# taz.de -- Fashion Week Berlin: „Sich verlieren in Berlin“
       
       > Warum Berlin eine Modestadt ist und eine Tendenz zum Eskapismus hat,
       > erklärt der Modejournalist und Autor Fabian Hart im Interview.
       
 (IMG) Bild: Eine Kreation des Labels „Riani“ auf der Berliner Fashion Week
       
       taz: Ist Berlin eine Modestadt? 
       
       Fabian Hart: Diese Frage stellen sich Journalisten, glaube ich, mit jeder
       Saison, und das alleine ist ja auch schon ein Zeichen dafür, dass man sich
       da nicht einigen kann. Berlin ist Modestadt, auf jeden Fall, aber Berlin
       hat seine eigene Darstellungsform. Es gibt so viele unterschiedliche Orte
       der Mode in Berlin, und die finden nicht nur zur Fashion Week statt. Man
       darf sich nicht wundern, wenn bei der Fashion Week in Berlin auch
       konservativere oder bodenständigere Labels auftreten. Berlin ist natürlich
       sehr undeutsch, Berlin ist aber dennoch auch deutsch.
       
       Was meinen Sie damit? 
       
       Das Undeutsche an Berlin ist, dass die Regeln dort neu geschrieben wurden,
       dass die Stadt selbst immer noch verwundet ist und das sehr anziehend für
       Menschen aus unterschiedlichen Städten und Ländern ist. Da ist eine Menge
       Platz und Raum, noch immer, für neue Ideen und Start-ups, für Kreation und
       Inspiration. Berlin ist als Stadt und aufgrund der Geschichte unglaublich
       spannend. Trotz aller Internationalität haben wir aber auch in Berlin eine
       deutsche Mode.
       
       Was ist typisch „deutsch“ an der Mode? 
       
       Die Mode in Deutschland hat noch einen anderen Stellenwert als die Mode in
       Italien oder Frankreich. Der Deutsche möchte etwas konsumieren, das sich
       rentiert, er möchte etwas für sein Geld bekommen, und es muss immer
       irgendwie einen technischen Aspekt haben – gerne mal so einen Gadget. Die
       Sommerdaune ist deswegen beispielsweise so ein Dauerbrenner in Deutschland,
       weil man damit immer praktisch angezogen ist. Die Mode als Inspiration und
       Ausdrucksmedium der eigenen Persönlichkeit? Da halten sich die Deutschen
       bedeckt.
       
       Ist die Stadt ein guter Ort für Menschen, die Mode machen wollen? 
       
       Berlin ist noch immer bezahlbar für einen jungen Menschen, der sich für
       eine Zeit einfach mal kreativ entfalten möchte. Im Vergleich zu anderen
       Mode-Metropolen kann ich hier kostengünstig ein Zimmer suchen und
       vielleicht auch eine Art Atelier. Diese Weiten und Strecken und Flächen,
       die gibt es kaum in einer anderen Stadt in Deutschland. Wenn man Raum und
       Fläche zur Verfügung hat, dann wird man auch größer in sich selbst.
       
       Aber Berlin wird doch immer teurer … 
       
       Aber du kannst dir hier immer noch ein Zimmer nehmen und durch Nebenjobs
       dein Leben finanzieren.
       
       Was hat Berlin, was andere Metropolen nicht haben? 
       
       Berlin hat eine Tendenz zum Eskapismus, und die Clubkultur spielt eine
       wahnsinnige Rolle. Man kann sich in Berlin verlieren, und ich glaube, das
       ist wichtig. Selbstfindung ist so ein Karriereschritt geworden, alles wird
       sofort professionalisiert. Dieses „Aus der Uni raus und sofort wissen, was
       der nächste Step ist, und der Business-Plan ist längst geschrieben und
       jetzt geht’s los …“ Vielleicht braucht man manchmal aber auch Zeit, sich
       erst einmal zu verlieren. Natürlich nicht auf eine Art und Weise, die
       selbstzerstörerisch ist. Aber ich finde das durchaus legitim, gerade als
       Kreativer.
       
       Was sagen Sie denen, die klagen, in Paris sei alles besser? 
       
       Das ist unfair. Natürlich kann Berlin als Modestandort noch nicht das
       bieten, was in Paris seit Jahrzehnten Tradition ist. Es ist ignorant,
       Berlin da ständig zu vergleichen. Berlin hat einen ganz anderen vibe als
       andere Modestädte. Vielleicht braucht Berlin so eine Modewoche gar nicht.
       Ich weiß es nicht.
       
       13 Jan 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henrike Koch
       
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