# taz.de -- Kinder des Umbruchs
       
       > Vor 30 Jahren begann die rumänische Revolution in Timișoara. Heute lebt
       > und arbeitet jeder fünfte Rumäne im Ausland. Eine Geschichte über
       > Rückkehrer, Dableiber und Exportkinder
       
 (IMG) Bild: Die Piața Victoriei in Timișoara im Westen Rumäniens. Hier begannen im Dezember 1989 die Massenproteste gegen den Diktator Ceaușescu
       
       Aus Timișoara Holger Fröhlich und Julia Lauter
       
       Am Stadtrand von Timișoara steht ein steinernes Häuschen im Schatten eines
       wuchtigen Rohbaus. Es ist eine von Tausenden unvollendeten Ruinen, die in
       jedem Dorf und in jeder Stadt Rumäniens wie faulende Zähne zwischen
       gesunden Häusern stehen. Sie alle erzählen von Sehnsucht und zerschlagener
       Hoffnung.
       
       Neben der Ruine sitzt Andrea Wolfer auf der von Wein überwucherten Terrasse
       ihres Häuschens. „Ich war gerade ein halbes Jahr alt, als wir das Chaos
       hier verließen und meine Eltern mit mir nach Deutschland gingen“, sagt sie.
       
       Hier, in Timișoara, im Westen Rumäniens nahe der Grenze zu Ungarn und
       Serbien, begann vor 30 Jahren jene Revolution, die dem Land neue Hoffnung
       gab. In diesem Jahr wurde auch Andrea Wolfer geboren. Sie ist ein Kind der
       Revolution. Heute schimmern auf ihrer Terrasse kleine dunkle Weintrauben
       zwischen den Blättern hervor.
       
       Wolfer spricht gewähltes Deutsch, sie wohnt im Stadtteil Freidorf, der auch
       im Rumänischen so heißt, eine deutsche Kolonie. Wolfers Mutter gehört der
       schwäbischen Minderheit Rumäniens an. Doch bei dieser Erzählung kommt die
       Tochter ins Stocken. „Wir lebten in der Nähe von Rottweil in
       Baden-Württemberg. Ich erinnere mich an Spaziergänge durch Parks, an schöne
       Spielplätze, daran, dass wir uns frei gefühlt haben.“ Doch bereits 1993,
       kurz nach ihrem vierten Geburtstag, kehrt die Familie nach Timișoara
       zurück. Ganz plötzlich. Die Eltern erzählen der Tochter nicht, warum.
       
       Wenige Fahrradminuten, einen Steinwurf vom Flüsschen Bega entfernt, legt
       sich Ema Staicut ein Zuhause aus Steinen und Hölzern. Vor sich hat sie ein
       tiefblaues Baumwolltuch ausgebreitet und arrangiert Bergkristalle, Muscheln
       und Rauchwerk darauf. Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Mutter im dritten Stock
       eines Wohnblocks, in dem die Nachbarn bei allen klingeln, wenn sie gebacken
       haben, und in dem jeder weiß, wessen Angehörige gerade im Westen zum
       Arbeiten sind.
       
       Sie zündet eine Kerze an: „Ich habe schon als Kind solche Arrangements
       gebaut. Selbst wenn ich nur eine Nacht bleibe, kann ich mir so ein Zuhause
       schaffen.“ Auch Ema Staicut ist im Jahr der Revolution geboren. Die
       30-Jährige hat vor vielen Jahren Rumänien verlassen, ihren Besitz trägt sie
       seitdem in Rucksäcken und Taschen mit sich.
       
       Das ist die Geschichte zweier junger Frauen, deren Lebenswege kaum
       unterschiedlicher sein könnten. Und doch haben sie eines gemeinsam: Über
       ihnen liegt der Schatten einer unvollendeten Revolution. Beide wurden kurz
       vor dem Umsturz 1989 in Timișoara geboren, wuchsen in die Wirren jener
       Jahre hinein und bekamen mit dem EU-Beitritt Rumäniens die Türen zu Europa
       geöffnet, pünktlich zur Volljährigkeit.
       
