# taz.de -- Halt verlieren, um ihn zu gewinnen
       
       > Erkenntnis in der Dunkelheit erfahren: Die seltsame Serie „Night Watch“,
       > Langzeitbelichtungen des britischen Fotografen Ian Wiblin, fordert das
       > Sehen heraus. Im Sprengel Museum Hannover
       
 (IMG) Bild: Ian Wiblin, „Swamp“, aus: „Night Watch“, Serie von 48 Fotografien, 1995
       
       Von Radek Krolczyk
       
       Dass Nachtaufnahmen uns die Welt erleuchten, klingt zwar schön, aber
       plausibel ist es nicht. Denn wenn die Nacht sich über die Welt gelegt hat,
       werden wir erst einmal orientierungslos und verlieren den Halt. Zunächst –
       denn mit etwas Anstrengung und etwas Zeit gewöhnen sich unsere Augen an die
       Situation. Dennoch bleibt die Frage, warum man sich von der Nacht unbedingt
       ein Bild machen will.
       
       Der Fotograf Ian Wiblin beschäftigte sich 1994 und 1995 während eines
       Stipendienaufenthalts mit der englischen Universitätsstadt Cambridge und
       ihrer sumpfigen Umgebung. Die Aufnahmen machte er nachts, was zu einer
       Serie pechschwarzer Bilder führte, die, so könnte man denken, vielleicht
       besser tagsüber gemacht worden wären. Denn nun, wo sie unter dem Titel
       „Night Watch“ im Sprengel Museum in Hannover zu sehen sind, wird klar: Das
       Anschauen dieser Nachtbilder ist anstrengend, und die Szenerien sind etwas
       beängstigend.
       
       Fotografie ist ein Medium der Ermächtigung. Der Fotograf schaut, dann
       definiert er Gegenstand und Ansicht, schließlich „nimmt“ er das so
       produzierte Bild und überreicht es seinen Betrachter:innen. Im
       Englischen heißt es einigermaßen gewaltsam: „to take a photograph“. Das
       Bild, das Ian Wiblin uns überreicht, aber nimmt zunächst einmal uns. Denn
       es zieht uns in seine schwarzen Tiefen hinein. Und weil wir uns in all
       dieser Schwärze im ersten Moment noch nicht zurechtzufinden wissen,
       verlieren wir uns darin.
       
       Wiblins Langzeitbelichtungen, quadratische Großformatfotografien, könnte
       man als pechschwarz bezeichnen, tatsächlich aber setzen sie sich aus einer
       riesigen Palette verschiedener Nuancen von Pech zusammen. Verschiedene
       Arten Schwärze schieben sich in Flächen übereinander: Es sind schwarze
       Flächen von Himmel, Wänden und Asphalt. Wie Vorhänge scheinen sie Mal um
       Mal eine Sicht zu verhängen, statt zu eröffnen.
       
       ## Räumliche Tiefe
       
       Konzentriert man sich auf die Verteilung der Schwärze auf den gerahmten
       Fotobögen, so ergeben sich plötzlich äußerst detailreiche Bilder von
       historistischen Innenräumen, Straßen und Häusern einer Stadt und einer karg
       bewachsenen Landschaft. Diese Bilder weisen dann eine sehr starke räumliche
       Tiefe auf. Der sich ursprünglich in der Schwärze verlierende Blick findet
       nun in den fernen Details der Bildtiefe erneut Halt. Der zunächst
       entmachtete Blick kehrt so gestärkt zurück auf seinen Thron. Man muss
       vielleicht erst den Halt verlieren, um neuen gewinnen zu können.
       
       Wiblins Bilder wechseln zwischen Cambridge und den umgebenden
       Sumpfgebieten. Die Szenen der Stadt wechseln, man sieht den modernen
       Flachbau der Kunstfakultät, die Rundbögen der Bibliothek der
       Rechtswissenschaft aus den 30er Jahren und die Silhouette der
       King’s-College-Kapelle aus dem 15. Jahrhundert. Diese disparaten Bauten
       werden erst in Wilbins sehr spezifischen, finsteren Aufnahmen miteinander
       verbunden. Die gemeinsame Stimmung der Bilder erst zieht sie zu einer
       städtischen Landschaft zusammen.
       
       Stärker noch verhält es sich mit den Aufnahmen der Sümpfe, die mittels der
       gemeinsamen Farbstimmung den Raum mit der Stadt teilen. Auf manchen
       Aufnahmen lässt sich der Standort nicht sofort bestimmen, mischen sich
       Natur und Stadt auf eine seltsame Art. Einmal etwa steht ein Laternenmast
       zwischen dünnen Bäumen. Mit all den Abschürfungen auf seiner Oberfläche
       ähnelt er sich den Stämmen an. Besonders ist allerdings, dass von seinem
       oberen, unsichtbaren Teil Licht ausgeht, das die gesamte Szenerie überhaupt
       erst sichtbar macht.
       
       Historisch disparate Orte waren öfter schon Thema in den Arbeiten des 1960
       in Yorkshire geborenen Künstlers, der heute an der Universität in Wales
       unterrichtet. 1989 und 2007 beschäftigte er sich mit der deutschen
       Geschichte der heute polnischen Stadt Wrocław. Ähnlich wie bei der
       Cambridge-Serie tat er es anhand der architektonischen Oberflächen.
       
       In „Night Watch“ schieben sich die historischen Architekturen als Kulissen
       durch die Bilder. Die Schichtung der dunklen Flächen als Vorhänge verstärkt
       diesen Eindruck. Einige Aufnahmen gelten den Innenräumen des Fitzwilliam
       Museum aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem die historischen Sammlungen
       der Universität aufbewahrt werden. Wenn man die Säulen der Eingangshalle in
       Wiblins dunklen Bildern betrachtet, fällt ihre Künstlichkeit auf, und das
       Material, aus dem sie sind, wirkt weich und geschmeidig. In all der
       Dunkelheit dringt dann Licht durch jede Ritze des gipsernen Ornaments.
       
       Es ist eine seltene und seltsame fotografische Strategie, mittels
       Bildverhängung eine Bildöffnung zu betreiben. Die Dunkelheit verdeckt das
       Faktische und fordert Projektion, Wiblins Dunkelheit zwingt den Betrachter
       hingegen zur genauen Betrachtung. Projektion weicht der Erkenntnis.
       
       Bis 24. Mai, Sprengel Museum, Hannover
       
       21 Feb 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Radek Krolczyk
       
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