# taz.de -- Debatte um Dienstpflicht: Die Pflicht als Freiheit
       
       > Die Idee eines verpflichtenden sozialen Jahres empfinden viele als
       > Zumutung. Dabei könnte es wie Kitt in einer gespaltenen Gesellschaft
       > wirken.
       
 (IMG) Bild: War nicht freiwillig, aber horizonterweiternd: Zivildienst in einem Klinikum, 2009
       
       Annegret Kramp-Karrenbauers Idee, eine Dienstpflicht einzuführen, ruft
       wütenden Widerspruch hervor. Pflichtdienste seien „vergangenes
       Jahrhundert“, kritisierte der Linke Dietmar Bartsch. Er bekam ausgerechnet
       Zustimmung von FDP-Chef Christian Lindner, der „Freiheitsentzug und eine
       Verschwendung von Lebenszeit“ geißelte. In sozialen Netzwerken tobte ein
       Shitstorm gegen den [1][vermeintlichen Zwangsdienst].
       
       Interessant ist, dass die Idee der CDU-Chefin auch von jenen verdammt wird,
       die darüber klagen, dass die Gesellschaft auseinanderdrifte, dass sich die
       Mittelschicht nach unten abgrenze, dass das Verständnis für alles jenseits
       der eigenen Blase schwinde. Solche Tendenzen zu problematisieren, aber
       [2][gegen ein soziales Jahr] zu sein, passt schlecht zusammen. Eine
       Dienstpflicht brächte junge Leute dazu, etwas fürs Gemeinwohl zu tun.
       
       Sie könnten sich in Naturschutzgebieten, Krankenhäusern oder Pflegeheimen
       engagieren – und dort andere Lebenswelten kennenlernen. Die Welten alter
       oder kranker Menschen, von Menschen mit Behinderungen, von Leuten also, die
       gewöhnlich am Rand stehen. Ein soziales Jahr, ordentlich bezahlt und klug
       organisiert, kann wie Kitt in einer fragmentierten Gesellschaft wirken.
       Weil es Wissen vermittelt, Verständnis füreinander weckt und Leute
       zusammenbringt, die sonst nie zusammenkämen.
       
       Bevor jetzt der Verdacht aufkommt, da erzähle ein mittelalter Typ der
       jungen Generation, was sie zu tun habe („Okay, Boomer!“): Ich habe meinen
       Zivildienst als Krankenwagenfahrer und Fahrer für Menschen mit
       Behinderungen Mitte der 90er beim Malteser Hilfsdienst geleistet. Diese 15
       Monate waren eine in jeder Hinsicht wertvolle Erfahrung.
       
       ## Warum soll das eine Zumutung sein?
       
       Ich trug gebrechliche, alte Damen und Herren Treppen hinunter, hielt auf
       dem Weg ins Krankenhaus viele Hände, hörte Geschichten über Einsamkeit und
       Verzweiflung und wischte auch mal Erbrochenes auf. Oder ich lachte mich mit
       den coolen Typen kaputt, die ich frühmorgens abholte und zu ihrer
       Arbeitsstätte fuhr. Und die nun mal zufällig mit einer geistigen
       Behinderung im Rollstuhl saßen. Mein Horizont wurde erweitert, radikaler,
       als es bei jedem Interrail-Selbstfindungstrip der Fall gewesen wäre.
       
       Ob ich den Zivildienst freiwillig angetreten hätte? Nein, wahrscheinlich
       nicht. Beliebt war der Dienst nicht bei jenen, denen er bevorstand. Wie die
       meisten meiner Kollegen hätte ich lieber die Gelegenheit genutzt, früher
       studieren zu gehen/die Lehre konsequenter durchzuziehen/durch die Welt zu
       reisen. Im Nachhinein sehe ich es anders.
       
       Lässt sich eine Pflicht, Gutes zu tun, mit dem Selbstbestimmungsrecht des
       Einzelnen vereinbaren? Es gebe ja bereits die Möglichkeit, freiwillig ein
       soziales Jahr zu leisten, betonen die KritikerInnen. Das stimmt, der
       Bundesfreiwilligendienst funktioniert, auch wenn er viel mehr offene
       Stellen als NachfragerInnen registriert.
       
