# taz.de -- Spuren des Körpers
       
       > Der Lehm, in den alle zurückkehren: Im Kunstmuseum Bochum zeigt Abraham
       > David Christian seine Skulpturen, die reduziert und meditativ anregend
       > sind
       
 (IMG) Bild: Blick in die Ausstellung „Abraham David Christian – Erde“ mit der Arbeit „Selbst“ (1978) im Kunstmuseum Bochum
       
       Von Max Florian Kühlem
       
       Der Kopf weiß es ja, erreicht man den schönen Oberlichtsaal des
       Kunstmuseums Bochum, betritt man unweigerlich die Einzelausstellung einer
       Künstler*in. Trotzdem gibt es jetzt dieses Gefühl: Das sind archäologische
       Fundstücke, Ausgrabungen, möglicherweise undatiert, Reste künstlerischen
       Tätigseins, vielleicht einfach – menschlichen Tätigseins. Und selbst der
       Mensch, der sie geschaffen haben soll – er heißt Abraham David Christian –
       sagt: „Manchmal stehe ich vor meinen Skulpturen und frage mich: Habe ich
       das gemacht? Ich weiß es nicht.“
       
       Der 1952 in Düsseldorf geborene Bildhauer ist stark von fernöstlicher
       Philosophie, Religion und Lebensweise beeinflusst. Deshalb gefällt ihm der
       Gedanke, hinter seinem Werk zu verschwinden. Dass irgendwann in der Zukunft
       vielleicht Betrachter*innen seine Skulpturen aus Lehm oder Eisen anschauen
       und sich fragen, aus welchem Jahrhundert sie stammen, wer sie gemacht hat.
       Und die Antworten sind nicht ein Name und ein Datum, sondern ein Gefühl für
       eine überzeitliche Verbindung, die zwischen allen Menschen und Lebewesen
       und Dingen herrscht; für das Göttliche in allen Dingen, das die Japaner
       „Kami“ nennen und die Europäer Pantheismus.
       
       Zu den Widersprüchen, auf die stößt, wer sich mit Abraham David Christian
       beschäftigt, gehört dieser: Den Menschen, der am liebsten in seinem Werk
       verschwinden würde, möchte man gern näher kennen lernen. Zu neugierig
       machen die Rätsel, die seine Werke und seine Biografie aufgeben.
       
       Die Bochumer Ausstellung heißt „Erde“, weil sie zwar auch
       Graphit-Zeichnungen und Eisenskulpturen zeigt, aber vor allem Lehmarbeiten,
       die durch eine sehr körperliche Begegnung mit dem Material entstanden sind,
       das fast überall und umsonst verfügbar ist – und in das eines Tages jeder
       Mensch zurückgeht. Als Abraham David Christian 1969 anfing, schöpferisch
       tätig zu werden, formte er eine Kugel aus Lehm, formte die Kugel nach, auf
       der er lebt. Dann legte er sich auf die Erde, kroch über sie, hielt sich in
       Höhlungen auf, ließ sich in sie eingraben. Harald Szeemann wurde auf ihn
       aufmerksam, lud ihn 19-jährig zur 5. documenta 1972 in Kassel ein. Dort
       isolierte er sich 30 Tage auf der Fulda-Insel und organisierte sein Leben
       durch Skulpturen, die ihm etwa den Weg zum Wasser zeigten.
       
       Zum Ausstellungsschluss forderte er Joseph Beuys zu einem legendären
       Boxkampf – und sagte später darüber: „Ich bin überhaupt nicht kämpferisch.
       In einem solchen Zeitalter, in dem wir leben, in dem der Mensch angelegt
       ist auf tatsächliche Freiheit, muss dieser Kampf natürlich anders sein als
       jemals in der Geschichte. Er muss sich ganz ins Innere verlegen, muss ein
       Kampf der Ideen, des Geistes sein. Jeder andere Kampf ist ein sinnloser
       Kampf.“ Der Boxkampf habe symbolisch nichts anderes ausdrücken sollen als
       einen Kampf für direkte Demokratie und eine humane Zukunft.
       
       Nach Einladungen zu weiteren documentas, einer Einzelausstellung in der
       Düsseldorfer Kunsthalle mit 21 Jahren und einer Episode als jüngster Dozent
       der dortigen Kunstakademie begann er irgendwann aktiv, an seinem
       Verschwinden zu arbeiten. Er wollte sein Porträt nicht mehr abgedruckt
       sehen, verzichtete in Ausstellungskatalogen auf die Nennung seines Namens.
       Sein „Selbst“ war eine Arbeit aus dem Jahr 1978, die das Kunstmuseum Bochum
       heute in seinem Archiv längst beschädigt und für immer verloren glaubte.
       „Das kann gar nicht sein“, sagte der Künstler bei einem Treffen mit
       Museumsleiter Hans Günter Golinski, und jetzt stehen sie da, die
       aufeinander gestapelten Lehmblöcke mit archaischer Wirkung.
       