       Da ist Andrea Wolfer, deren Eltern sie zum Exportkind – so nennen es manche
       in Rumänien – erzogen haben, ausgebildet für ein besseres Leben im Westen.
       Und Ema Staicut, die nie vorhatte, ihr Land zu verlassen.
       
       Während hierzulande die deutsche Einheit gefeiert wird, ist in Rumänien
       dreißig Jahre später von der Euphorie jener Tage nichts mehr zu spüren. Und
       während in Deutschland über die friedliche Revolution diskutiert wird, sind
       die mindestens 1.104 Toten und 3.352 Verletzten der rumänischen Revolution
       bis heute ungesühnt.
       
       Viel ist passiert seit dem Umsturz vor 30 Jahren, mit dem EU-Beitritt 2007
       hat das Land einen großen Schritt nach vorne getan. Das
       Bruttoinlandsprodukt pro Kopf näherte sich dem EU-Mittelwert an, die
       Wirtschaft wächst beträchtlich. Gleichzeitig bleibt Rumänien eines der
       ärmsten Länder der Union, leben 16 Prozent der Bevölkerung ohne Zugang zu
       Sanitäranlagen.
       
       Wie tief die Kluft zwischen Stadt und Land ist, zeigt ein Beispiel: Das
       rumänische Internet zählt zu den schnellsten der Welt – gleichzeitig hat
       ein Drittel aller Menschen im Land gar keinen Internetzugang. Die Frage,
       wer von der Revolution profitierte, beschäftigt nicht nur Historiker und
       Gerichte, sondern auch die Menschen auf der Straße: Zehn Jahre nach dem
       EU-Beitritt fanden erstmals seit 1989 wieder Massenproteste in Rumänien
       statt. Damals, 2017, plante die Regierungspartei PSD, Korruptionsdelikte zu
       entkriminalisieren und eine Amnestie zu erlassen. Die sozialdemokratische
       Regierung, die nach der Revolution wichtige Posten besetzte, zog nach
       monatelangen Demonstrationen und auf Druck der EU das Vorhaben zurück.
       
       Eine Folge dieser Entscheidung: Im Frühsommer 2019 wurde der
       Parlamentspräsident Liviu Dragnea wegen Korruption verhaftet. Im November
       gewann der bürgerliche Kandidat erneut die Wahl zum Präsidenten mit dem
       Slogan „Für ein normales Rumänien“.
       
       Doch: Was ist normal? Jeder fünfte Rumäne lebt oder arbeitet im EU-Ausland,
       Deutschland ist wichtigster Handelspartner und erstes Ziel der ausreisenden
       Rumänen.
       
       Manche Kinder der Revolution wenden sich Rumänien aber wieder zu,
       freiwillig, wenn sie in der Heimat eine Chance für sich sehen. Oder
       gezwungenermaßen, wenn sie es im Westen nicht geschafft haben.
       
       Andrea Wolfer kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn sie auf ihrer
       Veranda in Freidorf von ihrer Rückkehr nach Rumänien erzählt. Auf dem alten
       Sofa vor ihrem Haus wirkt die große Frau dann sehr klein. Sie blickt auf
       die Mauern der Bauruine ihrer Eltern. Wolfer war vier Jahre alt, als ihr
       Vater sie zum Kindergarten in Rumänien zerren musste – das Mädchen wollte
       nicht ankommen, wünschte sich zurück in das kleine schwäbische Dorf, das
       ihr Zuhause gewesen war.
       
