichtet und auf die Menschen, die dort arbeiten. An den Fenstern
       wurde für sie geklatscht. Müller sieht das kritisch: „Auch wenn es nett
       gemeint ist, es nützt nichts, wenn nichts passiert“, sagt sie.
       
       Aber ist seit der ersten Welle wirklich nichts passiert? Oder sind die
       Kliniken im Norden jetzt besser vorbereitet?
       
       Zwar gibt es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern
       viele Intensivbetten, und zu Beginn der ersten Welle wurden weitere
       geschaffen, aber schon vor der Pandemie konnten Betten nicht belegt werden,
       weil nicht genug Pflegepersonal da war.
       
       Aktuell sind die Krankenhäuser im Norden offenbar recht unterschiedlich
       belastet. In Schleswig-Holstein beispielsweise liegen vergleichsweise
       wenige Covid-Patient:innen auf Intensivstationen. Am dortigen
       Universitätsklinikum mit Häusern in Lübeck und Kiel sieht man derzeit darum
       auch keine Engpässe.
       
       Bremen verzeichnete in den letzten Wochen sehr viele Corona-Neuinfektionen.
       „Niemand kann vorhersagen, wie sich die Lage noch entwickeln wird, aber im
       Moment ist die Situation für uns beherrschbar“, heißt es auf taz-Anfrage
       aus dem dortigen Klinikverbund Gesundheit-Nord (Geno). Die Zahlen der
       Covid-Patient:innen in den Geno-Kliniken sei auf einem hohen Niveau stabil.
       Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Bremen, nennt die
       Lage dennoch „sehr angespannt“.
       
       Einer der Intensivmediziner, die vor der Überlastung der Krankenhäuser
       warnten, ist Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin am
       Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Er sieht Krankenhäuser in
       anderen Großstädten zwar schon mehr belastet als das UKE – zwölf der 71
       Covid-Patient:innen (Stand Freitag) auf Intensivstationen in Hamburg werden
       dort behandelt –, mit Blick auf die Infektionszahlen rechnet aber auch
       Kluge in den kommenden Wochen mit mehr Intensivpatient:innen.
       
       „Die personelle Lage ist schon angespannt“, sagt er. Das liege zum einen
       daran, dass Covid-Intensivpatient:innen sehr betreuungsintensiv seien.
       Normalerweise gebe es auf den Stationen mal ein oder zwei Patient:innen,
       die isoliert werden müssten, weil sie beispielsweise einen multiresistenten
       Erreger haben. Jetzt muss sich das Personal bei jeder Covid-Patient:in
       Schutzkleidung anziehen. „Das ist alles sehr aufwendig.“
       
       Hinzu komme, dass die Covid-Patient:innen oft ein akutes Lungenversagen
       hätten, wenn sie auf die Intensivstation kommen. Dann müsse oft die
       Bauchlagetherapie angewandt werden. „Diese Bauchlagerung ist
       personalintensiv, dafür braucht man mindestens drei bis vier Leute“, sagt
       Kluge. Ein weiteres Problem sei, dass schon vermehrt Personal ausfällt,
       weil es selbst Atemwegsinfekte hat.
       
       Dass die Frage, wann die Krankenhäuser in der Coronapandemie ihre
       Belastungsgrenze erreichen, vom Personal abhängt, war früh klar. Viele
       Kliniken haben deshalb schon im Frühjahr begonnen, Personal zu schulen oder
       auch anderweitig zu akquirieren. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
       beispielsweise wurden und werden Mitarbeiter:innen unterschiedlicher
       Gesundheitsberufe für einen Einsatz auf der Intensivstation geschult, wie
       Oliver Grieve, Sprecher der Klinik, auf taz Anfrage mitteilt.
       
       ## Freiwillige Helfer:innen der ersten Welle
       
       Außerdem hätten sich in der ersten Welle über 2.000 freiwillige
       Helfer:innen gemeldet, darunter Medizinstudent:innen, Pflegekräfte, die den
       Beruf gewechselt haben, oder schon berentete Ärzt:innen. „Vorsorglich bauen
       wir derzeit den Helferpool zur Unterstützung der Pflege wieder auf“, sagt
       Grieve.
       
       Auch am Hamburger UKE hat man vorgesorgt. „In der Intensivpflege gibt es
       immer eine gewisse Fluktuation. Daher gibt es in vielen Bereichen des
       Krankenhauses Pflegekräfte mit Intensiverfahrung“, sagt Kluge. Diese
       Pflegekräfte würden nun beispielsweise in der Verwaltung oder im OP
       arbeiten. Für sie wurden Refresher-Kurse angeboten und genau geschaut: Wer
       hat welche Qualifikation? „Das ist natürlich ein großer Aufwand, das alles
       zu organisieren“, sagt Kluge.
       
       Henning Bögemann gehört zu dem Pflegepersonal, das geschult wurde. Er
       leitet in Bremen eigentlich eine Station, auf der Patient:innen am Monitor
       überwacht werden. Im Frühjahr wurde die Station zur Covid-Station
       umfunktioniert und Bögemann während einiger Einarbeitungstage darauf
       vorbereitet, auf einer Intensivstation zu helfen. Dabei ging es nicht nur
       um Covid-Patient:innen. „Auch die anderen Intensivpatient:innen müssen ja
       versorgt werden“, sagt er.
       
       Dass er eine Intensivfachkraft ersetzen kann, glaubt Bögemann nicht. „Ich
       kann da Handlangerarbeiten machen, aber viel mehr auch nicht“, sagt er.
       „Dafür fehlt mir das fachliche Wissen, das bekommt man durch eine
       Fachweiterbildung, aber vor allem durch die langjährige Arbeit auf einer
       Intensivstation.“Dazu, dass Bögemann wirklich auf der Intensivstation
       arbeiten musste, kam es im Frühjahr nicht mehr, die Situation hatte sich
       entspannt, wie er erzählt. Seine Station ist bisher auch noch nicht wieder
       in eine Covid-Station umgewandelt worden. Auch wenn noch nicht gesagt sei,
       dass das so bleibt, seine Kolleg:innen seien froh darüber. Die Belastung
       für die Pflegekräfte ist einfach groß.
       
       Und das nicht nur auf den Intensivstationen. Bögemann berichtet das, was
       Madgalena Müller von den Intensivstationen erzählt, auch über die
       Normalstationen. Auch dort seien schon vor der Pandemie viele
       pflegeintensive Patient:innen von zu wenig Personal betreut worden.
       
       Und nun liegen dort auch noch Corona-Verdachtsfälle. Der Hygieneaufwand bei
       diesen Patient:innen sei derselbe wie bei positiv getesteten. „Besonders
       auf diesen Stationen kündigen viele Kollegen“, sagt Bögemann. „Sie haben
       sich nicht genug wertgeschätzt und auch allein gelassen gefühlt.“
       
       Magdalena Müller möchte weiter im Krankenhaus arbeiten. „Das ist mein Job,
       ich mache das. Ich kann ja nicht einfach zu Hause bleiben“, sagt sie mit
       Blick auf die nächsten Wochen. „Ich befürchte das Schlimmste und wenn es
       nicht so wird, freue ich mich.“
       
       14 Nov 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marthe Ruddat
       
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