# taz.de -- heute in bremen: „Nüchtern sein hat sich scheiße angefühlt“
Interview David Siegmund-Schultze
taz: Sick, du warst jahrzehntelang drogenabhängig, hast es geschafft, clean
zu werden und gibst heute Seminare an Schulen. Was kannst du Jugendlichen
mitgeben?
Sick: Vor allem, was ich über mich selber gelernt habe. Ich habe viele
Jahre im Nebel verbracht und kam nicht damit zurecht, wie ich mich gefühlt
habe. Das Heroin hat mir geholfen, auf Knopfdruck alle negativen Emotionen
auszuschalten. Wenn ich heute in einer zehnten Klasse bin, hat die Mehrheit
der Schüler*innen bereits Erfahrungen mit Drogen, meistens Alkohol und
Cannabis. Denen kann ich mitgeben, dass es das Wichtigste ist, den Mund
aufzumachen, wenn man sich schlecht fühlt. Und, was mein Schlüssel dafür
war, von der Sucht wegzukommen: die eigenen Emotionen nicht mehr zu
ignorieren oder wegzudrücken. Da hatte ich drei Jahrzehnte
unausgesprochener Gefühle aufzuarbeiten.
Hat, um von der Sucht loszukommen, auch die Geburt deiner Tochter eine
Rolle gespielt?
Natürlich, das war ein Wendepunkt. Aber von der Geburt 2003 bis etwa 2012
war es noch ein ständiger Kampf. Ich war bestimmt zehn oder zwölf Mal
freiwillig in der Entgiftung, bin aber immer wieder rückfällig geworden.
Bis zu dem Zeitpunkt war das nur ein Aushalten, und das Nüchtern-Sein hat
sich scheiße angefühlt.
Und 2012 hat dann die You-Tube-Serie „Shore, Stein, Papier“ angefangen, in
der du von deinem Leben erzählst…?
Genau, ich wurde gerade aus der Entgiftung entlassen und dann kam der
Anruf, dass Interesse an einer Serie bestünde. Bis dahin wusste ich nichts
mit mir anzufangen, und plötzlich konnte ich einer sinnvollen Tätigkeit
nachgehen. Das war meine Rettung. Ich habe so richtig die Hose runter
gelassen und alles erzählt. Darunter vieles, was ich auch selber schon ganz
weit weg gedrängt hatte.
Du sagst oft, dass Drogensucht eine lebenslange Diagnose ist. Wie schaffst
du es heutzutage, dem Suchtdruck standzuhalten?
Das Wichtigste ist immer noch die ständige Auseinandersetzung mit mir
selbst: zu lernen, wie ich meine Gefühle kontrollieren kann. Außerdem hält
mich meine Arbeit clean: an Schulen die Tiefpunkte meines Lebens
hochzuhalten. Dadurch werde ich immer wieder mit meiner Vergangenheit
konfrontiert.
Wird dir das nicht irgendwann zu viel, ständig von deiner Vergangenheit zu
erzählen?
Eigentlich nicht, das Erzählen aus der Vergangenheit zementiert ja meine
Zukunft. Mir hilft das, und es fühlt sich gut an. Vielleicht kann man das
mit dem Opa vergleichen, der immer dieselben Geschichten vom Krieg erzählt.
Das wird dem ja auch nicht langweilig. Und weil mein Publikum wechselt,
nerve ich auch niemanden damit.
4 Dec 2019
## AUTOREN
(DIR) David Siegmund-Schultze
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