# taz.de -- heute in hamburg: „Die Situation hat sich zugespitzt“
Interview Deborah Kircheis
taz: Frau Goldschmidt, kann Homeoffice eine Chance für die Gleichstellung
der Geschlechter sein?
Sandra Goldschmidt: Ja, aber es birgt auch Gefahren. Frauen profitieren
davon, wenn beispielsweise Fahrtstrecken entfallen und sie die gewonnene
Zeit in andere Dinge investieren können. Manches lässt sich von zu Hause
einfach besser koordinieren. Wenn aber, wie in den letzten Monaten,
parallel dazu Kinder zu Hause betreut werden müssen, ist das Arbeiten im
Homeoffice eher eine Hürde.
Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede, wie sich Homeoffice auf Männer
und Frauen auswirken kann?
Grundsätzlich wollen wir geschlechtsspezifische Zuschreibungen vermeiden,
aber gerade während der Coronazeit waren Männer eher die, die sich zu einer
festen Zeit in ihr Arbeitszimmer eingeschlossen haben, um ungestört zu
sein. Und Frauen haben gearbeitet, während sie sich beispielsweise
gleichzeitig um die Kinder gekümmert haben. Der Mann hat sich wie in seinem
Büro verhalten, nur war er eben zu Hause.
Wie sieht die Situation in Hamburg aus?
Wir hatten mit einigen Frauen direkten Kontakt in der Beratung. Eine
Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Eine Frau hat während
ihrer Arbeit die Kinder beim Homeschooling betreut. Ihre Arbeitgeberin wies
sie darauf hin, dass sie im Homeoffice genauso viel leisten müsste wie im
Büro und kürzte ihre Stunden. Vielen fiel es schwer, sich zu Hause zu
organisieren. Frauen, die nicht familiär gebunden sind, haben dagegen zum
Teil berichtet, dass sie ihren Alltag flexibler gestalten konnten.
Vor der Pandemie waren es die Frauen, die mehr unbezahlte Arbeit geleistet
haben. Hat sich das während der Pandemie geändert?
Ja, die Situation hat sich zugespitzt. Ein Großteil der Care-Arbeit landet
bei Frauen. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Wissenschaftlerinnen
während der letzten Monate weniger Publikationen veröffentlicht haben als
vor der Pandemie, Wissenschaftler hingegen deutlich mehr.
Welche Forderungen stellen Sie an den Senat, um die Situationen von Frauen
weiterhin zu verbessern?
Die Coronazeit hat uns in der Gleichberechtigung zurückgeworfen und der
Senat muss sich Gedanken machen, wie er die Gleichberechtigungslücke wieder
schließen kann. Wir fordern feste Quoten für Vorstände, Leitungspositionen
oder Aufsichtsräte. Darüber hinaus hat das Gleichstellungsgesetz noch
deutliche Lücken. Es geht davon aus, dass Männer und Frauen bereits
gleichgestellt wären und missachtet die strukturelle Benachteiligung von
Frauen zu Unrecht. Da müssen wir unbedingt nochmal ran.
27 Aug 2020
## AUTOREN
(DIR) Deborah Kircheis
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