# taz.de -- Uli Hoeneß nicht mehr Bayern-Chef: Heiligsprechung nicht ausgeschlossen
       
       > Uli Hoeneß geht. Mal wieder. Es ist also Zeit für Rück- und Ausblicke und
       > die besten Wünsche für den nächsten Lebensabschnitt.
       
 (IMG) Bild: Uli Hoeneß feiert mit Zigarre nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2017
       
       Paul Breitner sagt: „Wenn Uli jetzt aufhört, ist das die größte Zäsur in
       der Geschichte der Bundesliga. Kein Manager hat die Liga so bestimmt wie er
       – im Grunde war er die Bundesliga.“ Warme Worte von einem, der mit Uli
       Hoeneß so viel erlebt hat wie sonst wohl kein anderer. Es sind jedoch keine
       aktuellen Sätze, sondern bereits neun Jahre alte, gefallen zu Hoeneß’
       Wechsel vom Manager- auf den Präsidentenposten. Und so wenig wie Hoeneß
       damals an Stimmkraft verloren hat, wird er auch nach seinem am Freitagabend
       bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern anstehenden Rückzug vom
       Präsidententhron nicht verstummen, warum auch?
       
       Er ist Uli Hoeneß, und der Mensch, der ihm den Mund verbietet, muss wohl
       erst noch geboren werden. Wobei: Breitner ist nun wirklich keiner, dem so
       schnell die Worte ausgehen. Doch zum Servus des wundersamen Geldvermehrers
       sagt er nur: „Das Einzige, das ich sagen möchte – unabhängig von allen
       persönlichen Unstimmigkeiten –, ist: Er ist der einzige Fußballmacher, den
       ich auf die Stufe mit Santiago Bernabéu stelle.“ Ende der Durchsage. Bevor
       er sich den Mund verbrennt, sagt Breitner lieber nichts mehr. Ausgerechnet
       er, der ansonsten jederzeit zu allem und jedem eine sehr dezidierte Meinung
       hat. So eng, wie die beiden mal waren, so weit haben sie sich voneinander
       entfernt. Zwei Superegos, viel verbrannte Erde – und davon hat Uli Hoeneß
       in mehr als vier Jahrzehnten jede Menge hinterlassen.
       
       Dabei können die ewigen Begleiter des Ulrich H. aus U. derzeit gar nicht
       aufhören mit den Elogen auf „Uli Allmighty“. Bild-Kolumnist Raimund Hinko
       weiß gar nicht, welche der abertausend Anekdoten er zuerst erzählen soll.
       Fehlen darf natürlich nicht die Nacht am Krankenbett: „Vielleicht denkst Du
       an 1982, als Du in Hannover als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz
       überlebt hast. Ich war damals nach Deiner Susi und nach Paul Breitner der
       erste, der Dich am Krankenbett besuchten durfte. Ein Interview musste ich
       schnell vergessen, Du konntest nur röcheln. Ich hatte Angst um Dich. Und
       was machst Du Verrückter? Vier Tage später hast Du Dich nach München
       verlegen lassen. Mit WAS? Mit einem FLIEGER! So stark kannst nur Du sein.“
       
       Das ist ganz großer Sport, kulminierend in einem Rat („Flieg Uli, flieg.
       Hinein in die Freiheit!“) und dem Ausblick auf die Abschiedsmesse in der
       Olympiahalle: „Sie müssen Dämme bauen, weil es ein Meer der Tränen geben
       wird.“ Recht hat er, die Ehrenpräsidentschaft sollte mindestens noch drin
       sein, Heiligsprechung nicht ausgeschlossen.
       
       ## Prägende Rolle
       
       Ein knappes Dutzend Biografien gibt es zu Uli Hoeneß, keine einzige
       Autobiografie. Die wäre wohl so dick wie die FC-Bayern-Chronik zum 111.
       Vereinsgeburtstag 2011: 28 Kilo, 2.999 Euro. Drunter würde es Hoeneß nicht
       machen. Manchmal hat der bekennende Bauchmensch innerhalb einer Woche Stoff
       für einen veritablen Wälzer geliefert, sich immer wieder um Kopf und Kragen
       geredet, einen Ausbruch an den nächsten gereiht, nach dem Motto: Alles muss
       raus.
       
       Waldemar Hartmann, auch so ein Unikum, hat mal über ihn gesagt:
       „Faszinierend, wie in unserer rasenden Zeit ein Mensch über 30 Jahre in
       wechselnder Rolle, mal als Abteilung Attacke, mal als Mutter Teresa, das
       Bild des deutschen Fußballs geprägt hat. Uli Hoeneß könnte dem Papst ein
       Doppelbett verkaufen.“ Vom Schalk Mehmet Scholl ist folgende Sentenz
       überliefert: „Mein Traumberuf war immer: Spielerfrau oder Hund bei Uli
       Hoeneß.“
       
       Es gibt ja so viel zu erzählen: 41 Jahre Manager, Präsident und Macher des
       FC Bayern, zuvor acht Jahre Weltklassestürmer, dreifacher
       Europapokalsieger, Welt- und Europameister, 11,0-Sprinter, gefeierter
       Himmelsstürmer und Zauberlehrling, Anti-Held der „Nacht von Belgrad“ im
       EM-Finale 1976, Knorpelschaden und Karriereende mit 27, jüngster Manager
       der Bundesliga. Der Rest ist Geschichte. Eine höchst unterhaltsame
       Geschichte.
       
