# taz.de -- Der Zwang zur sinnproduzierenden Verkettung von Kunst und Welt
       
       > Treppen, Trichter und Trompeten: Erinnerungen an „Jüngstes Gericht“,
       > Werke des britischen Bildhauers Anthony Caro (1924–2013) in der
       > Gemäldegalerie Berlin
       
 (IMG) Bild: Anthony Caro, Shades of Night (The Last Judgement Sculpture), 1995–1999, Beton, Holz, Messing und Stahl, Sammlung Würth
       
       Von Dominikus Müller
       
       Es ist noch gar nicht lange her, nur ein paar Wochen. Aber es war eine
       andere Welt, eine andere Zeit. Man konnte noch in Ausstellungen gehen, man
       konnte noch Kunst angucken und das nicht am Bildschirm, sondern mit dem
       eigenen Körper, den man durch echte Räume bewegte, die nicht die eigene
       Wohnung, der Supermarkt oder die Apotheke sind. In der Berliner
       Gemäldegalerie hatte ich damals eine Ausstellung von Anthony Caro gesehen,
       einem britischen Bildhauer und ehemaligen Assistenten von Henry Moore,
       geboren 1924 und gestorben 2013. Ein Mensch und Künstler ganz 20. und eben
       nicht 21. Jahrhundert: Einer, der mit eleganten und meist farbigen
       skulpturalen Assemblagen aus wuchtigem Stahl in den 1960er Jahren erst
       versuchte, in der puren Abstraktion jegliche Verweise auf die Welt da
       draußen aus seinen Arbeiten zu tilgen; und einer, der in seinem Spät- und
       Alterswerk die Darstellung der Welt über den Umweg des Mythologischen,
       Allegorischen und Narrativen wieder in sein Werk zurückholte und zu den
       wirklich klassischen Themen zurückkehrte: Ins antike Griechenland mit einer
       Art freistehendem monumentalen Fries aus rostigem Stahl namens „After
       Olympia“; oder aber zum biblischen Jüngsten Gericht in dieser
       Skulpturengruppe, die seit Ende letzten Jahres eben in der Berliner
       Gemäldegalerie steht und dort noch bis zum Juli dieses Jahres zu sehen
       wäre, hätte das Museum denn nur geöffnet.
       
       Diese „The Last Judgement Sculpture“ – Caro hat sie in den 1990er Jahren,
       da war er auch schon über 70, unter dem Eindruck der Gräueltaten der
       Balkankriege geschaffen – geizt nicht mit gewichtigen Referenzen an die
       Schrecken der letzten Tage, an Himmelstore, Jakobsleitern, Sünden wie
       Habgier und Neid, an die griechische Mythologie und das menschengemachte
       Leid von Gefangenschaft, Folter und Genozid. Konkrete Bezüge auf die
       Schrecken des 20. Jahrhunderts werden dabei abstrahiert und in eine
       Geschichte von den großen und vermeintlich überzeitlichen Menschheitsthemen
       eingeschrieben. Es geht ja um die letzten, die wirklich wichtigen Dinge,
       die hier in wuchtigen, meist seltsam schaukastenartig organisierten,
       auratisch beleuchteten Skulpturen versinnbildlicht werden. Und in einer Art
       Kirchenschiff, das man durch einen Glockenturm betritt, kreuzwegähnlich
       angeordnet werden. Überall: Viel rostiges Metall, viel grober Stein, viel
       raues Holz, wuchtig und schwer; überall: Treppen, Leitern, Trichter,
       Ketten, Trompeten, erhobene Hände, verklumpte Körper, erstickte Schreie.
       Ziemlich viel alles. Vom Standpunkt heutiger Kunstproduktion aus, mit ihrem
       Fokus auf Sprecherpositionen, Situiertheit, Institutionskritik und
       Identitätspolitik: zu viel. Zu viel Symbolik, zu viel Erdenschwere, vor
       allem: zu viel Verallgemeinerung im ewigen Mythos. Als ich diese Skulptur,
       mit deren Präsentation die Gemäldegalerie eigentlich einen
       „kunsthistorischen Zeitsprung“ wagt, wie es im Ankündigungstext so schön
       heißt, und damit eine gewisse Relevanz der im Jüngsten Gericht behandelten
       „fundamentalen Fragen“ für das hier und heute behauptet, vor ein paar
       Wochen also sah, fand ich sie genau deswegen interessant, weil sie zum
       einen so gar nicht ins Heute passen wollte, zum anderen aber, aus der Zeit
       gefallen, wie sie war, eine interessante Kontrastfolie und einen möglichen
       Anknüpfungspunkt bot.
       
       ## Urplötzliche Aktualität
       
       Das war vor ein paar Wochen. Heute kann man beinahe nicht anders, als die
       urplötzliche Aktualität derartiger Endzeitszenarien zu konstatieren.
       Weltuntergangsstimmung, Jüngstes Gericht, Ausnahmezustand, Rückkehr der
       großen Fragen und so weiter. Es ist schon eine seltsame Überzeugungskraft,
       die derartig ungewollte Kurzschlüsse des eigentlich Zufälligen über die
       Zeiten hinweg zu fabrizieren imstande ist. Und es ist faszinierend zu
       beobachten, wie offen und kontextabhängig dann auch die denkbar
       aufgeladenste und inhaltlich fixierteste Kunst noch ist; ebenso, welchem
       Zwang zur sinnproduzierenden Verkettung von Kunst und Welt (und allem
       anderen) man selbst unterliegt, gerade in Zeiten wie diesen, in denen
       Gewissheiten über Nacht entsorgt werden.
       
       Gleichzeitig sind solche Lesarten aber natürlich große Vereinfachungen.
       Interessanter als der Kurzschluss der apokalyptischen Vergangenheit mit der
       apokalyptischen Gegenwart ist für mich gerade etwas anderes: An Caros
       altmodischer Skulptur wird in Zeiten geschlossener Ausstellungen und der
       Umstellung auf Online-Viewing-Rooms, virtuelle Museen und Insta-Stories
       noch einmal deutlich, was mit der körperlichen Dimension in der Erfahrung
       von Kunst alles verloren geht, was auf der Strecke bleibt und sich über
       kurz oder lang nicht in den digitalen Raum hinüberretten lässt. Denn so
       unmittelbar evident die Gegenwartsrelevanz von Caros Skulptur auf der
       symbolischen Ebene sein mag, geht im Gegenzug gerade ihre Körperlichkeit
       verloren und rückt noch weiter in die Vergangenheit: Die
       Oberflächenbeschaffenheit ihres Steins, die Ruppigkeit der Holzverschläge,
       der Rost auf diesem Stahl, all das. Der Symbolismus dieses Werks –
       geschenkt! Die unmittelbare Haptik dieser Werke, ihre buchstäbliche
       Griffigkeit, körperliche Präsenz – ja bitte! Gut möglich, dass man, haben
       die Museen erst einmal wieder geöffnet, gerade diese körperliche Dimension
       von Kunst nach Monaten des Entzugs wieder anders wertschätzt. Ebenso gut
       möglich aber, dass sich in der momentanen Übergangssituation ein größerer
       Shift hin zum Digitalen auch in der bildenden Kunst vollzieht. Man wird
       sehen, in ein paar Wochen, in ein paar Monaten.
       
       Bis 12. Juli. Derzeit geschlossen
       
       16 Apr 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominikus Müller
       
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