# taz.de -- Die Wahrheit: Der letzte Walzer
       
       > Eins-zwo-drei-Eins-zwo-drei: So geht ein Walzer. Schade, dass er im Pop
       > so selten ist. Paar gute Beispiele lassen sich trotzdem finden.
       
 (IMG) Bild: Die Komponisten (v.l.) Hugo Hirsch, Paul Lincke und Siegfried Translateur beim Skat-Spiel, 1928
       
       Der erste Walzer, den ich als solchen wahrnahm, war „[1][Mull of Kintyre]“
       von Paul McCartney. Da war ich dreizehn. Ein Freund hatte mir die Single
       ausgeliehen. Ich legte sie auf und verstand augenblicklich, was ein
       Dreivierteltakt war. Nicht kapiert hatte ich den Dreier bis dahin bei
       „[2][Norwegian Wood]“. Hier bemerkte ich nur bei jedem Hören, dass der Beat
       irgendwie auf charmante Weise humpelte und rumpelte.
       
       Der Walzer ist nämlich ein Stolperer. Ein Strauchler ohne Hinfallen. Das
       war mir fremd. Ich kannte bis dahin nur durchratternde Viervierteltakte.
       Manchmal tänzelnd synkopiert, okay. Aber doch immer „four to the bar“. Der
       Dreier bei „Norwegian Wood“ war nicht so offensichtlich und nicht so
       eins-zwo-drei-eins-zwo-drei-aufdringlich wie bei „Mull of Kintyre“ – eher
       in einen dylanesken Sechsachtel lappend. Aber Walzer bleibt Walzer.
       
       Bevor mich nun ein Klugscheißer-Shitstorm ereilt: Selbstverständlich weiß
       ich, dass nicht jeder Dreivierteltakt ein Walzer ist. Aber da man mit einem
       bisschen guten Willen auf alles Walzer tanzen kann, was drei oder sechs
       Zählzeiten hat, selbst auf ein steifes Menuett, bin ich da eher tolerant.
       
       Der Begriff „Walzer“ taucht angeblich zum ersten Mal bei Schiller auf. In
       der Ballade „[3][Eberhard der Greiner]“ im Zusammenhang mit einer Feier:
       „Und Weib und Kind im Rundgesang / Beim Walzer und beim Becherklang /
       Lustfeiern unser Glück.“ Überhaupt gilt der Walzer als heiterer Tanz.
       Demgegenüber sind aber die meisten Waltz-Songs der angloamerikanischen
       Popularmusik eher melancholisch, oft sogar todtraurig.
       
       ## Fine Time
       
       In [4][„Lucille“ von Kenny Rogers] sagt ein Mann zu seiner ihn gerade
       verlassenden Frau: „You picked a fine time to leave me, Lucille / With four
       hungry children and a crop in the field.“ In der noch wesentlich
       deprimierenderen [5][deutschen Version von Michael Holm] ist der Nachwuchs
       nicht nur hungrig und die Ernte steht auf dem Feld – hier sind die Kinder
       gleich „krank und die Schulden so viel“. Respekt, Herr Holm.
       
       Der Titel von Hank Williams’ Klassiker „[6][I’m so lonesome I could cry]“
       spricht für sich – und das vielleicht schönste Walzerlied aller Zeiten,
       „Mr. Bojangles“, geschrieben von dem Countrymusiker Jerry Jeff Walker,
       beschreibt einen alten versoffenen Entertainer, der in einer Gefängniszelle
       für die Mitgefangenen tanzt. Und ihnen, während er steppt, aus seinem Leben
       erzählt, unter anderem von seinem … – Jessesmaria, geht es noch trauriger?
       – … toten Hund!
       
       Weltberühmt wurde „[7][Mr. Bojangles“ durch Sammy Davis jr.], der –
       abergläubisch, wie er war – den Song erst gar nicht singen wollte, weil er
       Angst hatte, selbst wie Mr. Bojangles eines Tages als verarmter und
       abgehalfterter Künstler zu enden. Das Lied wurde dann einer seiner größten
       Hits. Und Jerry Jeff Walker dürfte es ein sorgenfreies Restleben beschert
       haben. Bis letzten Freitag. Da starb Jerry Jeff.
       One-two-three-one-two-three. And then he clicked his heels.
       
       28 Oct 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=OrbuDWit1Co
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=yxOm6odF32w
 (DIR) [3] https://www.friedrich-schiller-archiv.de/gedichte-schillers/anthologie-auf-das-jahr-1782/graf-eberhard-der-greiner-von-wirtemberg/
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=4SDVkdcO8ts
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=hVefTZTHODA
 (DIR) [6] https://www.youtube.com/watch?v=4WXYjm74WFI
 (DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=-Fju4UajL7g
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hartmut El Kurdi
       
       ## TAGS
       
 (DIR) The Beatles
 (DIR) Musikgeschichte
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Nazideutschland
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Komiker
 (DIR) Drogen
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Meister der leichten Muse: Pfiffe, Walzer, Widerstand
       
       Vor 150 Jahren wurde Salo Siegfried Translateur geboren. Sein
       „Sportpalastwalzer“ wurde zur Erkennungsmelodie des populären
       6-Tage-Rennens.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Rock-’n’-Roll der lebenden Toten
       
       Manchmal ängstigt es schon, was die bereits toten, eigenen musikalischen
       Helden so zu manchem aktuellen Thema zu sagen hätten.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Verwöhnte Arschgeigen
       
       Manchen ging es schlecht in diesem Pandemiejahr, aber dann gibt es immer
       noch die ewig gleichen Egoshooter auf Kosten anderer.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Könige der Klamotte
       
       Eine Komikschule der besonderen Art war in den siebziger Jahren die
       freitägliche Slapstick-Sendung im Zweiten Deutschen Fernsehen.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Heimliche Abstinenz
       
       In unseren Breitengraden ist das Trinken üblich. Dabei könnte es doch
       sinnlosere und zugleich bezauberndere Drogen geben als Flüssigstoffe.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Die Erfindung des Turmtauchens
       
       Neuerdings wird allüberall beklagt, Kinder könnten nicht mehr schwimmen.
       War das früher eigentlich anders?
       
 (DIR) Die Wahrheit: Am Leben bleiben
       
       Eine musikalische Sozialisation in den siebziger Jahren musste nicht
       unbedingt zu Protestformen führen. Nicht jeder brauchte einen Iro auf dem
       Kopf.