# taz.de -- „Guardian“ entlässt Zeichner Steve Bell: Schluss mit lustig
       
       > Der „Guardian“ trennt sich vom langjährigen Cartoonisten. Man müsse
       > sparen, heißt es. Aber es gab auch immer wieder Kritik an Steve Bell.
       
 (IMG) Bild: Spitzt bald nicht mehr für den „Guardian“ seine Stifte: Zeichner Steve Bell
       
       Dublin taz | Es wird wohl demnächst weniger Spaß machen, den [1][Guardian]
       zu lesen. Die britische Tageszeitung wird den Vertrag mit dem Cartoonisten
       Steve Bell nicht verlängern. 2021 ist für ihn Schluss – nach 40 Jahren. Das
       Blatt müsse sparen, heißt es, 180 Menschen sollen wegen der Coronakrise und
       der sinkenden Auflage entlassen werden.
       
       Wer in Bells Karikaturen auftaucht, hat nichts zu lachen – der Betrachter
       aber umso mehr. Bell nimmt die Regierenden und die Mächtigen aufs Korn, oft
       mit boshafter Überspitzung. Er zeichnete zum Beispiel den damaligen
       Premierminister John Major stets als gescheiterten Superhelden, der seine
       Unterhose über der Hose trägt.
       
       Auch die Nachfolger – der henkelohrige Tony Blair, David Cameron mit
       Kondom über dem Kopf und die spitznasige Theresa May – wurden nicht
       verschont. Und [2][Boris Johnson] erst recht nicht. Bell zeichnet ihn als
       Mona Lisa, aber mit Arschgesicht unter dem blondem Haarschopf.
       
       Einige hingegen dürften ganz froh sein, auch im Guardian, dass Bells
       Vertrag nicht verlängert wird, denn er hat für manche Kontroverse gesorgt.
       Voriges Jahr durfte sein Cartoon nicht erscheinen, in dem der als
       Hexenjäger verkleidete damalige Labour-Vize Tom Watson Israels
       Regierungschef Benjamin Netanjahu verfolgt. Es ist eine Kritik an Watson
       und den Linken, die überall in der Labour Party antisemitische Sprachbilder
       wittern. Bell zeichnete in diesem Fall Netanjahu selbst als antisemitisches
       Sprachbild.
       
       ## Bell beklagte „visuelle Prüderie“
       
       Bell wies jegliche semiotische Deutungen oder Interpretationen seiner
       Werke vor historischem Kontext zurück. „Ich vermute, der wahre Grund ist,
       dass die Zeichnung gegen eine mysteriöse Blattlinie zum Thema
       Antisemitismus verstößt“, schrieb Bell an die Chefredaktion. „Das ist
       irgendwie beunruhigender als die fadenscheinigen Vorwürfe des
       Antisemitismus.“
       
       Ein anderes Cartoon, das von der Chefredakteurin Katharine Viner kassiert
       wurde, zeigte Netanjahu und Theresa May bei ihrem Treffen in der Downing
       Street im Sommer 2019. Zwischen den beiden, im Kamin, stand das Bild von
       Rouzan al-Najjar mit brennendem Kopftuch. Sie war eine palästinensische
       Rettungshelferin, die 2018 im Gazastreifen von israelischen
       Sicherheitskräften getötet worden war, als sie Sanitätsdienst während der
       Proteste an der Grenze verrichtete.
       
       Die Meinungsredaktion hielt das Cartoon für beleidigend, weil sie in dem
       bildlichen Akt des „Verbrennens“, der hier mit einem jüdischen Politiker
       als Täter in Verbindung gebracht wurde, eine Schuldumkehr sah. Bell
       reagierte wütend. Er habe beim Zeichnen nicht im Entferntesten an den
       Holocaust gedacht. Im Übrigen sei er besorgt über die „zunehmende visuelle
       Prüderie“.
       
       Eigentlich hat Bell, der aus London stammt, längst das Pensionsalter
       erreicht. Er ist 69. Nach seinem Schulabschluss studierte er Kunst im
       nordenglischen Leeds. Dort begegnete er dem Cartoonisten Kipper Williams
       und begann ebenfalls zu zeichnen. Nebenbei studierte er auf Lehramt und
       unterrichtete danach Kunst in Birmingham, bis er den Job nach einem Jahr
       schmiss und als freier Cartoonist arbeitete.
       
       ## Johnson muss bangen
       
       Seinen Durchbruch schaffte er mit [3][„Maggie’s Farm“], einer sarkastischen
       Comicserie über die frisch gewählte Margaret Thatcher. Sie erschien im
       Londoner Stadtmagazin Time Out und erreichte ein breites Publikum. Das
       verhalf ihm 1981 zu einer Festanstellung beim Guardian, wo er drei Jahre
       zuvor abgelehnt worden war. Seitdem wurde Bell zehnmal zum besten
       englischen Cartoonisten gewählt. Trotzdem muss er nun gehen.
       
       Vor zehn Jahren sagte Bell über politische Cartoons: „Ich bin optimistisch.
       Cartoons werden gebraucht, weil die Politik so visuell geworden ist.“
       Inzwischen hat die New York Times ihre tägliche politische Karikatur
       eingestellt, weil es Ärger wegen Vorwürfen des Antisemitismus zu einer
       Zeichnung gegeben hatte. [4][Darin war Netanjahu als Blindenhund mit
       Davidstern gezeichnet worden].
       
       „Wenn du über deine Herrscher lachen kannst, schneidest du ihnen nicht den
       Kopf ab“, sagte der ehemalige Tory-Vorsitzende Kenneth Baker einmal. Wenn
       Bell nun ins Cartoon Museum in der Londoner Wells Street umsiedeln muss,
       könnte es demnach gefährlich für Boris Johnson werden.
       
       23 Jul 2020
       
       ## LINKS
       
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