       Und das ist ja nur der Fußball-Hoeneß. Von seiner sozialen Ader haben wir
       da noch gar nicht gesprochen. Der Mann hat kein Problem damit, den Coverboy
       für ein Obdachlosen-Magazin zu geben oder per Benefizspiel marode Klubs vor
       der Pleite zu bewahren. Reiner Calmund sagte mal: „Trotz der Daum-Affäre
       ist er ein echter Freund. Wenn ich ein Problem hätte und nachts anrufen
       würde, Uli Hoeneß stünde auf der Matte und würde mir wie auch immer sofort
       helfen.“
       
       Werders Ex-Präsident Willi Lemke, in den 80ern ein Intimfeind von Hoeneß,
       erzählte unlängst, er habe der Richterin geschrieben, die über die
       vorzeitige Haftentlassung von Hoeneß zu entscheiden hatte und sich dafür
       eigens von einem Juristen beraten lassen. Und Lothar Matthäus meinte: „Auch
       wenn wir viele Kontroversen hatten: Bei Uli Hoeneß wusste man immer, woran
       man ist. Er hat nie etwas hintenrum gemacht.“ Das Zitat stammt noch von vor
       Hoeneß’ Zeit als Börsensüchtiger und Steuerhinterzieher, als ihn der
       Spiegel zum „Schein-Heiligen vom Tegernsee“ taufte.
       
       [1][Nun ersetzt also der eine Metzgersohn den anderen]: Herbert Hainer wird
       der neue Präsident sein. Über diesen hageren, unscheinbaren Mann neben ihm
       auf der Tribüne hat Hoeneß mal gesagt: „Der Herbert hat mich immer
       öffentlich verteidigt. Es kann kommen, was mag: Zwischen uns kann nichts
       mehr passieren. Unsere Freundschaft hält.“ Reinstes Hoeneß-Pathos. Hainer
       hat das auch drauf: „Ein Freund, mit dem du weinen kannst, ist ein
       Geschenk“, hat er mal gesagt. Hoeneß stand ihm bei, als 2006 seine Tochter
       starb; umgekehrt war Hainer einer der Ersten, der [2][Hoeneß im Gefängnis]
       besuchte: „Das macht Freundschaft aus: Man steht zu seinem Freund,
       unabhängig von dem, was opportun ist.“ Brüder im Geiste. Da haben sich zwei
       gefunden.
       
       Was das für den FC Bayern heißt? Nun, es kommt ein 65-Jähriger für einen
       67-Jährigen – ein Generationswechsel sieht anders aus. Wer glaubt, dass mit
       der Demission von Hoeneß seine Ära zu Ende ist, der glaubt auch an den
       Weihnachtsmann. Hoeneß’ Stimme wird bei Bayern so lange maßgeblich sein,
       bis er die Augen zumacht, egal ob als Ehrenpräsident, Greenkeeper oder
       Tegernsee-Rentner. Dass er bei der Bestallung des nächsten Trainers
       mitreden wird, hat er schon angekündigt – von wegen einfaches Mitglied. Und
       mit Hasan Salihamidžić hat er auf den letzten Drücker noch einen Mann in
       den Vereinsvorstand gedrückt, der alles tun würde, nur nicht ihm
       widersprechen.
       
       Ob er seinem Klub damit einen Gefallen getan hat, ist fraglich. Max Eberl
       oder Philipp Lahm wäre sicher mehr Expertise zuzuschreiben. Wie wenig
       Reputation hat Salihamidžić, den sie früher Brazzo, das Bürschchen, riefen,
       wenn sein Präsident sonntagmorgens beim Fernsehen anrufen muss, um ihn
       gegen Häme in Schutz zu nehmen? Wie groß mit Hut wird er noch sein, wenn er
       mit Oliver Kahn, dem neuen starken Mann in spe, am Tisch sitzt?
       
       Uli Hoeneß wird all das verfolgen und begleiten, wird so präsent und
       gefragt sein wie eh und je – anders als sein ewiger Antipode Karl-Heinz
       Rummenigge, der 2021 aus dem Amt scheidet und den am Ende des Tages niemand
       vermissen wird. Der kann dann in aller Ruhe seiner Rolex-Sammlung beim
       Ticken zuhören, während Hoeneß für sein Lebenswerk weiterhin die Glucke
       geben wird: keifen, giften, Druck machen, in Schutz nehmen. Weil er nicht
       anders kann. Altersmilde? Unwahrscheinlich. Wenn Hoeneß sagt „Ich werde dem
       Verein so lange dienen, bis ich nicht mehr atmen kann“, klingt er fast wie
       dieser andere Sturschädel, Charlton Heston: „From my cold, dead hands …“
       
       15 Nov 2019
       
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