       Erlaubt sei aber eine Gegenfrage: Warum wird eine Pflicht als solche
       Zumutung empfunden? Kinder werden heutzutage von klein auf in einen
       neoliberalen Wettbewerb gehetzt. Frühbildung in der Kita, Englisch in der
       Grundschule, G8 und Bachelor im Sauseschritt. Alles zielt darauf, dem Markt
       schnell Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen.
       
       ## Wertschätzung für andere Lebensentwürfe
       
       Unsere Gesellschaft gibt sehr viel auf persönliche Freiheit. Aber sie
       gesteht sich nicht ein, welch unerbittliche Pflicht dahintersteckt, nämlich
       die der kapitalismuskonformen Selbstoptimierung.
       
       Ein soziales Jahr wäre eine Pause im Rattenrennen. Eine verordnete Pause,
       ja, aber eine bereichernde. In einer Instagram-Gesellschaft, in der lässig
       performte Perfektion die Norm zu werden droht, also ein perverser
       Gruppendruck herrscht, können Pflichten etwas Entlastendes sein. Zu wissen,
       dass man ein Jahr lang entspannt etwas Sinnvolles tun kann, das kann man
       als Zwang verstehen. Oder als Erleichterung. Pflichten können auch ein
       Freiheitsgewinn sein.
       
       Wertschätzung für andere Lebensentwürfe ist eine nötige Voraussetzung für
       ein gedeihliches Miteinander. Erfolgreiche Menschen, die sich daran
       erinnern, dass es Hilfsbedürftige gibt, gehen pfleglicher miteinander um.
       Damals beim Malteser Hilfsdienst waren alle sozialen Schichten vertreten:
       Der Abiturient arbeitete mit dem Hauptschüler, der künftige
       Soziologiestudent mit dem künftigen Handwerker. Wir haben gelernt, dass
       auch Leute ganz anderer Herkunft klug, freundlich und lustig sein können.
       Oder, anders herum, dass beim Arschlochsein der Schulabschluss keine Rolle
       spielt.
       
       Ist das nun „vergangenes Jahrhundert“, wie Dietmar Bartsch meint? Sicher,
       die Hürden im Grundgesetz für eine solche Dienstpflicht sind hoch, zu
       Recht. Kramp-Karrenbauers Vorschlag müsste tiefgehender diskutiert werden,
       sie hat ja nicht mehr als einen Denkanstoß geliefert. Auch ist eine
       Mehrheit für eine Grundgesetzänderung nicht in Sicht.
       
       ## Blick über den Tellerrand für alle
       
       Aber die Vorstellung, der Staat dürfe den BürgerInnen keine Pflichten
       auferlegen, ist realitätsfremd. Selbstverständlich kann eine demokratische
       Mehrheit Einzelne zu etwas verpflichten, wenn sie es als sinnvoll erachtet.
       Beim Thema Steuern verlässt sich der Staat auch nicht auf das
       Goodwill-Prinzip, auch wenn Superreiche gerne argumentieren, sie spendeten
       ja schon genug Geld.
       
       Und die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre war nichts anderes
       als die Pflicht, länger zu arbeiten. Wo war damals der Protest von
       Christian Lindner?
       
       Eine Dienstpflicht hätte nicht zuletzt egalitären Charakter. Bisher gönnen
       sich die Jugendlichen, die es sich leisten können, ein Jahr zur
       Selbstfindung nach der Schulzeit. In der gut verdienenden Mittelschicht ist
       es gang und gäbe, den Nachwuchs ein Jahr ins Ausland zu schicken.
       
       Eine Dienstpflicht wäre der Blick über den Tellerrand für alle. Sollte man
       als Linker nicht dankbar sein, dass sich eine Konservative mit solchen
       Ideen profiliert, statt über Abschiebungen von Geflüchteten zu sinnieren?
       
       23 Dec 2019
       
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