       Den Grund für die Rückkehr hat Wolfer bis heute nicht erfahren, es bleibt
       wohl für immer ein Familiengeheimnis. Nur so viel weiß sie: Die Rückkehr
       nach Rumänien empfanden die Eltern als Niederlage. „Sie wollten die Zeit in
       Deutschland einfach vergessen“, sagt Andrea Wolfer und wischt sich die
       Tränen aus dem Gesicht, „deshalb schwiegen sie.“ Ihr Leben war von einem
       Tag auf den anderen nicht mehr dasselbe: Im Kindergarten oder auf der
       Straße konnte Wolfer nicht sprechen, sie verstand kein Rumänisch. Und zu
       Hause war sie mit der Sprachlosigkeit ihrer Eltern konfrontiert. „Es gab
       keine Zeit für Geschichten, nur fürs Schuften“, sagt sie. Zurück in
       Rumänien hatten ihre Eltern nur noch zwei Dinge vor Augen: ein Haus zu
       bauen, das die einfachen Häuschen ihres Viertels in den Schatten stellen
       sollte – und ihre Tochter eines Tages zurückzuschicken nach Deutschland.
       
       Das Haus errichteten sie auf dem Grundstück der Großtante:
       doppelgeschossig, mit großem Balkon Richtung Straße, ein Haus wie aus dem
       deutschen Bilderbuch. Dafür arbeiteten die Eltern unablässig, selbst im
       Urlaub. Bis die Wirtschaftskrise kam, 2008. Seit elf Jahren steht nun ein
       Rohbau im Garten, ein Skelett eines Traumes. Im Keller sammelt sich das
       Wasser, im Dach wohnen die Spinnen. Der Garten wächst Jahr für Jahr weiter
       ins Innere des Hauses.
       
       Wenige Kilometer entfernt geht Ema Staicut durch die Straßen ihrer Kindheit
       und Jugend. Staicut ist am liebsten zu Fuß unterwegs, auch wenn sie bis zum
       Treffen mit ihren Freundinnen, von denen immer eine auch gerade zu Besuch
       in der alten Heimat ist, anderthalb Stunden gehen muss. So hat sie Zeit für
       die Erinnerungen, die am Wegesrand liegen: die Brücke als Treffpunkt der
       Schulschwänzer, der Park mit den Partys zwischen den hohen Platanen, die
       Bushaltestelle der unzähligen Wartestunden. Vor der Kathedrale der Heiligen
       drei Hierarchen, dem Wahrzeichen der Stadt, bleibt sie kurz stehen: „Von
       hier sieht man noch die Einschusslöcher in den Fassaden“, sagt sie, und
       zeigt auf die riesenhaften Jugendstil- und Barockbauten, die den Opernplatz
       säumen.
       
       Hier fielen am 17. Dezember 1989 die ersten Schüsse, schloss die Kirche vor
       den Flüchtenden die Tore. Innerhalb weniger Tage schwoll der Protest einer
       Handvoll Wütender zum Massenaufstand an. Sie plünderten Geschäfte und
       verbrannten die Bücher des Diktators Ceauşescu, dessen Misswirtschaft das
       Land in Armut geführt hatte. Am folgenden Sonntag standen Panzer in
       Flammen, das Kreisparteikomitee wurde gestürmt, Ceauşescu erteilte den
       Schießbefehl, er floh – und wurde am ersten Weihnachtsfeiertag 1989 um
       14.50 Uhr hingerichtet.
       
       Mit dem Tod Ceauşescus war die Hoffnung auf ein besseres Leben geboren.
       Doch an der Korruption hat sich 30 Jahre später kaum etwas geändert. Erst
       im Mai wurde der Vorsitzende der Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, wegen
       einer Scheinbeschäftigungsaffäre zu einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe
       verurteilt. Seine Verhaftung wurde – wie einst der Sturz Ceauşescus – live
       im Fernsehen bejubelt.
       
       „Ich wollte nie gehen“, sagt Ema Staicut und streicht sich die langen
       schwarzen Haare aus dem Gesicht. Wenn man sie aus der Ferne zwischen ihren
       Freundinnen umherspringen und herumalbern sieht, könnte man sie für ein
       Kind halten. Mit jedem Schritt aber, mit dem man sich ihr nähert, weicht
       das Bild des Kindes, und vor einem steht eine junge Frau, die zwar von
       kleiner Statur ist, aber eine große Kraft ausstrahlt.
       
