# taz.de -- Das Kabinett unter Kanzler Heino beschließt Gegenmaßnahmen
       
       > 1985: Mitglieder der Regierung werden in Berlin von der Untergrundgruppe
       > „Goldener Oktober“ entführt. Knut Hoffmeister zeigt den Director’s Cut
       > von „Goldener Oktober“ im Klick Kino
       
 (IMG) Bild: „Einen hochgewachsenen Jüngling mit blond gelocktem Haar“ nannte Irene Mössinger den Filmemacher. Die Aufnahme stammt von 1982
       
       Von Guido Schirmeyer
       
       Die Angst des Künstlers vor dem Lockdown: Der Schöneberger
       Experimentalkünstler Knut Hoffmeister bangte um seinen Abend im Klick Kino.
       Doch Glück gehabt, sein „Goldener Oktober“ über eine fiktive Terrortruppe
       läuft am Samstag wie geplant. Das ambitionierte Haus am Stuttgarter Platz
       unter Leitung des neapolitanischen Film-Aficionados Christos Acrivulis hat
       Hoffmeisters Underground-Film ins Programm genommen.
       
       Vor 35 Jahren lief das Werk als „Kleines Fernsehspiel“ im ZDF-Programm.
       Allein die illustren Akteure aus der Zeitdoku des Szene-Bohemiens Knut
       Hoffmeister garantieren ein Geistertreffen. Mit Kippenberger, Blixa
       Bargeld, Kiddy Citny, Gudrun Gut, Alexander Hacke, dem Wahren Heino,
       Effjott Krüger von Ideal und der Ex-Toten-Hose Trini Trimpop, um nur einige
       zu nennen. Und gibt es ein besseres Setting für eine maskierte Zeitreise in
       die wilden Westberliner Achtziger als Halloween mit Vollmond?
       
       „Die Idee zum Film kam Anfang der Achtziger aus Ablehnung des ‚Schwarzen
       September‘, jener Terrortruppe, die 1972 das Münchner Olympia-Attentat
       verübte. Auf der anderen Seite hatten wir Helmut Kohl. Auch grauenhaft. Da
       habe ich mir eine eigene Regierung ausgedacht, mit Zazie als
       Kriegsministerin für Angriff“, erzählt Hoffmeister, der seit Jahrzehnten
       zwischen Charlottenburg und Thailand pendelt.
       
       Sein Film spielt 1985: Mitglieder der Regierung werden in Berlin von der
       Untergrundgruppe „Goldener Oktober“ entführt. Das Kabinett unter Kanzler
       Heino beschließt Gegenmaßnahmen. Politiker ziehen in ein Abbruchhaus und
       lenken von dort die Staatsgeschäfte. Doch als zwei Spione auf den „Goldenen
       Oktober“ angesetzt werden, bricht Chaos aus. Spielerisch führe die Satire
       ein Lebensgefühl zwischen den Extremen „No Future“ und „Die Zukunft gehört
       uns“ vor, so die offizielle Beschreibung. Flirrendes Trash-Kino rast da
       über die Leinwand, macht schwindlig.
       
       Als Taxifahrer mit Abitur kutschierte Hoffmeister damals Iggy Pop durch die
       Berliner Nächte. „Was er denn so toll an Berlin fände, fragte ich Iggy. Und
       der: Die Mauer drumrum. Hält die Arschlöcher draußen.“ Eine Zeit lang
       assistierte Hoffmeister dem damaligen Platzhirsch Martin Kippenberger bei
       dessen Kunstzeitung Sehr gut im Kippenberger-Loft am Erkelenzdamm, um die
       Ecke vom SO36. Prägende Zeiten.
       
       Als Mitbegründer der Genialen-Dilletanten-Kapelle Notorische Reflexe ist
       Hoffmeisters Lebens-Hit, der „Brezhnev Rap“, noch heute ein Ohrwurm. Der
       [1][Videoclip zum Song] mit Aufnahmen unter anderem aus dem Warenhaus GUM
       zeigt den typischen Hoffmeister-Strich, den er mit seinen Kameras malt.
       „1983 bin ich mit meiner damaligen Freundin Andrea, einer kleinen
       Super-8-Kamera und einem schönen Stückchen Haschisch nach Moskau geflogen,
       um für unsere Notorischen Reflexe Material zu filmen. Straßenszenen,
       U-Bahn, Roter Platz. Kurz vorm Rückflug kaufte ich noch eine LP mit einer
       Rede des Generalsekretärs der KPdSU, Leonid Breschnew, vor dem Obersten
       Sowiet, so was konnte man am Kiosk kaufen, um Breschnews Worte noch einmal
       zu Hause oder in der Datscha nachzuhören. Aus der Platte und meinem
       Schwarzweiß-Filmmaterial entstand dann der ‚Breschnew Rap‘“, erinnert sich
       Hoffmeister.
       
