# taz.de -- „Die Bestrafung der Insassen war nie das Ziel“
> Permanente Überwachung und Kontrolle: Der Hamburger
> Politikwissenschaftler Peter Niesen erklärt, wie der englische
> Sozialreformer Jeremy Bentham den Strafvollzug mit seinem Panopticon
> humaniseren wollte
(IMG) Bild: Vergleichsweise privat: Die JVA Wolfenbüttel geht aufs Jahr 1873 zurück. Das Foto entstand 2003, die überfällige Sanierung der ältesten Gebäude wurde seitdem immer wieder aufgeschoben
Interview Paula Bäurich
taz: Herr Niesen, welche Funktion haben Gefängnisse: (Re)Sozialisierung
oder Bestrafung?
Peter Niesen: Zu dieser Unterscheidung gibt es ja berühmte Straftheorien.
Ich selbst vertrete keine davon, sondern sehe mich eher auf der Seite
derer, die von der Politischen Theorie aus auf die Strafpraxis schauen und
die Gefängnisstrafe kritisch sehen.
Warum?
Ich habe den Eindruck, dass die Gewalthaltigkeit des Rechts hauptsächlich
an den Strafgefangenen ausgeübt wird. Ich denke, man sollte versuchen, das
Recht nach und nach weniger gewaltsam zu machen. Das heißt nicht, dass man
sich nicht Alternativen überlegen sollte, etwa im Täter-Opfer-Ausgleich.
Aber man sollte sich kritischer mit dem Gewaltpotenzial der Strafe, wie sie
ausgeübt wird, beschäftigen.
Sind also auch unsere Gefängnisse eine Form der Gewaltausübung?
Ja, Wegsperren, wie es in Gefängnissen der Fall ist, hat auf jeden Fall
eine Zwangs- und Gewaltdimension, da in die autonome Lebensführung der
Insassen eingegriffen wird.
Ist dabei auch die Architektur des Gefängnisses entscheidend?
Architektur hat einen großen Einfluss auf die Lebensbedingungen der
Inhaftierten. Sie wirkt sich aber auch auf das Verhältnis zwischen den
Wärtern und Insassen aus.
Wie man die Architektur eines Gefängnisses nutzen kann, wurde bereits im
18. Jahrhundert in England thematisiert.
Ja, von Jeremy Bentham. Er war mit der Gewalthaltigkeit der damaligen
Strafpraktiken unzufrieden. Bentham wollte beispielsweise die Abschaffung
der Folter und der Todesstrafe. Daraus entstand die Energie, die zu
Entwürfen wie dem des Panopticons geführt hat ...
... ein Konzept zum Bau von Gefängnissen, das auf stetige Überwachung
abzielte.
Ja, in erster Linie entwarf Bentham den Plan für Gefängnisse. Entscheidend
an der Architektur war, dass es einen zentralen Ort gab, von dem aus alle
Insassen beobachtet werden konnten. Das Besondere daran ist, dass der
Wärter so zwar alle Inhaftierten beobachten kann, sie ihn aber nicht,
sodass sie immer davon ausgehen müssen, überwacht zu werden. Zudem wollte
Bentham verhindern, dass die Insassen untereinander Kontakt haben, um einen
Ausbruch oder Ähnliches zu planen.
So ähnlich sehen ja auch die Entwürfe für das geplante Jugendgefängnis in
Hamburg aus. Marco Lange, Sprecher der Justizbehörde, sprach davon, es gebe
„keinen Blickkontakt von Haftraum zu Haftraum“.
Durchaus kann man hier von einer Steigerung der Macht der Überwachung
sprechen, wenn die Gruppen voneinander isoliert werden. Auch scheint es so,
als wolle man eine lückenlose Überwachung erreichen, wie auch Bentham sie
geplant hat. Der Trick im Panopticon liegt ja darin, dass man den Menschen
das Gefühl gibt, dass sie ständig überwacht werden, weil sie ständig
überwacht werden könnten. Es geht also um die bloße Möglichkeit, dass es so
sein könnte.
Zudem wurde die gute Einsehbarkeit im geplanten Jugendgefängnis gelobt.
Ja, auch die totale Einsehbarkeit, also dass die Insassen sich nicht hinter
Türen oder Ähnlichem verstecken können, ist ein Prinzip des Panopticons.
Zwar hat Bentham später eingesehen, dass die Intimsphäre der Menschen in
manchen Lebensvollzügen respektiert werden muss, weit darüber hinaus geht
er allerdings nicht. Im Prinzip soll man die gesamte Zeit vollständig dem
Blick des Wärters ausgesetzt sein.
Das hört sich sehr autoritär an.