       Lange Zeit habe es ihr in Timișoara an nichts gefehlt: Ihre Mutter, die als
       Schneiderin arbeitete, hat sie alleine großgezogen, der Vater ging, bevor
       sie ihn kennenlernen konnte. Die kleine Familie hatte nicht viel Geld, aber
       sie kam zurecht. Ema Staicut war eine gute Schülerin, die sich für Musik,
       fürs Theater begeisterte. Mit ihrer Schultheatergruppe trat die damals
       14-Jährige auf Festivals in ganz Rumänien auf. Doch auch ihr Leben änderte
       sich von einem Tag auf den anderen.
       
       „Meine Mutter bekam ein Angebot, als Pflegekraft in Italien zu arbeiten.
       Sie musste sich sofort entscheiden“, sagt Staicut. „Sie fragte mich, ob ich
       damit einverstanden wäre.“ Staicut lacht auf: „Natürlich stimmte ich zu:
       Ich war 16 und wollte meine Freiheit genießen!“ Was das für ihr Leben
       bedeuten würde, wussten beide Frauen nicht. „Dass ich tief in mir drin das
       Gefühl hatte, verlassen worden zu sein, erkannte ich erst viel später“,
       sagt Staicut. Die Mutter ging nach Italien, die Tochter blieb. Sie
       telefonierten viel. „Manchmal sagte sie, dass sie das alles nur für mich
       tat“, erzählt Staicut. „Das habe ich aber nie angenommen. Es war ihre
       Entscheidung, und ich wollte dafür nicht verantwortlich sein.“
       
       Die Mutter sprach kaum mit ihr über die Zeit der Revolution. Heute spricht
       ihre Mutter nur trocken davon, dass man für einen wirklichen Neuanfang „die
       da oben“ umbringen müsse. Auch der Tochter hat das Aufwachsen mit all den
       Lügen das Vertrauen in die Politik zerstört. Den rumänischen Medien traut
       sie nicht. „Ich versuche, den Menschen aufmerksam zuzuhören, zu verstehen,
       was sie bewegt. Auf ihre Geschichten stütze ich mich.“
       
       Andrea Wolfer indes wuchs mit dem Gedanken auf, dass nicht Menschen oder
       Institutionen, sondern das Land entscheidend für ein gutes Leben sei: Sie
       gehöre nicht nach Rumänien, sondern nach Deutschland, so wurde es ihr
       beigebracht. Wenn Kindern von Anfang an die finanziell vielversprechendsten
       Sprachen Europas gelehrt werden, auf dass sie es einmal besser haben und
       dorthin gehen, wo das Glück zu finden ist, Deutschland, Großbritannien,
       Frankreich – alles, nur nicht Rumänien. Andrea Wolfer ist ein solches
       Exportkind. Entgegen jeder Tradition bekam sie den mütterlichen Nachnamen –
       für einen leichteren Absprung aus der Heimat. Der Besuch der deutschen
       Schule war gesetzt.
       
       In ihrer Erziehung nahm sie einen Unterton wahr, den sie als Kind schwer
       deuten konnte, erzählt Wolfer: Sie sei etwas Besseres als die anderen. Das
       Gefühl, zum Gehen bestimmt zu sein, trennte sie von ihrem Umfeld. „Ich bin
       in einer Blase aufgewachsen“, sagt sie heute.
       
       Wie jedes gute Kind lehnte sich Andrea Wolfer irgendwann aber gegen ihre
       Eltern auf. Während diese Auflehnung bei anderen zum Weggehen führt, trat
       bei dem Exportkind das Gegenteil ein – es blieb, trotz aller Erwartungen
       der Eltern. Und das, obwohl der EU-Beitritt Rumäniens 2007 alles leichter
       gemacht hatte und viele ihrer Freunde das Land verließen. „Rationale
       Gründe, zu gehen, genügten mir nicht. Ich konnte das Aufbrechen einfach
       nicht spüren“, sagt sie. Stattdessen zog sie in das Häuschen ihrer
       Großtante neben der Ruine der Eltern und schaffte sich dort ein Zuhause.
       
