# taz.de -- berliner szenen: Nukleare Zellen des Glücks
       
       Meine Freunde! Wo seid ihr? Verschwunden in Familien, verloren gegangen
       zwischen Homeschooling und Einschulung, wartet ihr auf bessere Zeiten in
       euren kleinen Gärten und staubigen Lauben, Datschen und einmaligen
       Gelegenheiten, last minute und gerade noch rechtzeitig mit schlechtem
       Gewissen ergattert, füllt ihr eure Miniaturschwimmbecklein trotz der
       Trockenheit, um dem Gedränge in den öffentlichen Badeanstalten zu entgehen
       oder schwimmt ihr im See, nein, stand-up-paddelt ihr auf ihm; wo seid ihr,
       meine Freundinnen, verschwunden in nuklearen Zellen des kleinen Glücks, des
       Unglücks, kümmert euch auf ewig um die nachwachsenden Zeh- und Fingernägel
       der Kleinen, damit sie nicht andere kratzen und nicht zu viel Dreck sich
       darunter sammeln möge; wo seid ihr, meine Thekenpartnerinnen der Nächte, wo
       steht ihr im Stau mit euren Automobilen, die ihr nie haben wolltet, steht
       ihr in den Staus auf den Wegen raus aus der Stadt über den Asphalt, den
       Asphalt, den Asphalt, und dann ist der See so furchtbar voll, so voll, so
       voll, lieber in den Pool, den Pool, den Pool, aber ihr vergesst: Einsam im
       Wedding sitze ich auf der Straße und warte auf euch, denn ihr sollt kommen
       und mit mir sitzen und schwitzen auf schmutzigen Treppenstufen mit Blick
       auf das Trottoir, garniert von getrocknetem Köterkot und Kippenresten, und
       reden mit mir sollt ihr und Bier trinken, oh, kommt zurück aus euren
       uckermärkischen Idyllen, seid ihr nicht in die Stadt gekommen, um
       unglücklich zu sein; kommt zu mir, lasst uns strawanzen durch staubige
       Straßen, die voll sind von all jenen, die sich nicht verstecken in Lauben
       und Ländereien, hier gibt es das Leben, von dem ihr immer lest, kommt zu
       mir, ich warte auf euch zwischen den Ritzen der Gehwegplatten, in der
       zerflossenen Süße der Baklavas. Kirsten Reinhardt
       
       24 Aug 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kirsten Reinhardt
       
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