# taz.de -- Corona-Lage weltweit: Kein Ende in Sicht
       
       > Global gesehen ist die Coronapandemie nicht vorbei, sondern auf ihrem
       > Höhepunkt. Dabei ist nicht Armut das Problem – vielmehr politisches
       > Versagen.
       
 (IMG) Bild: Weiterhin ist Wachsamkeit geboten: In einem Coronatestzentrum in Köln am 5. Juni
       
       Wer das öffentliche Leben in Deutschland verfolgt, kann leicht den
       [1][Eindruck bekommen, dass die Coronakrise weitgehend vorbei] ist.
       Geschäfte und Unternehmen haben den Betrieb wieder aufgenommen, in den
       Schulen läuft der Unterricht wieder an, die Straßen sind fast so voll wie
       vor der Epidemie. Die täglichen Lageberichte des Robert-Koch-Instituts – am
       Freitag ist der 100. erschienen – werden kaum noch wahrgenommen.
       
       Und tatsächlich ist Deutschland ja sehr viel besser durch die Krise
       gekommen, als anfangs befürchtet wurde. [2][Mit 8.800 Menschen sind bisher
       weniger Menschen gestorben] als die 12.000, von denen das Innenministerium
       Ende März in seinem optimistischsten Szenario ausgegangen war – und nur ein
       winziger Bruchteil der 1,2 Millionen, mit denen für den schlimmsten Fall
       gerechnet wurde. Auch die Befürchtung vieler ExpertInnen, dass die
       Fallzahlen mit der Lockerung der Beschränkungen schnell wieder ansteigen
       werden, hat sich glücklicherweise bisher nicht bestätigt.
       
       Doch der Blick auf Deutschland und Europa allein täuscht. Global gesehen
       ist Corona keineswegs auf dem Rückzug. Im Gegenteil: Die Zahl der
       weltweiten Neuinfektionen steigt weiterhin auf immer neue Rekorde.
       Lediglich der geografische Schwerpunkt hat sich verlagert.
       
       Vor allem in Lateinamerika zeigen die Kurven jetzt steil nach oben: Mit
       über 20.000 bestätigten Infektionen und mehr als 1.000 Covid-19-Toten am
       Tag hat sich Brasilien inzwischen vor die USA geschoben. Auch in Mexiko und
       Chile steigen die Zahlen stark an. In Asien sind Indien und Pakistan
       besonders betroffen. Und weil in diesen Ländern relativ wenig getestet
       wird, dürfte die Dunkelziffer noch weitaus höher sein als in Europa.
       
       Ausschlaggebend für den starken Anstieg ist nicht primär die Armut breiter
       Bevölkerungsteile in diesen Ländern. Auch wenn beengte und unhygienische
       Lebensverhältnisse und ökonomischer Druck das Ansteckungsrisiko erhöhen –
       was auch die Ausbrüche unter Erntehelfern und in Schlachtbetrieben in
       Deutschland belegt haben –, zeigen die großen Unterschiede unter Ländern in
       vergleichbaren wirtschaftlichen Situationen, dass vor allem die Politik
       dafür entscheidend ist, wie stark ein Staat von Corona betroffen ist.
       
       ## Fehler der Vergangenheit rächen sich
       
       Zum einen rächen sich jetzt Fehler der Vergangenheit: Je stärker das
       öffentliche Gesundheitssystem kaputtgespart und privatisiert wurde, desto
       schlimmer sind die Auswirkungen des Virus. Zum anderen zeigt sich – wie
       zuvor unter den Industrienationen schon in den USA und Großbritannien zu
       beobachten war –, wie sehr gerade populistische und rechtsgerichtete
       Regierungen in der Krise versagen.
       
       [3][Ob Jair Bolsonaro in Brasilien] oder Sebastián Piñera in Chile: Es sind
       vor allem konservativ-nationalistische Staatschefs, die an der Coronakrise
       scheitern. Ihre Kombination aus Allmachtsfantasien,
       Wissenschaftsfeindlichkeit und Desinformiertheit erweist sich in der
       Coronakrise als tödlich.
       
       Das steht in einem deutlichen Gegensatz zu Deutschland, wo es zwar auch
       einzelne Fehleinschätzungen gegeben haben mag, wo aber die Beteiligten
       stets den Eindruck vermittelten, auf Basis des jeweiligen Kenntnisstands
       die beste Entscheidung zu treffen, um das Risiko so weit wie möglich zu
       verringern. Damit das so bleibt, ist aber weiterhin Wachsamkeit geboten.
       Einen Beitrag dazu kann die neue Corona-App leisten, die nächste Woche
       startet – zwar viel später als geplant, aber dafür offenbar technisch
       ausgereift und datenschutzrechtlich unbedenklich. Es ist zu hoffen, dass
       sie von vielen genutzt wird.
       
       Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es trotz der inzwischen deutlich
       geringeren Zahl von Infektionen auch in Deutschland jederzeit lokal zu
       neuen Ausbrüchen kommen kann, offenbar vor allem durch größere
       Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen und durch beengte
       Arbeitsverhältnisse. Auch bei uns ist die Coronapandemie noch lange nicht
       vorbei.
       
       12 Jun 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Umgang-mit-Corona-Lockerungen/!5690737
 (DIR) [2] https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html
 (DIR) [3] /Corona-in-Brasilien/!5692357
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Malte Kreutzfeldt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Jair Bolsonaro
 (DIR) USA
 (DIR) Schweden
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Donald Trump
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Corona Live-Ticker
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Gesundheit
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Donald Trump
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Corona-Pandemie in Indien: Drittmeisten Infektionen der Welt
       
       In Indien ist der Pandemie-Verlauf regional sehr unterschiedlich. Eine hohe
       Dunkelziffer wird befürchtet. Armut nimmt dramatisch zu.
       
 (DIR) Medikament gegen Covid-19: USA sichern sich Remdesivir-Bestand
       
       Die US-Regierung hat fast die komplette Produktionskapazität bis September
       aufgekauft. Das Medikament kann die Genesungszeit verkürzen.
       
 (DIR) Q&A zur deutschen Corona-App: Warnung nur auf neuen Handys
       
       Nützt sie was? Ist sie wirklich unbedenklich? Und wenn ja: Wer kann sie
       installieren? Fragen und Antworten zur Corona-App.
       
 (DIR) +++ Corona News am 13. Juni +++: Wohnviertel in Peking abgeriegelt
       
       Nach einem neuen Ausbruch leiten Chinas Behörden rigide Maßnahmen ein.
       Brasilien wird zum Pandemie-Hotspot. Und in Japan gibt's Karaoke nur mit
       Mundschutz.
       
 (DIR) RKI zu Corona in Flüchtlingsunterkünften: Massenquarantäne vermeiden
       
       In einem unveröffentlichten Papier gibt das RKI Hinweise zu Corona in
       Sammelunterkünften. Der Inhalt deckt sich mit den Forderungen von
       Geflüchteten.
       
 (DIR) +++ Corona News am 11. Juni +++: Weitere Proteste gegen Bolsonaro
       
       Sonntag wollen Brasilianer:innen wieder gegen den Präsidenten
       demonstrieren. EU will Einreisestopp aufheben. Nachrichten zum Coronavirus
       im Live-Ticker.
       
 (DIR) Corona-Katastrophe in den USA: Revolte als Selbstzweck
       
       Konservative Anarchisten sind für die 100.000 Pandemie-Opfer in den USA
       verantwortlich. Es ist an der Zeit, Donald Trump anders zu lesen.