       Wolfer sagt, in dieser Zeit lernte sie, Rumänin zu sein: „Leidenschaftlich,
       begeisterungsfähig, wie eine Welle, die über einen drüber schwappt, ohne zu
       fragen, ob es gerade passt.“
       
       Wolfer studierte Schauspiel in Timișoara, arbeitete am Deutschen Theater
       als Dramaturgin, betrieb für einige Jahre ein Kunstzentrum in einer
       verlassenen Zigarettenfabrik. Heute verdient sie ihr Geld mit
       Übersetzungen, mit deutschsprachigen Kinder- und Jugendtheaterkursen, mit
       Deutschunterricht für Kinder. Wolfer bildet die Exportkinder der nächsten
       Generation aus.
       
       Anders Ema Staicut. Als ihre Mutter ins gelobte Ausland ging, wurden für
       die Tochter Freunde umso wichtiger. Sie halfen der damals 16-Jährigen über
       das Alleinsein hinweg. Timișoara vibrierte, und sie und ihre Freunde
       genossen den Puls der Stadt. Als sie mit der Schule fertig war, verließ sie
       gemeinsam mit ihrer Clique die Stadt. Zehn junge Menschen, die voller
       Hoffnung nach Großbritannien aufbrachen. „Meine Mutter war noch immer in
       Italien, es gab nichts, was mich gehalten hätte.“ An den Moment des
       Aufbruchs kann sie sich nicht erinnern. Sie ging nach Canterbury, studierte
       Performing Arts. Ein Schauspielstudium in Rumänien konnte sie sich nicht
       vorstellen – „um Karriere zu machen, muss man hier immer die richtigen
       Leute kennen. Und freundlich zu ihnen sein. Auf so was hatte ich einfach
       keine Lust.“
       
       Und Ema Staicut machte Karriere, sie arbeitete an Produktionen in London
       mit und machte sich als Performerin einen Namen in der freien Szene. Als
       sie eine feste Stelle als Schauspielerin an einem Stuttgarter Theater
       bekommt, hat sie genau das erreicht, wofür die Exportkinder ausgebildet
       werden: einen festen Job in Deutschland. Doch im Gegensatz zu Andrea Wolfer
       war Ema Staicut nicht zum Ankommen in Deutschland erzogen worden. Heute
       verbringt sie einen Teil des Jahres in Thailand, spielt an verschiedenen
       Theatern in Stuttgart und lebt aus dem Koffer.
       
       Die als Exportkind erzogene Andrea Wolfer entschied sich gegen den
       Mobilitätsdruck, blieb in ihrem Häuschen am Stadtrand Timișoaras wohnen.
       „Manche nennen mich eine Patriotin, weil ich geblieben bin, weil ich in den
       Augen der Leute alte Werte hochhalte“, sagt sie und verdreht die Augen. Das
       Gegenteil sei der Fall: „Ich will, dass Rumänien ganz anders wird, als es
       heute ist. Deshalb bleibe ich. Ich kämpfe für eine andere Normalität.“
       
       Wer Andrea Wolfers Kampf verstehen will, der muss sie beim Radfahren
       erleben. Ihr Häuschen liegt am Stadtrand. Um in die Innenstadt zu kommen,
       fährt sie jeden Tag am Ufer der Bega entlang, vorbei an den zugewucherten
       Fabrikruinen, an den verrotteten Schwimmbädern aus besseren Zeiten und den
       zerfallenden k. u. k. Prachtfassaden. Wolfer wirkt zuweilen fahrig, doch im
       Sattel ihres Rennrads ist sie konzentriert, ihre Bewegungen sind
       geschmeidig. Sie kennt die Straßen Timișoaras gut, in jeder Straße
       kommentiert sie Neuerungen. An der Straße neben dem Opernplatz wird der
       begrünte Straßenrand aufgerissen – Wolfer schimpft: „Die Stadt erstickt,
       und sie beschneiden die Wurzeln der Bäume.“ Auf dem Gehweg beim Piața
       Mărăști bekommt ein großer Geländewagen einen Strafzettel – Wolfer ruft:
       „Richtig so, endlich passiert hier mal was!“
       