Ja, das ist es auch. Wichtig ist dabei aber, dass Bentham auch eine
Überwachung der Wärter plante, indem ihr Platz und damit auch der Blick auf
die Häftlinge für die kritische Öffentlichkeit geöffnet sein sollte. So
sollen sich die Menschen außerhalb des Gefängnisses vergewissern können,
dass die Insassen nicht gequält werden. Das heißt, es gab sowohl eine
Überwachung der Häftlinge, aber auch eine Überwachung der Überwacher
selbst. Und wenn man sich dieses Prinzip der umgekehrten Blickrichtung
anschaut, fällt auf, dass es auf viele andere gesellschaftliche Bereiche
übertragen werden kann.
War das auch Benthams Idee?
Ja, er hat sich vorgestellt, das panoptische Prinzip auch auf Fabriken,
Schulen oder das Parlament anzuwenden. Beim Parlament war seine Idee, dass
die Abgeordneten ständig dem Blick der Bürger ausgesetzt sind. So sollten
die Machthaber kontrolliert werden. Das panoptische Prinzip von Bentham
geht also immer in zwei Richtungen: Auf der einen Seite sollen die
„Schwachen“, also die Häftlinge oder Arbeiter diszipliniert werden, auf der
anderen Seite aber auch die Mächtigen. Ob ein panoptisches Prinzip
funktioniert hat, bewertet Bentham dann anhand dessen, ob es zur Mehrung
des gesellschaftlichen Glücks dient.
Warum war das für ihn das entscheidende Kriterium?
Bentham war Begründer des Utilitarismus, eine Denkrichtung, die sich der
Maximierung des gesellschaftlichen Glücks verschrieben hat. Dabei geht es
um die Summe des Glücks der einzelnen Mitglieder. Die kann allerdings auch
dann sehr hoch sein, wenn einige Personen in der Gesellschaft unterdrückt
oder unglücklich sind.
Waren die Insassen der Gefängnisse für Bentham dann glücklich oder gehörten
sie zu den Unterdrückten?
Bentham geht davon aus, dass es den Inhaftierten im panoptischen Gefängnis
viel besser geht als im zeitgenössischen Strafvollzug, der aus Folter,
Prügelei oder Fesseln bestand. Zudem plante er, dass sie im Gefängnis ein
Handwerk erlernen, sodass sie sich etwas Geld ansparen können, um sich dann
in Freiheit eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Seine Idee war also, dass
es den Gefangenen gut geht.
War sein Ziel auch, dass sie sozialisiert werden, so wie es die Aufgabe
heutiger Gefängnisse ist?
Ja, auch Bentham wollte die Inhaftierten sozialisieren. Dabei vergaß er
allerdings vollständig, dass die Inhaftierten dafür Kontakt zueinander und
zur Außenwelt brauchen. Stattdessen stand die Arbeit für ihn im
Vordergrund. Die Wiedervergeltung hingegen spielte bei ihm im Strafzweck
keine Rolle, die Bestrafung der Insassen war also nie das Ziel seines
Entwurfs.
Ging Bentham nicht sowieso davon aus, dass die Insassen durch die
permanente Überwachung sozialisiert werden?
Nein, zumindest nicht automatisch. Bentham selbst hält sich die Möglichkeit
von Sanktionen offen. Er nimmt also nicht an, dass sich allein durch den
permanenten Eindruck der Überwachung der sozialisierende Effekt bei den
Insassen einstellt, sondern durch ihre Isolierung voneinander und die
Möglichkeit der Sanktionierung. Zur Abschreckung stellte er sich ein
Straftheater vor, bei dem keine wirkliche Bestrafung stattfindet, sondern
das Schauspiel ausreicht, um die Menschen von falschem Verhalten
abzuhalten.
Wurde Benthams Idee des Panopticons denn jemals umgesetzt?
Eins zu eins wurde das Panopticon nach den Bauplänen von Bentham zwar nie
erbaut, aber zumindest in einer ähnlichen Form. Vor allem einzelne
Prinzipien wie die gute Einsehbarkeit waren und sind allerdings immer
wieder Vorbild für heutige Gefängnisse. Zum Beispiel die ständige
Video-Überwachung stellt ein panoptisches Element dar.
Was würde Bentham zu unseren Gefängnissen heute sagen?
Ich vermute, er würde die Architektur unserer Gefängnisse für einen sehr
großen Fortschritt gegenüber seiner Zeit halten. Als Utilitarist würde ihm
die Gesamtreduzierung der Gewalt in der Gesellschaft positiv auffallen.
Dabei würde er allerdings nicht beachten, wie Inhaftierte zu diesem Zweck
unterdrückt werden.
7 Nov 2020
## AUTOREN
(DIR) Paula Bäurich
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