       „Im März 1990 bin ich dann als ‚Co-Pilot‘ mit einem dubiosen Kumpel in
       einer einmotorigen Piper Arcer ‚im Auftrag Ihrer Majestät‘ über Danzig und
       Vilnius ein weiteres Mal nach Moskau geflogen. Ich suchte nur das Abenteuer
       und ahnte nicht, dass mein Pilot als kleiner Spion für den Geheimdienst
       tätig war. Wir sollten auskundschaften, wie sich die russische
       Flugsicherheit zu der Tatsache verhielt, dass sich Litauen einseitig
       unabhängig erklärt hatte. Tatsächlich gab es Schwierigkeiten beim Anflug
       auf Moskau, wir sind dann ganz schnell umgedreht. Die hätten uns sonst
       abgeschossen. Eine Nummer wie mit dem Rust drei Jahre zuvor würden die
       Russen sich nicht noch einmal bieten lassen. Am Tag darauf versuchten wir
       es wieder, dann klappte es – total stoned über dem russischen Luftraum.“
       
       1985 ist Hoffmeister noch bei den Notorischen Reflexen und dreht neben
       kleineren Clips „Goldener Oktober“ für das Kleine Fernsehspiel des ZDF.
       
       In seinem Archiv am Los-Angeles-Platz lagert so viel Material, dass
       Hoffmeister, ein versierter Cutter, nun wieder schlaflose Nächte lang an
       seinem „Goldenen Oktober“ frickelt. Immer wieder Szenen rausschmeißt, die
       ihm heute kindisch vorkommen, oder Szenen mit neuen Sounds unterlegt.
       „Letzte Nacht habe ich noch eine Straßenschlacht von 1982 eingefügt und mit
       Disko unterlegt. Die Bullen kriegen eins auf die Fresse, und dazu läuft
       ‚He’s The Greatest Dancer‘“, erzählt er.
       
       Hoffmeisters Muse und Hauptdarstellerin Zazie de Paris schwelgt in
       Erinnerungen an die turbulenten Dreharbeiten in der Reichstagsruine: „Mit
       bösem Margret-Thatcher-Blick stieg ich in einem goldenen Punk-Lederkleid,
       maßgeschneidert von Neunfinger-Kuri, aus einem Bentley und sollte an die
       Berliner Mauer pinkeln.“
       
       Im selben Atemzug vermischen sich Zazies Memoiren. Plötzlich steht sie 1989
       vom Regen durchnässt bei einer Riesenshow zum 200-jährigen Jubiläum der
       Französischen Revolution auf der Reichstagswiese, „und Charles Aznavour
       holte mich in seinen Wohnwagen und half mir, mich zu trocknen“.
       
       Geblieben ist vielen Akteuren der Achtziger das Leben in der Nacht. Denn
       die Nacht sang ihre Lieder. „Corona trifft uns besonders hart“, seufzt
       Zazie, „wo sollen wir denn jetzt noch hin? Niemals wird der Tag mich
       zähmen. Ich bin mit der Nacht verheiratet, und das ist gut so.“
       
       Zuflucht findet Zazie de Paris in „meiner neuen Kulturoase Klick“, mitunter
       jeden Abend schaut sie dort Filme und dinniert im Café-Restaurant. Vor
       Kurzem genoss Zazie im Klick die Deutschlandpremiere der ergreifenden Doku
       über Montgomery Clift von dessen jüngstem Neffen Robert Anderson Clift,
       moderiert von Wieland Speck. Der wiederum zeigte seinen „David, Montgomery
       & Ich“ als Vorfilm – ein kleines Meisterwerk von 1981 aus San Francisco,
       das damals auf der Berlinale lief.
       
       Dank des cleveren Konzepts des bestens vernetzten künstlerischen Leiters
       des Klick, Christos Acrivulis, steht im Klick jeden Monat ein Prominenter
       Pate – und bietet das Kino ein abwechslungsreiches Programm. Als
       Filmverleiher hat Acrivulis unter anderem sämtliche Praunheim-Filme im
       Repertoire. Praunheims geplante Feier zu seinem 78. Geburtstag dürfte aber
       wohl der Pandemie zum Opfer fallen.
       
       Acrivulis glaubt an die Kraft des Kiezkinos. Will Bezug zu Charlottenburg
       nehmen. Muss nicht um die Welt fliegen, um Filme zu suchen, sondern findet
       sie vor der Tür. Bleibt zu hoffen, dass das Café Klick das Kino über Wasser
       hält. Im großräumigen Café gibt’s Lesungen, Gespräche, Klaviermusik und
       Vino. Ins Kino lässt Acrivulis derzeit noch 23 Zuschauer rein, mit zwei
       Meter Abstand zwischen den Sitzen.
       
       Die Vorstellung ist ausverkauft. Bleibt zu hoffen, dass der Film anderswo
       zu sehen sein wird und die Kinos bald wieder öffnen.
       
       31 Oct 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=LOMaTX9EvSw
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Guido Schirmeyer
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA