# taz.de -- Vom Verschwinden 
       
       > Die Schinkel-Pavillon-Performance-Reihe „Disappearing Berlin“ ist
       > keineswegs nur Abgesang, sondern produziert neue Erzählungen davon, wie
       > man sich einen Raum nimmt und dort etwas macht, für einen Tag oder eine
       > Nacht
       
 (IMG) Bild: … Die Hässlichen Vögel in der Luxusmall Quartier 206 in der Friedrichstraße
       
       Von Dominikus Müller
       
       Zur Berliner Geschichte – oder besser: zu den Geschichten, die man sich in
       Berlin über Berlin erzählt – gehört auch die Erzählung vom Verschwinden der
       sogenannten Freiräume. Davon gab es hier früher angeblich einmal sehr viel
       mehr, besonders natürlich in den mythenumrankten neunziger Jahren, in denen
       man sich in leeren Gebäuden in Berlin-Mitte die Nächte in improvisierten
       Clubs und Kellerbars und Galerien mit Stehausschank um die Ohren schlug,
       als gäbe es kein Morgen (und bezeichnenderweise auch kein Gestern). Man
       kennt das, es ist inzwischen hinlänglich kanonisiert. Natürlich hängt es
       davon ab, wen man fragt, und wahrscheinlich hat man es bei der Geschichte
       vom nun allmählich endgültigen Verschwinden dieser eh schon temporären
       Räume auch nur mit der Generationenerzählung einer bestimmten Zuzugskohorte
       zu tun, nämlich der meinigen, die um die Jahrtausendwende nach Berlin kam.
       Denn während die Bundesregierung vom Rhein an die Spree zog, der neue
       Bürgermeister das Prekäre, Übergangshafte und Ungesicherte der
       unmittelbaren Nachwendejahre in einer schnoddrigen „Arm, aber
       sexy“-Marketing- und Standortrhetorik verbrämte und die Stadt parallel ihre
       Wohnungsbaubestände an Investoren verscherbelte, begann man damals
       allmählich, den Neuankömmlingen zu erzählen, dass das Beste – eben: die
       Neunziger – grade vorbei wäre. Zu spät gekommen. Pech gehabt. Ab hier ist
       alles „normal“.
       
       Seitdem kursieren in dieser Stadt immer blasser werdende Schrumpfformen
       dieser spezifisch Berliner Variante des „Früher war alles besser“. So gut
       wie alle, die ein paar Ausgeh- und Rumstehjahre hinter sich haben, haben
       irgendwann Geschichten von längst verschwundenen Räumen und Orten parat, an
       denen man diesen oder jenen Sommer verbracht hat oder auch nur eine
       legendäre Nacht, an der man den oder die geküsst hatte, sich verliebt
       hatte, diese Ausstellung gesehen oder eine viel zu große Ecstasypille …
       Weißt du noch? – War das bei … – Stand da mal … – Genau. Und auch wenn die
       Orte in den Erzählungen über die Jahre variierten, so war diese Kontinuität
       des Verschwindens doch etwas, was über die Generationen hinweg zumindest in
       den narrativen Strukturen eine Art Gemeinsamkeit stiftete. Nicht dass auch
       andere Städte früher mehr städtischen Freiraum zu bieten gehabt hätten,
       nicht dass auch anderswo ähnliche Mechanismen von Aufwertung und
       Verdrängung greifen. Und sowieso: Gehört die ständige Bewegung, das
       Neumachen, Überschreiben und Überbauen, auch jenseits von Schlagworten wie
       Gentrifikation nicht grundlegend zur Dynamik des Urbanen? In Berlin aber
       ging das eben nicht nur besonders schnell und war besonders radikal; die
       Gegenwart der Stadt hat mit dem Mauerfall zudem eine Art imaginiertes
       Anfangsdatum und mit den Neunzigern noch eine recht nahe und für die
       Identität der Stadt zentrale goldene Zeit. Von hier aus ist es ein
       leichtes, den Lauf der Geschichte als Verlustgeschichte zu erzählen.
       
