# taz.de -- berliner szenen: Ost-Berlin? Hä??
Ost-Berlin und West-Berlin waren zwei Welten, okay, das weiß man. Und doch
verblüfft es mich manchmal neu. Eine Kollegin, die in West-Berlin geboren
ist und zu Mauerzeiten schon Stadtführungen machte, erzählte mir neulich,
dass sie vor Mauerfall nie in Ost-Berlin war. Und sie verriet mir den Satz,
den die meisten Westberliner Ur-Pflanzen sagten, wenn man sie fragte, ob
sie ab und zu Ost-Berlin besuchen: „Was soll ich denn da?“ Ich musste
schallend lachen, als ich das hörte. Aber eine andere Kollegin, die in
West-Berlin gelebt hat, bestätigte das mit ernstem Blick: „Was soll ich
denn da?“, das war der typische West-Berlin-Satz, bezogen auf Ost-Berlin.
Die erste Kollegin erzählte auch, wie sie mal von einem alten Mann gefragt
wurde, wo denn der Berliner Dom sei. Sie antwortete: „Dom? Hamwa nich.“ Der
Mann erinnerte sich, dass er dort in den dreißiger Jahren geheiratet hatte,
doch die Kollegin bestand darauf: „Hier gibt’s keinen Dom.“ Vergangene
Zeiten. 80er Jahre halt. Auch Westberliner Stadtführungs-Pflanzen lassen
heute das Rathaus Schöneberg weg und fahren zum Gendarmenmarkt. Und
irgendwie tun viele so, als wär da immer eine geheime, innere Verbundenheit
gewesen zwischen West- und Ost-Berlin. Wer weiß, vielleicht gab’s Menschen,
die das damals so fühlten, zumal wenn sie jemanden kannten auf der anderen
Seite.
Ich bin in Bochum zur Schule gegangen, auch 80er Jahre, und ich erinnere
mich: DDR, Ost-Berlin, das war weiter weg als Kanada, Australien oder
Brasilien. Wir mussten mal alle Länder Südamerikas auswendig lernen. Klar,
im Politikunterricht erfuhr man was über die Mauer und so. Aber trotzdem,
Cottbus, Dresden, Unter den Linden? Exotisch, wusste man nix zu zu sagen.
Da hätte uns Kids mal jemand nach dem Berliner Dom fragen sollen.
Giuseppe Pitronaci
17 Sep 2019
## AUTOREN
(DIR) Giuseppe Pitronaci
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