       Sie organisiert die „Critical Mass“ in Timișoara, eine
       Fahrraddemonstration, die es auch in vielen Städten weltweit gibt. Sie
       protestieren einmal im Monat für die Verkehrswende, für eine lebenswerte
       Stadt, die von den Bürgern und nicht den politischen Eliten gestaltet wird.
       Jeden Monat verliert sie Mitstreiterinnen, die es leid sind, gegen Mauern
       zu rennen, und ins Ausland gehen. Wolfer hat ihnen keine Argumente
       entgegenzusetzen. Sie macht trotzdem weiter.
       
       Als 2017 wieder Massen auf die Straßen gehen, um gegen korrupte Politiker
       zu demonstrieren, geht auch Wolfer mit. Sie vergisst das Essen, das
       Schlafen, ist euphorisiert von der Hoffnung, dass endlich alles besser
       werden würde. Sie ist jeden Tag auf den Beinen, mobilisiert, demonstriert
       vor dem EU-Parlament in Brüssel. Doch kurz darauf trifft sie und ihre
       Mitstreiter die Ernüchterung mit voller Härte. „Wir waren naiv, wir
       dachten, wir bringen mit ein paar Demos die Regierung zu Fall“, sagt Andrea
       Wolfer heute. Ihr und vielen Mitstreitern wurde klar, wie wenig sie über
       das politische System ihres Landes wussten. Warum gingen sie nicht wählen?
       Warum glaubten sie nicht an Parteien? Warum fühlten sie sich so machtlos?
       „Uns wurde klar, wie sehr die Vergangenheit weiterwirkt.“ Manchmal spricht
       sie davon, die nächste Bürgermeisterin vom Stadtteil Freidorf zu werden.
       Nur halb im Scherz. „Wir leben hier viel in unseren Träumen“, sagt sie.
       
       Als Ema Staicuts Mutter aus Italien wiederkehrt, hofft sie, dass auch ihre
       Tochter wieder in Timișoara Fuß fassen würde – doch die hat sich längst von
       ihrer Heimat gelöst. Beide mussten lernen, dass man Familie nicht einfach
       pausieren und später wieder aufsetzen kann. Die Mutter, nun Rentnerin, muss
       ihr Leben neu erfinden, die Tochter taucht nur ab und an als Besucherin
       auf. „Ich kann nicht nur für sie zurückkommen – so, wie sie nicht nur für
       mich bleiben konnte.“
       
       Staicut sei mit ihrem Leben als Reisende versöhnt, sagt sie: Trotzdem hat
       sie einen Traum, den sie gemeinsam mit ihren rumänischen Freunden, die auf
       der Welt verstreut leben, träumt: Sie haben ein Stück Land in
       Zentralrumänien, auf dem sie sich Hütten bauen wollen. Jeder eine, aber
       alle zusammen. „Wir wollen gemeinsam in der Natur alt werden“, sagt
       Staicut.
       
       In diesem Sommer, 30 Jahre nachdem der Umsturz in ihrer Heimatstadt
       losbrach, beginnen Ema Staicut und ihre Freunde, an ein Zuhause in Rumänien
       zu glauben. Sie hoffen, dass junge Menschen wie Andrea Wolfer so lange die
       Stellung halten.
       
       Holger Fröhlich, 36, ist Autor der taz am wochenende.
       
       Julia Lauter, 33, ist Autorin der taz am wochenende.
       
       Die Recherche der AutorInnen wurde mit dem Recherchepreis Osteuropa
       gefördert.
       
       7 Dec 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Holger Froehlich
 (DIR) Julia Lauter
       
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