       Eine Veranstaltungsreihe wie die des Schinkel Pavillons namens
       [1][„Disappearing Berlin“], also „verschwindendes Berlin“, schreibt sich –
       ob nun gewollt oder nicht – unweigerlich in dieses Narrativ ein. Besonders,
       wenn man die vorerst letzte Veranstaltung dieser einjährigen nomadischen
       Reihe mit Performances und Konzerten an prekären Übergangsorten,
       Umnutzungen, geschichtlich aufgeladenen Markierungen oder Leerstellen im
       städtischen Gefüge augenzwinkernd „Another Last Time“ nennt: ein weiteres
       letztes Mal, an einem weiteren verschwindenden Ort. Es geht etwas zu Ende.
       Und es geht natürlich trotzdem weiter, irgendwie. Gleichzeitig führt die
       Reihe die Geschichte vom Verschwinden selbst auf. Und zwar, indem sie sie
       Kunst werden lässt. Sie zeigt damit wohl auch ein wenig auf das Ende dieser
       Erzählung. Um nur einmal eine kleine Auswahl der Veranstaltungen und ihren
       Orten zu nennen: eine Aufführung von Julius Eastmans Minimal-Music-Stück
       „Gay Guerilla“ durch ein E-Gitarristinnen-Ensemble im leerstehenden
       Postbankhochhaus in Kreuzberg, einem Haus, das jahrelang Gegenstand eines
       Tauziehens zwischen einem privaten Investor und dem Bezirk war; eine
       Performance des Tanzkollektivs Young Boy Dancing Group in der Sandgrube
       einer Baustelle am Salzufer, wo aufgrund des Bebauungsplans nur
       Bürokomplexe statt der gebrauchten Wohnungen errichtet werden dürfen; ein
       Konzert von Billy Bultheel auf dem Dach von Álvaro Siza Vieiras
       IBA-87-Ikone an der Ecke Schlesische Straße, einem Gebäude, das in Berlin
       nach einem Graffiti auf der Betonwand nur als „Bonjour Tristesse“ bekannt
       ist; aber auch ein Konzert der Punkband Die Hässlichen Vögel in der 1997
       eröffneten Vorzeige-Luxusmall „Quartier 206“ in der Friedrichstraße, aus
       der all die High-Class-Mieter wie Gucci, Saint Laurent oder Louis Vuitton
       schon längst wieder ausgezogen sind. Die bis dato letzte Veranstaltung fand
       im Januar 2020 mit dem Künstler Mohamed Bourouissa und anderen in Clärchens
       Ballhaus in der Auguststraße in Mitte statt. Da war dieses in Berlin
       legendäre Ballhaus mit Spiegelsaal und Restaurantbetrieb gerade erst
       geschlossen. Gegenwärtig wird es mit ungewisser Zukunft als „Eventlocation“
       genutzt.
       
       Jenseits ihres jeweiligen künstlerischen Gehalts haben all diese
       Aufführungen, Performances und Konzerte vor allem die Funktion, die
       leerstehenden Gebäude, Architekturikonen, die historisch aufgeladenen
       Räume, dysfunktionalen Shoppingmalls, die versteckten Parkdecks und die
       Baustellensandgruben zu „aktivieren“, wie es in der Sprache der
       zeitgenössischen Kunst so schön heißt. Die Orte werden immer mit
       ausgestellt, rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit. „Disappearing Berlin“
       deckt dabei nicht nur eine bestimmte Bandbreite ab, sondern spielt auch
       eine gewisse Geschichtlichkeit und Bedeutung der entsprechenden Orte nach
       vorne. Natürlich ist die Reihe vor den Problemen einer kurzfristigen und in
       die Zyklen der Verwertung integrierten Zwischennutzung nicht gefeit, die
       Orte dadurch aufwertet, dass sie sie mit Geschichte, kulturellem Kapital
       und natürlich am liebsten mit cooler Kunst anreichert. Und natürlich kann
       man der Reihe vor diesem Hintergrund auch vorwerfen, dass die Frage nach
       den Freiräumen heute vielleicht weniger eine von kurzfristigen
       Interventionen ist, sondern eher von langfristigem, in letzter Instanz
       lokal-nachbarschaftlich verankertem Engagement, das Freiräume, sind sie
       einmal aufgeschlossen, erhält und damit auf eine Weise auch
       institutionalisiert.
       
       Gleichzeitig, und das wird an „Disappearing Berlin“ dann auch deutlich,
       geht es manchmal gerade nicht um Verstetigung. Denn was solche Orte ja
       gerade so spannend macht, ist das Offene im Sinne eines Übergangs, ist der
       Moment der Unbestimmtheit, in dem verschiedene Zeiten, Geschichten und
       Funktionen in ihrer Überlagerung sichtbar werden. Entsprechend vorsichtig
       geht die Reihe dann auch vor. Der entsprechende Genius Loci der
       ausgewählten Orte wird, so hat man den Eindruck, weniger abgegriffen als
       vielmehr, zerbrechlich und flüchtig wie er ist, bewusst gemacht und
       ausgestellt. Und das macht dann eben doch einen Unterschied.
       
       Und schließlich zeigt der Schinkel Pavillon mit „Disappearing Berlin“ nicht
       nur auf das titelgebende Verschwinden von Freiräumen in dieser Stadt,
       sondern auch auf das Entstehen von neuen Zwischenräumen – siehe:
       Shoppingmall, siehe: Baugrube. Auch wenn man sich heute vielleicht
       nirgendwo mehr einfach so reinschleichen und loslegen kann, sondern
       stattdessen langwierig mit Zuständigen verhandeln muss und dazu auch noch
       den nicht immer unproblematischen Schutzmantel der Kunst braucht, entstehen
       dabei ja sowieso schon längst neue Erzählungen davon, wie man sich einen
       Raum nimmt, wie man mit ihm und seiner Geschichte umgeht und dort etwas
       macht, für einen Tag, für eine Nacht. Weißt du noch? – War das bei … –
       Stand da mal … – Genau.
       
       Disappearing Berlin: Das für heute (Samstag) geplante „Another Last Time“
       in der Hasenheide 13 wird aus bekannten Gründen vorsorglich abgesagt.
       
       14 Mar 2020
       
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