       Wie eine Art Ur-Baumaterial wirken sie im weiten Saal, versehen mit wie
       zufällig entstandenen Spuren des menschlichen Körpers, der das Material
       geformt hat, das sie eine Zeit lang speichert. Wer an der Präsentation von
       Kunstwerken im Weißraum zweifelt, wird hier noch einmal von dieser
       klassischen Art der Ausstellung überzeugt: Nur so, von nichts abgelenkt,
       kann sich der Blick versenken in ein Ding, das er überall woanders bloß
       unaufmerksam streifen würde. Er versenkt sich in ein Nachdenken über die
       Handlungen, die das Verhältnis des Menschen zur Natur geprägt haben, durch
       die er sich seine Welt geschaffen hat.
       
       Wenn Abraham David Christian gerade nicht im japanischen Hayama in seinem
       traditionellen Haus mit einem riesigen Garten lebt oder in Manhattan, wo er
       in der Upper West Side Wege für Gehmeditationen kennt, auf denen ihm
       stundenlang niemand begegnet, dann bewohnt er eine bemerkenswerte
       Stadtwohnung in seinem Geburtsort Düsseldorf. Die Wohnung ist eine
       Spezialanfertigung, ein Weißraum wie ein Museum, klar fokussiert auf wenige
       Möbel. In der Wohnküche steht einzig eine einfache, graue Sitz- oder
       Liegebank, auf der der Künstler in den frühesten Morgenstunden vor der
       weißen Wand sitzt und sich auf seinen Atem konzentriert.
       
       Warum war es so einfach, in die Wohnung des angeblich doch so
       öffentlichkeitsscheuen Mannes eingeladen zu werden? „Die taz ist doch eine
       linke Tageszeitung?“, fragt er, kurz nachdem er im Flur darum gebeten hat,
       die Schuhe auszuziehen, und ein Glas Wasser einschenkt. Dann erzählt er,
       wie er als junger Mensch auf den Spuren Maos, dessen „Bibel“ er in der
       deutschen Erstausgabe besitzt, nach China ging und als an Shintoismus und
       Buddhismus interessierter Kosmopolit zurückkehrte. „Ich bin dem Weg des
       Buddhismus gefolgt“, sagt er, „ich habe gelernt, wie sich die Kulturen
       begegnen und transformieren, wie alles miteinander verbunden ist.“
       
       Abraham David Christian selbst ist das beste Beispiel für die Begegnung der
       Kulturen, für die Verbindung von scheinbaren Gegensätzen. In den USA hat er
       Wahlkampf für Barack Obama und Bernie Sanders gemacht, in Deutschland
       unterstützt er die jungen Aktivist*innen von Fridays for Future, erzählt
       aber auch, wie gern er seinen alten Mercedes mit Klappdach fährt: „Ich bin
       die Generation Automobil.“ In seinem äußeren Auftreten wirkt er mit Hemd,
       Sakko und Stoffhose in gedeckten Farben und getönten Haaren fast spießig,
       beamtisch korrekt – und tatsächlich ist er als Hochschullehrer auf
       Lebenszeit an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim ja auch deutscher
       Beamter. Aber in seinen Worten und Gedanken, in dem, was aus seinem Inneren
       nach außen dringt, ist er ganz buddhistischer Lehrmeister.
       
       Die Antwort auf die Frage, was diesen Menschen im Kern beschäftigt, sind
       gesammelte Dinge, fragmentarische Sätze und Gesten: Zwei Fäuste
       gegeneinander, weil er immer wissen wollte, warum Menschen kämpfen, Kriege
       führen, und dafür die Spannungen in sich selbst ausgelotet hat. Dieser
       Satz: „Ich möchte glücklich sterben und möglichst wenig andere Menschen
       belästigt haben.“ Das kleine Skulpturenkabinett hinter der weißen Tür ohne
       Klinke: Neben den eigenen, aktuellen Eisenskulpturen, die er nach
       Scherenschnitten gießen lässt und die organisch nach oben zu wachsen
       scheinen, stehen Buddhas, die er in Birma erworben oder im
       pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet vor der Zerstörung durch die Taliban
       gerettet hat.
       
       „Ich weiß nicht genau, aus welchen Jahrhunderten sie stammen und wer sie
       gemacht hat“, sagt er. Und hofft, dass es den Menschen mit seinen
       Skulpturen irgendwann ähnlich geht, die er gern mit einem Zitat von Nam
       June Paik in die Gießerei gibt: „When too perfect lieber Gott böse.“
       
       Bis 4. Oktober, Kunstmuseum Bochum, www.kunstmuseumbochum.de
       
       28 Jul 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Max Florian Kühlem
       
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