# taz.de -- Ein Nachruf auf Ingo Bauer: „Mann, Papa!“
       
       > Der Vater unserer Autorin ist gestorben. Er lebte ein Leben voll mit
       > Schönem und Nicht-so-Schönem. Eine traurige wie liebevolle Kolumne zum
       > Abschied.
       
 (IMG) Bild: Aus dem Familienalbum: Autorin Lea Streisand als Kind zusammen mit ihrem Papa (etwa 1985)
       
       Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu schaden:
       er starb“, lautet der grandiose erste Satz von „Bronsteins Kinder“, Jurek
       Beckers Roman über Trauer, Verlust und die Frage, wer über wen richten
       darf.
       
       Mein Vater starb vor einem Monat, am 7. Oktober 2020, am „Tag der
       Republik“, dem Nationalfeiertag der DDR.
       
       Er hieß Ingo Bauer und war der lustigste und traurigste Mensch, den ich
       kannte. Er konnte malen, zeichnen und dichten, jedes Gericht kochen und
       alles reparieren. Er war groß und breitschultrig. Als ich acht Jahre alt
       war, wog er mehr als meine Mutter und ich zusammen. Alles Muskeln.
       
       Wenn Papa sich bewegen wollte, setzte er sich aufs Rennrad und fuhr zur
       Ostsee, trank dort er eine Brause und fuhr wieder zurück. Er konnte eine
       Toastbrotscheibe mit einem Bissen vertilgen. Er war ein Komiker. „Don’t
       worry, take Gysi!“, witzelte Ingo 1990, noch bevor der Spruch die
       Wahlplakate der PDS zierte. Geld verdiente er damit nie. Er konnte seine
       Begabungen nicht ernst nehmen.
       
       ## Die verhasste SED
       
       1958 in Berlin-Kaulsdorf geboren, durfte Ingo als Sohn eines Pfarrers und
       einer Ärztin in der DDR nicht studieren. Er entwickelte einen ausgeprägten
       Hang zur Provokation, ließ sich die Haare lang wachsen und nähte sich eine
       Stones-Zunge auf den Parka. Er hielt sich für intelligenter als alle seine
       Lehrer. Ingo lernte Psychiatriepfleger im Krankenhaus Herzberge, ein
       Knochenjob.
       
       Später ging er in die Kulturarbeit, begann zu studieren und wurde Leiter
       des Kreiskulturhauses „Peter Edel“ in Weißensee. Dafür musste er noch 1987
       in die Partei eintreten, die verhasste SED. An dem Abend brachte die
       Polizei ihn nach Hause. Er war so betrunken, dass er einfach im Schnee
       liegen geblieben wäre.
       
       Die Neunziger wurden seine Zeit. Als Leiter des nun Kulturhaus genannten
       „Peter Edel“ zog er eine Konzertreihe auf, die weit über die schlammigen
       Ufer des Weißen Sees hinaus bekannt werden sollte: die Reihe „Edel Jazz“.
       
       Uschi Brüning und Luten Petrowski, Conny Bauer und Joe Sachse, Julie
       Driscoll und Keith Tippet, die großen Namen der improvisierten Musik,
       spielten bei ihm, ließen die Klänge kollidieren und erschufen jeden
       Mittwoch ein musikalisches Unikat, das Papa auf DAT-Kassetten speicherte,
       die er zu Hause in seinem Zimmer mit Kopfhörern nachhörte. So laut, dass
       ich am Schreibtisch in meinem Kinderzimmer auf der anderen Seite der
       verschlossenen Durchgangstür brüllte: „Mann, Papa, mach das Türenquietschen
       leiser!“
       
       ## Captain Ingo
       
       Der Edel-Jazz wurde zum Treffpunkt der alternativen Berliner Künstlerszene.
       Nicht nur Musiker, auch Bildhauer, Maler, Schauspieler trafen sich hier.
       
       Der Maler Achim Niemann schrieb mir: „Wir Edel-Jazz-Fans dachten damals nur
       im Zeitfenster von einem Mittwochabend zum nächsten. Der Alltag im neuen
       Teutschland war nicht ohne für unseren naiven, kunst-träumenden,
       trinkfesten DDR-Künstlerhaufen. Aber mittwochs war Edel Jazz, Gott sei
       Dank!“
       
       Captain Ingo Bauer steuerte das Edel wie eine zigarettenverqualmte Titanic
       auf weitem kapitalistisch-schäumendem Ozean. Der Eisberg nahte in Form
       bürokratischer Realitäten.
       
       Mein Vater konnte seine Idee von sich selbst und der Welt, wie sie sein
       sollte, nicht mit der Wirklichkeit in Einklang bringen. Er liebte das Edle.
       Klare Formen, ausgesuchte Stoffe, gute Literatur. Péter Nádas Roman
       „Parallelgeschichten“ brachte ihn zum Schwärmen. Zeitweise ernährte er sich
       von Espresso und Zigaretten. Er wollte nichts verpassen.
       
       In Köln arbeitete er wieder als Psychiatriepfleger und gründete eine neue
       Familie. Er war ein leidenschaftlicher Papa und stolz auf alle seine
       Kinder.
       
       Ingo Bauer hinterlässt drei Töchter und einen Enkel. Er wurde 61 Jahre alt.
       
       15 Nov 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lea Streisand
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Immer bereit
 (DIR) Lebenslauf
 (DIR) Lebenskrisen
 (DIR) Nachruf
 (DIR) Serdar Somuncu
 (DIR) Kolumne Immer bereit
 (DIR) Kolumne Immer bereit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kolumne Immer bereit: Witze machende Männer
       
       Komik hat mit Macht zu tun. Deshalb sollte man lieber Witze über
       Arschlöcher machen als mit ihnen, findet taz-Kolumnistin Lea Streisand.
       
 (DIR) Gärtnern ist Gentrifizierung: Tante Erna, der Garten und ich
       
       Rasenkante mit dem Lineal gezogen auf der einen Seite. Auf der anderen eine
       Ratte, die hinter der Regentonne wohnt. Übers Gärtnern – und das Leben.
       
 (DIR) Virus schlägt Mauerfall: Hegemoniale Denkmuster
       
       Mein unpassendes Betroffenheitsding: Weil jenseits des Ost-West-Kosmos sei
       das Virus einschneidender als der Mauerfall – und betreffe mehr Menschen.